KreativwirtschaftEin Schaufenster für Münchens Jungdesigner

Zu hohe Mieten, zu wenig Platz: Münchner Produktdesigner waren in der Stadt lange nicht sichtbar. Ein Laden auf der Maximilianstraße soll das ändern. von Mareike Nieberding

Der temporäre Shop Haeppi Piecis verkauft Mode und Produktdesign aus München.

Der temporäre Shop Haeppi Piecis verkauft Mode und Produktdesign aus München.   |  © Phil Pham

München hat ein Image-Problem. Vor allem bei jungen Kreativen. Zu viel Bling Bling und zu wenig Subkultur. Dabei gibt es sie, die jungen Designer und Künstler – an der Kunstakademie oder der Design-Fakultät der Fachhochschule. Doch bis auf die bekannten Industriedesigner Konstantin Grcic und Stefan Diez sind sie für die meisten Münchner unsichtbar. 

"In Berlin sind die Kreativen Teil der Stadtkultur. Das müssen wir in München erst noch etablieren", sagt die Produktdesignerin Alexandra Weigand. Bei den horrenden Münchner Mieten ist das Eingliedern ins Stadtbild jedoch nicht nur eine Frage des Willens, sondern auch des Dispo-Kredits. 

Anzeige

Also entwickelten Alexandra Weigand und die Schmuckdesignerin Anne Gericke die Idee einer Plattform für junge Designer, mitten auf der Maximilianstraße, Münchens Luxusmeile. 

Mode von Münchner Labels wie Haltbar, J'ai mal à la tête, Menue Orange, Neonlachs und Petersen

Mode von Münchner Labels wie Haltbar, J'ai mal à la tête, Menue Orange, Neonlachs und Petersen   |  © Phil Pham

Dort residiert nun Haeppi Piecis, ein temporäres Ladengeschäft für lokales Design, direkt neben der Boutique von Gucci. Zu kaufen gibt es Produkte aus Stadt und Umgebung. Zum Beispiel Porzellan von Birgitta Schrader aus Scheyern bei Pfaffenhofen. Die Töpfermeisterin macht pastellfarbenes Geschirr ohne Schnickschnack. Für sie ist ein Becher ein Becher, ein Teller ein Teller. Keine Henkel, keine Verzierungen. Dazu gibt es Schmuck, Lederwaren, Bücher, Hüte und auch Mode. Anja Pawlik schneidert für ihr Label J'ai mal à la tête klassische Männermode. Die Oberhemden, Parkas oder Bomberjacken versieht Pawlik mit farblich abgesetzten Taschen oder großflächigen Digitaldrucken. Neonlachs bewegt sich an der Schnittstelle zur Maßanfertigung. Die Schneiderinnen Sarah Kaldewey und Lena Geißler designen und produzieren im Allgäu. Für Haeppi Piecis haben sie eine Cruise-Kollektion mit Leinensakkos und Batikkleidern entworfen, die im Herbst um wollene Mäntel und Jacken ergänzt wird.

Kreative bereichern das Flair der Stadt

Bis November 2013 können die Macherinnen den Laden zur  Zwischenmiete nutzen. 5.000 Euro Startgeld gab ihnen die Stadt München dazu. Dass Genehmigung und Finanzierung so ungewöhnlich unkompliziert erfolgten, liegt wohl daran, dass die Stadt die klassische Kulturförderung derzeit zur Kreativwirtschaftsförderung umbaut.

"Künstler und Kreative sind wichtig für das Flair einer Stadt, aber sie sind auch Teil des Stadtmarketings und ein Wirtschaftsfaktor. Wir wollen sie durch Annäherung halten", sagt Marc Gegenfurtner vom Kulturreferat. Dieser verkaufsorientierte Ansatz verheißt nichts Gutes für die freie Kunst. Für Produktdesign, das funktionieren und sich verkaufen muss, ist es eine Chance.

Die Organisatorinnen Anne Gericke (links) und Alexandra Weigand

Die Organisatorinnen Anne Gericke (links) und Alexandra Weigand  |  © Mirei Takeuchi

Die Infrastruktur im Münchner Kulturbetrieb ist schon lange da – im Kunstraum Maximiliansforum wird immer wieder kritisch über Design diskutiert, die Pinakothek der Moderne stellt seit fast zehn Jahren Schmuck als Kunst aus und das Haus der Kunst zeigt neben Skulptur oder Malerei auch Mode, wie im Jahr 2011 eine Retrospektive zu 30 Jahren japanischem Modedesign, es gibt Handwerksbetriebe, die vor Ort produzieren und: das Publikum ist kaufkräftig.

Dennoch brauchen die Münchner Kunden Orientierungshilfe, sagt die Designerin Saskia Diez, die ihre Werkstatt im Glockenbachviertel hat. "Münchner machen sich nicht auf die Suche nach neuem Design. Da könnte die Stadt etwas mehr auf die Sprünge helfen: Ateliers, Ausstellungsflächen, Geld für Präsentationen im Ausland, weniger Bürokratie."

Diez hat es mit ihrem filigranen Schmuckdesign geschafft. Ihre feinen goldenen Ringe und Ketten tragen Frauen in Norwegen, den Arabischen Emiraten oder Japan. Die Designerin ist weltweit sichtbar. Viele ihrer Kollegen noch nicht mal münchenweit.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • mp_bdf
    • 12. August 2013 11:32 Uhr

    München wird immer mit Berlin verglichen. Berlin mit London usw.... . Das brauchts gar nicht. Meiner Meinung gibt es in München schon immer viele interessante Leute die ziemlich gute Arbeiten machen. Eine starke "Subkultur" wenn man dies so nennen mag. Ob Musik, Theater, Kunst und anderen Kreativen Berufen. In München muß man denk ich eine Zeit lang verbringen und eintauchen über Freunde, Bekannte und Netze stricken. Der erste Eindruck des wohlhabenden Münchens ist halt manchmal anders. Aber sicherlich ist das alles nicht auf den Weg zum besser werden. Es wird alles schwieriger. Die steigenden Mietpreise und das Verschwinden von "Raum zum Entstehen und Entwickeln" hat in den letzten Jahren keinen positiven Einfluß gehabt. Aber das ist halt in den meisten grossen Städten so, in Berlin genauso. Happi Piecis ist ein kleines Zeichen von der Stadt, aber ob es nur eine oberflächliche Werbung der Stadt ist da was zu tun muß wird sich zeigen. MÜNCHEN MUSS bezahlbaren RAUM SCHAFFEN und FREIHALTEN sonst wirds sicherlich fad, grau und eintönig werden. Denk das ist auch so wichtig für kleine Ladenbesitze, die werden rausgedrückt aus der Innenstadt. Da braucht man dann gute Konzepte oder einen starken Kundenstamm um auch in versteckten Ecken zu überleben.

    • lichud
    • 12. August 2013 20:32 Uhr

    Weder die Autorin, noch die Interviewten scheinen sich über die Unterschiede der verschiedenen Designberufe im Klaren zu sein, aber das ist auch kein Wunder.. Die Berufsbezeichung Produktdesigner ist ja leider nicht geschützt , so wie bei Architekten, Ingenieuren, Anwälten. Jeder darf sich Designer nennen.

    Dabei ist der Produktdesigner nicht Gestalter von Unikaten, sondern von Produkten, die in einer seriellen (Massen)-Produktion hergestellt werden.
    Kann man auch gern mal Wikipedia fragen, oder sonstwen, der sich damit auskennt.

    Was hier auf den Bildern zu sehen ist, sind eigentlich durch die Bank Unikate und Handarbeit, das hat mit meinem Beruf recht wenig zu tun.

    Förderung der Kreativwirtschaft ist richtig und gut, und wichtig, aber bitte nicht alles durcheinander bringen.

  1. ...Berlin, London und anderswo liegt darin, dass diese Stadt sich bzgl. Kreativität an der eigenen Nabelschau sättigt. So hart das auch klingt.

    Aber auf dieser Stadt lastet der Fluch des Fertigen, des Perfektionierten.
    Es ist ja nicht so als wäre da kein Potential. Viele Randbedingungen sind gegeben,ebenso wie in Berlin, London und - gerne noch einen Schritt weiter - Amsterdam, New York und Kopenhagen. Es gibt ja kreative Köpfe, auch die Kreativitätshungrigen, einen Reichtum an Ausgangsmaterial, internationalem Flair/Input und die nötige Wirtschaftskraft. Was fehlt ist die unbändige Lust am Experimentieren, am ungewissen Ende.

    Und wenn das bisschen was gedeiht sogleich zur Kunst konserviert wird, verwunderts kaum dass von München bzgl. Kreativität und Design kaum Strahlkraft ausgeht.

    Wir, Produktdesignerin und Architekt, kamen aus der Provinz, quasi aus der Not, an den reichen Fleischtopf an die Isar und sind doch verhungert am Mangel an Inspiration und Entfaltungsmöglichkeiten. Mittlerweile haben wir anderswo den Boden gefunden um zu gedeihen. Das Netzwerk schliesst oben genannte Orte ein, ebenso wie Leipzig, Bergisch Gladbach und die sauerländische Provinz. München übernimmt dann leider die traurige Rolle als dankbarer Absatzmarkt. Mit einem abgespeckten, auf den doch uniformellen Geschmack abgestimmten Sortiment. Was den Satz von Frau Dietz "Münchner machen sich nicht auf die Suche nach neuem Design." unterstreicht. Traurig aber wahr.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fachhochschulen | Henkel | Glockenbachviertel | Kulturförderung | Modedesign | Schmuck
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service