Als Azzedine Alaïa 1985 vom französischen Kulturministerium als Designer des Jahres ausgezeichnet wird, trägt ihn Grace Jones über die Bühne. Dem Supermodel Farida Khelfa springt er auf einer legendären Modefotografie seines Freunde Jean-Paul Goude aus demselben Jahr in die weit geöffneten Arme. Azzedine Alaïa lässt sich gern von Frauen tragen. Und die Frauen tragen gern Alaïa.   

In den Achtziger Jahren trug jede Frau, die es sich leisten konnte, die Mode des französischen Designers mit den tunesischen Wurzeln. Bis heute ist es so geblieben. Alaïa hat etwas, das ihn von allen anderen zeitgenössischen Modeschöpfern abhebt: Seine Silhouette hat sich über die Jahrzehnte nicht verändert. Er muss sich nicht jede Saison neu erfinden. Azzedine Alaïa hat den perfekten Rock, das perfekte Kleid, den perfekten Mantel schon vor Jahren entworfen. An diesen Silhouetten bleibt er dran, macht sie nur noch besser, präziser, sinnlicher, mal aus Leder, mal aus Strick, mal aus Jersey. Alaïa ist der letzte echte Couturier in Paris.  

Jeder Entwurf geht durch seine Hände, jedes Stück entsteht an einer Frau. Um die Bewegung seiner Entwürfe zu sehen, hat Alaïa immer ein Model zur Anprobe bei sich, das auch in seinem Haus in der Rue du Moussy wohnt. Hier wird jedes Kleidungsstück handgefertigt. Mögen sich die Lagerfelds und Pradas da draußen in der kommenden Woche mit Modenschauen in Popkonzertgröße gegenseitig übertrumpfen, Alaïa veranstaltet keine öffentlichen Defilees. Er macht keine Werbung. Nur wenige Magazine bekommen seine Kleider für Fotos. Aber in der Luxusmodeabteilung von Barneys in New York ist er der meistverkaufte Designer.

Die Modefotografien aus der Ausstellung "Alaïa". Klicken Sie auf das Bild. © Peter Lindbergh pour Alaïa, 2013

Als Schneider und Haushälter kommt er nach Paris

Das Jahr 2013, es ist Alaïas großes Jahr. Am kommenden Samstag wird er seine zweite Boutique in Paris eröffnen, in der Nummer 5 Rue de Marignon. Am gleichen Tag eröffnet das Modemuseum Palais Galliera nach vier Jahren wieder, mit einer großen Retrospektive. Sie hat den Titel ALAÏA, fünf große Buchstaben und eine ganze Welt. Zum ersten Mal wird Alaïa, 73, in seiner Wahlheimat Paris so geehrt. "Es ist ein Signal der Stadt Paris und des Modemuseums, die Unabhängigkeit der kompromisslosen Kreativität zu ehren", sagt der Direktor Olivier Saillard. Alaïa sein, bedeutet radikal, höflich, witzig, großzügig zu sein und vor allem unbestechlich.

Als Kind von Weizenbauern wird Alaïa im Jahr 1940 in Tunesien geboren, die Familienverhältnisse sind bescheiden. Seine Zwillingsschwester, Hafida, ist diejenige, die sich für Mode interessiert und bringt dem jungen Azzedine das Nähen bei. Mit Siebzehn schafft es Alaïa auf die Kunsthochschule und studiert Bildhauerei. Nach seinem Studium arbeitet er jedoch als Schneiderlehrling, der Sprung nach Paris gelingt ihm als Haushälter und Hausschneider der Comtesse de Blégiers.  

Sie führt Alaïa in die Pariser Haute-Volée ein und stellt ihm die Reichen, die Berühmten, die Glamourösen vor: Greta Garbo, Marlene Dietrich und die Rothschilds werden seine ersten, privaten Kundinnen. Alaïa beginnt für Christian Dior zu arbeiten, später ist er bei Guy Laroche und Thierry Mugler. Im Jahr 1980 eröffnet Alaïa schließlich sein eigenes Atelier in seiner Wohnung.
Die Klarheit seiner Entwürfe sorgt sofort für Aufmerksamkeit – die Mäntel in Prinzesslinie, seine Röcke und Kleider, hauteng geschnitten wie jene von Eiskunstläuferinnen, sein Strick, der anliegt wie eine zweite Haut. Sein größter Triumph: In einer Zeit, in der nur Prostituierte Leder tragen, führt Alaïa Leder in die Haute Couture und in die Prêt-à-Porter ein. Mit Wasserdampf macht er das Material geschmeidig und formt es direkt am Körper seines Modells. Die dramatischen Corsagen und Kleider, die so entstehen, überzeichnen die weibliche Silhouette. Alaïa zeigt den Körper der Frau, wie er noch nie zuvor zu sehen war.