Frage: Ms. Westwood, verzeihen Sie, über Ihren Augen sehe ich einen kräftigen roten Strich. Haben Sie da Lippenstift aufgetragen?

Vivienne Westwood: Nein, ich habe einen Eyeliner benutzt, vielleicht einen Lipliner. Sieht recht theatralisch aus.

Frage: Absolut. Der deutsche Publizist Roger Willemsen hat mal geschrieben, man erinnere sich eher an Ihr Gesicht als an Ihre Mode.

Westwood: Dieser Wirkung bin ich mir nicht bewusst.

Frage: Ist Ihr Gesicht ein Kapital von Ihnen?

Westwood: Natürlich versuche ich so gut wie möglich auszusehen. Aber bitte, an solchen Fragen bin ich nicht interessiert. Sorry.

Frage: Casanova hat gesagt, das Gesicht sei der erotischste Teil einer Frau.

Westwood: Das zieht einen als Erstes an, ist doch logisch. Er hat aber auch gesagt, er fühle sich niemals zu einer Frau hingezogen, mit der er kein Gespräch führen könne.

Frage: Reden wir also über Sie…

Westwood: … ach, ich rede ungern über mich und möchte nicht über meine Mode sprechen. Eigentlich gebe ich keine Interviews zurzeit. Ich treffe mich nur mit Ihnen, weil ich nach wie vor eine große Zuneigung zu Berlin hege.

Frage: Sie waren von 1993 bis 2005 Professorin an der Universität der Künste.

Westwood: Ich kam acht oder neun Mal im Jahr in die Stadt, jeweils für ein paar Tage. Vor jeder Reise war ich sehr glücklich, wieder zu meinen Studenten zu fahren. Ich bedaure nur, dass ich kein Deutsch gelernt habe. Das war so dumm von mir. Im Rückblick finde ich: Berlin war immer sehr gut zu mir.

Dieses Interview steht im zitty Modebuch 2013, dem Handbuch zur Berliner Modeszene.

Frage: Zum Beispiel?

Westwood: Meine Studenten haben mich respektiert, bei ihnen hatte ich das Gefühl, sie versuchten wirklich, meine Ratschläge zu befolgen.

Frage: Unter anderem haben Sie die Studenten aufgefordert, in die Gemäldegalerie am Kulturforum zu gehen und sich in jedem Raum ein Bild auszusuchen, das sie bei einem Feuer retten würden.

Westwood: Und sechs Monate später sollten sie in denselben Raum gehen und überlegen, ob sie nun nicht ein anderes Bild aussuchen würden. Die Übung sollte den Geschmack der Studenten schulen. Die Franzosen haben ein Sprichwort: Das Beste ist der Feind des Guten. Darum ging es. Um am Ende zu verstehen, was wirklich großartig ist.

Frage: Sie sind ein Fan der Gemäldegalerie?

Westwood: Mindestens einmal bei jedem Aufenthalt bin ich hingegangen. Das Museum hat eine wunderbare Sammlung Niederländischer Malerei aus dem 17. Jahrhundert. Gemälde aus dieser Zeit liebe ich. Ich empfehle Menschen, mit dieser Ära anzufangen, wenn sie sich mit Kunst beschäftigen möchten.

Frage: Warum?

Westwood: Es war eine unglaubliche Zeit der Innovation. Das kleine Format wurde für Menschen eingeführt, die in kleineren Häusern lebten. Neue Gegenstände rückten in den Mittelpunkt, mit den Stillleben kam die Isolierung des Objektes. Trotzdem finde ich, es gibt keinen Fortschritt in der Kunst.

Frage: Eine gewagte These.

Westwood: Kunst ist perfekt. Ich glaube nicht daran, dass sie mit der Zeit besser wird. Sonst wäre ja ein Bild von Andy Warhol besser als eine Höhlenmalerei. Ich würde mir kein Bild von ihm an die Wand hängen. Ehrlich gesagt, ich wüsste nicht, was ich damit tun sollte, außer es wegzuwerfen.

Frage: Sie mögen keine Kunst des 20. Jahrhunderts?

Westwood: Ich bin nicht der Meinung, dass es viel Kunst gab. Außer Matisse, den verehre ich. Er hat die Traditionen der kräftigen Farben aus dem 19. Jahrhundert weitergeführt. Ansonsten war das die Zeit der Bilderstürmer, jeder konnte Künstler werden, er musste nur was an die Wand schmeißen. Wenn er dabei wütend war, umso besser. Nonsens! Früher studierte man die Alten Meister, kopierte sie und fand so heraus, was wahre Kunst ausmacht.