Der moderne Mann braucht also Bart, um Wildheit und Lässigkeit zu demonstrieren.

Als vor etwa sechs, sieben Jahren einige amerikanische Waldschrate mit ihrem Weird Folk über Deutschlands Konzertbühnen zogen, ließen sie etwas da: Musiker wie Devendra Banhart oder die Fleet Foxes modernisierten nicht nur die Folkmusik, sondern auch das Ansehen des Rauschebarts. Die Waldschrate sind größtenteils wieder von der Bildfläche verschwunden, die Bärte aber sind geblieben. In Werbekampagnen, Agenturbüros und auf Laufstegen wurden sie seither gestutzt, geformt, geflochten und gezupft. Spätestens seit Ingo Zamperoni Ende August mit einem gut getrimmten Vollbart öffentlich-rechtlich moderierte, ist die Gesichtshecke in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und mit ihr die Frage nach Bart Care.

Ob nun drei drahtige Härchen oder dichte Vollbehaarung: Der Bart muss gepflegt werden. Nur selten zaubert die Natur einen formschönen samtigen Flor aufs Gesicht. Deshalb greifen kultivierte Träger jetzt zu feinsten Tonics, die das störrische Barthaar bändigen und ihm einen dezenten Duft verleihen: nach Zeder, Bergamotte, Minze, Lavendel, Rosmarin, Limone oder Sandelholz. Die Bezeichnung Tonic ist ein wenig irreführend, da es sich weniger um Wässerchen als um Öle handelt, die einerseits die Haarfollikel entspannen und anderseits die Haut unter dem Bart pflegen.

Ein Versuch mit männlichen Probanden aus dem Umfeld der Autorin ergab: Wenn man zwei, drei Tropfen jeden Morgen in den Bart massiert, wird er nach wenigen Tagen geschmeidiger und glänzender. So beobachtet etwa mittels des Klassikers Beard Tonic der irischen Firma Dr. K Soap Company. Dessen Aprikosenöl versorgt das Barthaar mit Vitamin A und C, das Jojobaöl wirkt beruhigend auf die Haut und Rosmarin-, Minz- und Lavendelextrakte verbreiten einen angenehm unaufdringlichen Duft, der allerdings im Laufe des Tages verfliegt. 

Gegendemonstration zur femininen Herrenmode

Die Deutungen des Wiederersprießens großräumiger Gesichtsbehaarung sind durchaus unterschiedlich, implizieren aber immer gewisse Genderthesen – wie sollte es auch anders sein, wenn man über sekundäre Geschlechtsmerkmale sinniert: Zum einen heißt es, der Pelz im Gesicht sei eine Art archaischer Rückgriff auf das originär Maskuline, zur Abgrenzung gegen die in männliche Gefilde vordringenden Frauen. Eine andere, eher modesoziologische These geht davon aus, dass der Vollbart in Zeiten feminin körperbetonter Männermode wie Skinny Jeans und V-Ausschnitten bis zum Solarplexus als Gegendemonstration im Gesicht des Mannes stehe. Oder das Unisexe persifliere. Oder das Metrosexuelle. Man blickt bei den vielen Gendertheorien ja nur noch schwer durch. Ein dritter Ansatz besagt, dass der Vollbart zwar das archaisch-männlich Wilde betone, weil er im besten Falle aber gestutzt sei, zeige der Mann damit seine Kontrolle über jene primitiven Naturzustände. Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen.

"Vor etwa zehn Jahren entstanden in den USA die ersten Tonics zur Bartpflege", sagt Jens Pönitzsch von The Different Scent, einem Parfumgeschäft in Berlin-Mitte mit Regalen voller Flakons. Er hat sich unter anderem auf Bartpflege spezialisiert und ist deutschlandweit einer der wenigen Händler, die Bart-Tonics im Sortiment haben. Ein Problem der Nachfrage? Eher des Angebots. Viele Produkte kommen aus Amerika, sie werden häufig im Internet bestellt. Zudem ist das europäische Bewusstsein um das männliche Gesichtshaar gerade erst im Erwachen. Wundersam, wo sich doch gefühlt jeder zweite Mann einen Bart stehen lässt. Findet Pönitzsch auch.

Pfeffer und Koriander machen den Unterschied

Der Feintrimmer hat es bereits in die meisten Badezimmer geschafft, jetzt geht der moderne Bärtige den nächsten Schritt. Im Grunde ähneln sich die Bart-Tonics häufig in ihrer organisch-ätherischen Zusammensetzung. Den Unterschied machen etwa Arganöl und Pfeffernote wie imAll-natural Beard Oil von Otter Wax oder die Prise Koriander im eher hochpreisigen Dude No.1 von MCMC. Mal werden die Öle in Pipettenfläschchen mit moderner Beschriftung verkauft wie bei Herbivore Botanicals oder über Facebook mit einer "dirty hippy" Duftnote, was auch immer das heißt. Aus nicht ganz uneigennützigen Gründen finden sich in den Produktbewertungen vermehrt Kommentare von Frauen, die die Stahlwolle ihres Liebsten zum kusstauglichen Flaum gebändigt haben.

Das Heilsversprechen jener Tonics für alle Großstadt-Cowboys fasst der Slogan von Wild Man Beard Conditioner zusammen: Feel rugged, look smooth. Fühl' Dich wild, aber sieh geschmeidig aus. Hier wird der innere Konflikt des modernen Bartträgers – Wildheit, Fortpflanzung, Kraft und Wachstum versus Lässigkeit, Pflege, Zivilisation und Kultur herrlich ironisch befriedet. Ein Prosit auf die Weichmacher-Wässerchen!