Serie Talking Fashion - Eveline Hall über die grauen Haare in der Mode

In einem schwarzen Overall sitzt Eveline Hall an einem Bartisch in Berlin-Kreuzberg. Ihre silbergrauen Haare liegen offen auf ihren Schultern. Sie wirkt schmal, zerbrechlich, wenn da nicht diese Stimme wäre, rau, und diese Gestik, groß, pointiert, mit Nachdruck. "Das waren ja die anderen, die mich darauf gebracht haben, dass ich da ein Gesicht habe", sagt Hall. Und was für ein Gesicht. Hohe Wangenknochen, wolkengraublaue Augen, ein Nasenrücken wie ein Bambusstamm, lang, schmal, kerzengerade. Falten sind in diesem Gesicht kein Makel, sondern Akzent.

Der deutsche Designer Michael Michalsky holte die heute 68-Jährige im Jahr 2011 auf den Berliner Laufsteg und die mindestens 40 Jahre Ältere stahl all ihren jungen Model-Kolleginnen die Show. Produktionen im In- und Ausland folgten, Modefotografen wie Ellen von Unwerth und Joachim Baldauf inszenieren Hall in ihren Bildern, als Vamp, als Grande Dame oder zarte Elfe. Und Eveline Hall genießt die Aufmerksamkeit. Sie ist die schönste Belohnung für eine Frau, die sich zeitlebens nach Entdeckungen und dem Entdecktwerden sehnte.

Die gebürtige Greifswalderin wuchs in bescheidenen Verhältnissen in der Nachkriegszeit auf, erst in Berlin, dann in Hamburg, aber immer in der Nähe der Bühne. Ihre Eltern sind der Berliner Schauspieler Kurt Klopsch und die Tänzerin Gisela Klopsch.     

"Was kann ich aus mir machen?"

Bereits als Kind tanzte Eveline Hall an der Hamburger Staatsoper, wo sie sich später zur professionellen Balletttänzerin ausbilden ließ. Als eines der Bluebell-Showgirls unterhielt Hall das Las Vegas der Siebziger, traf dort die Großmeister des amerikanischen Showgeschäfts, auch Elvis Presley und Sammy Davis Junior. Nebenbei fing sie an zu studieren und heiratete den Cherokee-Indianer David Hall, mit dem sie zurück nach Hamburg ging. Wenig später ließ sie sich scheiden. Sie fing an zu Schauspielern, unter anderem in Hamburg, Basel und Wien, zwischendurch lebte sie in Paris. Nach dem Tod ihres Vaters und dem Selbstmord ihres Bruders zog sie Ende der 1990er Jahre wieder zurück zu ihrer Mutter nach Hamburg und erfand sich einmal mehr neu.

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"So sollte es eigentlich gar nicht sein, ein Model aus mir zu machen", sagt Hall. Doch nun ist sie eines. Wie die US-Amerikanerin Carmen Dell'Orefice gehört die Deutsche zu jenen älteren Models, die der Mode den Gefallen tun, auch mit knapp 70 oder über 80 noch großartig in schmalen Corsagen, Skinny Jeans und winzigen Lederjacken auszusehen. Und damit den Vorwurf, Mode sei heute ja nur noch was für die ganz Jungen, zu entkräften.

Ihren eigenen Stil beschreibt Eveline Hall als elegant und praktisch. Zusammen mit einem Hamburger Schneider entwirft sie sich ihre eigene Garderobe, die vielseitig kombinierbar ist. Denn auf der "Rockefeller-Seite" des Lebens, so Hall, habe sie nie gestanden. "Du musst gucken, was zu dir passt. Damit du dich abhebst von den anderen", ist ihr Stilratschlag für alle Jüngeren. "Was kann ich aus mir machen?", das müsse man sich angesichts des Einerlei in den Geschäften fragen. 

Etwas aus sich gemacht hat die 68-Jährige immer, oft unter widrigen Umständen. Ihre Autobiografie Ich steig aus und mach 'ne eigene Show (eden Books), die sie mit Hiltrud Bontrup und Kirsten Glening verfasste, erzählt davon. In Hamburg will sie bleiben, beruflich ist sie noch nicht angekommen: Eveline Hall strebt noch eine Karriere als Sängerin an. Chansons wahrscheinlich. Unterricht nimmt sie schon seit Jahren.