London Fashion WeekDie neuen Schneiderinnen

Die Londoner Mode gab sich zuletzt betont jung und lässig. Doch die Maßschneiderei kommt zurück, getragen von jungen Frauen mit Sinn für Tradition und Geschäft. von Philipp Humm

Kathryn Sargent

Kathryn Sargent  |  © Kathryn Sargent London

Neben Queen Elisabeth und einigen Nannys im Hause Windsor ist Kathryn Sargent wohl die einzige Frau, die Prinz Charles je gezeigt hat, wie er eine Schere halten soll. Und da war er schon 61 Jahre alt. Die Szene ereignete sich im Atelier der Maßschneiderei Gieves and Hawkes, die mit der No.1 Savile Row nicht nur die erste Adresse der Traditionsherrenschneidereien im Herzen Londons besetzt, sondern mit Sargent auch die erste Frau zur Atelierchefin machte. Eine Frau! In der Savile Row! Da mussten eines Tages Charles und Camilla vorbeikommen und sich von Sargent die richtige Schnitttechnik erklären lassen – als Symbol der Unterstützung des Königshauses für das britische Handwerk. 

Ein wenig Rückenwind hatte das Tailoring, das Jahrhunderte lang den Ruf der Modestadt London prägte, zuletzt auch nötig. Denn mit dem Aufstieg Londons zur europäischen Hauptstadt der schnellen Trends und extrovertierten Designermarken wie J.W. Anderson, Peter Pilotto und Mary Katrantzou geriet das Understatement der klassischen Herrenschneider unter Rechtfertigungsdruck. Denn auch die meisten Entwürfe, die auf der heute beginnenden Modewoche gezeigt werden, sind handwerklich gut – dafür sorgt die exzellente Ausbildung an den Modeuniversitäten der Stadt. Darüber hinaus bedient das neue Londoner Design aber auch die Anforderungen an Unverwechselbarkeit, Trendgespür und Knalligkeit. Keine andere Modewoche richtet sich mit Live-Übertragungen und Laufsteg-Shopping-Angeboten derart gezielt an den jugendlichen oder jung gebliebenen Endverbraucher wie London.

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Die bübisch gespitzten Lippen, der akkurat gescheitelte Blondschopf und die blauen Augen von Kathryn Sargent sind das andere Gesicht der Londoner Mode. Vor zwei Jahren verließ sie Gieves and Hawkes und eröffnete im Januar 2012 ihr eigenes Atelier in der No.6 Sackville Street, in guter Nachbarschaft zur Savile Row. Hier schneidert Sargent nun klassische Blazer und Bleistiftröcke für Damen, denn die wünschen sich in Analogie zum Maßanzug der Kollegen das perfekt sitzende Business-Kostüm. "Früher ging alles, was wir für Damen gemacht haben eher in die Richtung Landmode", sagt Sargent und grinst.

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Aktuelle Bilder der Kollektionen von Marc Jacobs, Diesel und Proenza Schouler – klicken Sie hier.

Aktuelle Bilder der Kollektionen von Marc Jacobs, Diesel und Proenza Schouler – klicken Sie hier.   |  © Peter Michael Dills/Getty Images

Ihre neuen Kundinnen schätzen die Qualität eines persönlichen Gesprächs über ihren Stil und ihre Wünsche für den Kleiderschrank. "Die erste Sitzung hat mitunter schon therapeutischen Charakter", sagt Sargent. "Auf diesen Bügeln hängen ganz verschiedene Persönlichkeiten", sagt sie und deutet auf die Jacketts, die hinter ihr an einer alten Kleiderstange mit goldenen Beschlägen darauf warten, von ihren zukünftigen Besitzerinnen abgeholt zu werden. Die Nachfrage nach maßgeschneiderter Damenmode ist bei Sargent mittlerweile so groß, dass sich die Schneiderin eigens für diesen Geschäftsbereich von einer Assistentin unterstützen lässt.

Auf der anderen Seite der Themse, in der Bermondsey Street, unmittelbar neben der Dependance der angesagten White Cube Gallery und dem Londoner Fashion and Textile Museum hat Susie Stone ihr Atelier. Auch sie schneidert für Kundinnen nach Maß, auf der Grundlage einiger Basismodelle und so zu einem Preis, der unter dem der meisten Designerteile liegt. "Ich glaube, dass ich in London erfolgreich Mode machen kann, ohne jedes Jahr zwei, drei oder vier Kollektionen auf den Markt zu bringen", sagt Stone.

Leserkommentare
    • ManRai
    • 15. September 2013 15:40 Uhr

    Warum schreibt ihr nicht ueber deutsche Schneider(innen)......

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    • Hagmar
    • 18. September 2013 19:59 Uhr

    "Immer öfter bekomme sie auch Anfragen nach einer genauen Kopie von Entwürfen aus Zeitschriften, sagt Sargent."
    ...und macht das dann auch nach dem Motto "anything goes" .
    Der Ideenklau scheint ihr egal zu sein.

    "Mit so viel Offenheit schafft das britische Schneiderhandwerk auch noch die nächsten paar hundert Jahre" meint der Autor des Artikels."
    Ich würde das eher Unverfrorenheit nennen und sympathisch ist mir das nicht.
    Wenn jemand privat für sich versucht, etwas nachzuschneidern, finde ich das was anderes, aber ein Profi der bei anderen Profis klaut?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte London | Großbritannien | Japan | London Fashion Week | USA | Europa
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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