Serie Talking Fashion - Ed Hardy über die Philosophie des Tattoos

Auf dem ersten Bild, das Ed Hardy beim Tätowieren zeigt, ist er zehn Jahre alt. Ein blonder, halbnackter Junge mit einer Buchmacherbrille auf der Nase und verschmitzter Lässigkeit im Blick zeichnet einem Nachbarskind mit Kajal zwei Schwalben auf den Rücken. Rabauke und Intellektueller, das ist Ed Hardy heute, im Alter von 68 Jahren, noch immer.      

Im Restaurant White Trash in Berlin-Mitte sitzt er lässig an die Balustrade gelehnt, ein freundlicher, zurückhaltender Mann mit graumeliertem Haar und Westküste in der Stimme, ein sanfter Sing-Sang. Seine Arme, seinen Hals zieren kleinteilige, verblasste Tätowierungen. Ed Hardy ist zum ersten Mal in Berlin, ein paar Galerien und Museen will er sich noch anschauen nach dem Interview. Dann weiter nach London.

Ist er sich bewusst, dass so ziemlich jeder draußen auf der Straße seinen Namen kennt? "Ja, diese T-Shirt-Sache ist in Deutschland wohl auch ziemlich groß gewesen." Ed Hardy hält kurze inne. Dann sagt er: "Das ist das Merkwürdigste, was mir in meinem Leben passiert ist. Es war wild."  

Denn zwischen dem Jungen auf dem Foto und dem knapp 70-jährigen Mann liegt eigentlich ein Leben für die Kunst. Als Absolvent der Kunsthochschule von San Francisco bekam Donald Edward Hardy im Jahr 1966 das Angebot, an der Yale University zu unterrichten. Doch er lehnte ab. Was den jungen Druckkünstler wirklich interessierte, waren Tattoos. Er ging bei einem Freund von Getrude Stein in die Lehre, später suchte er die Ursprünge seiner Kunst in Japan und entwickelte dort den typischen Ed-Hardy-Stil: eine Mischung aus der feinen Linienführung und den Symbolen der traditionellen japanischen Tätowierkunst und den Motiven der Americana – flammende Herzen, Totenköpfe, Dolche und Ornamente.

Die Geschichte seines Lebens erzählt Ed Hardy in seiner Autobiographie "Wear Your Dreams – Träume, T-Shirts und Tattoos" (Metrolit). © Metrolit

Mitte der siebziger Jahre begann Hardy, eigene Designs in seinem Studio anzubieten. "Wir waren alle auf der Suche nach einer freieren Gesellschaft. Ich habe mir damals das Ziel gesetzt, Tätowierungen von ihrem Tabu zu befreien. Ein Tattoo verletzt keine Dritten, es ist eine sehr persönliche Sache. Also sollte jeder eines haben können."

Als er dem Marketing- und Celebrity-Verrückten Christian Audigier im Jahr 2004 die Rechte an der Vermarktung von mehr als 1.200 Motiven übertrug, um sie auf T-Shirts und alle nur vorstellbaren Artefakte zu drucken, war Hardy in den USA längst eine Ikone der Alternative-Kultur. Dass Britney Spears, Heidi Klum, Pamela Anderson, Madonna und Steven Tyler T-Shirts mit seinem Namen trugen – Ed Hardy bedeutet das wenig. "Ich war naiv. Ich hatte keine Ahnung vom Modegeschäft. Ich wollte Geld verdienen, um nur noch dann arbeiten zu müssen, wenn ich Lust dazu hatte", sagt er. 

Dass die von Audigier geführte Modemarke an ihrer Allgegenwärtigkeit verglühte und schon im Jahr 2009 Insolvenz anmelden musste, bedauert Hardy dennoch. Gemeinsam mit seiner Frau und einem jungen Team in New York arbeitet er derzeit an einem Neustart. Auch weil Mode und Tätowieren in seinen Augen verwandte Kulturtechniken sind.      

Doug Hardy mit einem handgemachten Ed-Hardy-Shirt in den siebziger Jahren

"Die traditionellen japanischen Tätowierungen sind den Stickereien auf Kimonos entlehnt", sagt Hardy. Eine Tätowierung könne ebenso wie ein Kleidungsstück eine Rüstung der Seele sein. "Es gibt einen Grund dafür, warum heute mehr Menschen Tattoos tragen als jemals zuvor. In einer Welt, in der alles digital wird und Religion und Herkunft ihre Bedeutung verlieren, zeigt eine Tätowierung, wer Du bist."       

Das erste Ed-Hardy-Shirt hat er in der Zeit des Vietnamkriegs für seinen Sohn Doug gezeichnet. Das weiße Kinderhemd zeigt einen amerikanischen Panzer und Bomber, die Granaten abwerfen. Darüber lächelt ein zartes Jungengesicht.