Fotograf Joachim BaldaufEr kann nicht hässlich

Der Modefotograf Joachim Baldauf zeigt Deutschlands Schönheit und Charakter. In "Talking Fashion" spricht er von seiner Arbeit und über das Problem der Nacktheit. von 

Die Sprachen der Mode? Italienisch. Französisch. Englisch. Deutsch? Eher nicht. Zu sperrig, kantig, verkopft. Deutsch ist die Sprache der Ratio. Die Emotio hingegen spricht Italienisch, die Coolness Britisch, die Eleganz parliert en français.

Deutschland hat in der Mode einen schweren Stand. Völlig zu Unrecht, findet Joachim Baldauf. "Ich habe angefangen, selbst zu fotografieren, weil in den Modeheften die deutsche Eleganz gefehlt hat", sagt er im Video-Interview. Inzwischen zeigt der Modefotograf seit rund 20 Jahren, was er unter dieser deutschen Eleganz versteht. Seine Bilder bringen zum Vorschein, was der deutsche Kulturkreis an Ästhetik, Schönheit, Charakter und Witz zu bieten hat.

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Claudia Schiffer, Eva Padberg, Christina Kruse und Luca Gadjus fotografiert er häufig. Statt als aufreizende Models zeigt Baldauf sie meist als selbstbestimmte Frauen. Mit formalistischen, ganz auf die Objekte, Räume und Farben konzentrierten Bildern prägte Baldauf von 1999 bis 2002 die Bildsprache der internationalen Designzeitschrift Wallpaper. Und Wallpaper prägte den Sleek-Chic der Jahrtausendwende. Ohne Scheu nutzt der gebürtige Allgäuer aber auch die Stilelemente seiner süddeutschen Heimat: Trachtenjanker, pralle Wangen, Kopftücher und bauschige Röcke. Nicht selten war er damit dem Zeitgeist einen Schritt voraus. "Als ich die ersten Männer mit Bärten fotografiert habe, war das noch ein Schock", sagt Baldauf.

Von Hamburg aus hat Baldauf für alle großen deutschen Magazine und viele internationale Hefte gearbeitet. Seinen Erfolg in einer selbstverliebten Branche verdankt er nicht zuletzt dem Ruf, stets freundlich zu sein. Bei Baldauf sind Stil und Menschlichkeit keine Antagonisten. Er nimmt beides ernst, nimmt den Menschen im Model ebenso zur Kenntnis wie die Skulptur in einem Kleid. "Ein gutes Modefoto ist Inspiration, auch wenn man sich die Sachen selbst nicht leisten kann", sagt er. 

© Distanz Verlag, Berlin

Seit einigen Jahren lebt der 47-Jährige in Berlin. Mit dem Ortswechsel scheint sich auch der Schwerpunkt seiner Arbeit verschoben zu haben: Häufig illustriert Baldauf Geschichten rund um Liebe, Sexualität und Körperideale mit einfühlsamen Nacktaufnahmen. Auch arbeitet er derzeit an einem Hunderte Seiten starken Bildband zum männlichen Akt.

So folgt Baldauf einem anderen deutschen Meister der Mode- und Aktfotografie: Helmut Newton. Und doch geht er eigene Wege. Newton machte die nackte Haut seiner Modelle zu einer glamourösen Hülle, die so wenig über den Menschen darin verrät wie ein schwerer Pelzmantel. Während er in den sechziger Jahren gegen die neue Verherrlichung der Natürlichkeit anfotografierte, fühlt sich Baldauf der damals angestoßenen Emanzipation des Körpers verpflichtet. "Was passiert, wenn sich eine Frau auf einem Modefoto wohlfühlt und man ihr das auch ansieht?", das habe er sich am Anfang seiner Karriere oft gefragt.

Baldauf gibt seinen Modellen Raum, arbeitet gewissermaßen durch sie hindurch und ist zugleich in jedem Bild selbst präsent. Der in diesem Frühjahr erschienene, 384 Seiten dicke Band Joachim Baldauf Photographs (Distanz) zeigt die große Vielfalt seiner Mode- und Porträtarbeiten. In jedem Schauspielerporträt, in jedem Modefoto sehen wir, was er sieht. Echte Menschen.

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Leserkommentare
  1. Warum, um alles in der Welt, muss man diese oberpeinliche [...] Sprache benutzen? "Er kann nicht hässlich" Was soll das sein?

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie auch Kritik respektvoll. Danke, die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
    • cmim
    • 06. Mai 2013 19:20 Uhr

    Problem der Empathie@1

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  2. ich mag nackte Menschen, vor allem wegen natürlichkeit und aus philantropischen Gründen. Aber ich fühl mich so allein weil die voyeuristische Gesellschaft, die mich dafür bezahlt sie regelmäßig mit ihrer Tagesration jugendlichen Fleisches zu versorgen, nicht erkennt, dass auch eine haarige Männerbrust schön sein kann !? come on..

    Eine Leserempfehlung
  3. Mei, Herr Baldauf, sie sprechen mir aus der Seele.

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