Aamito Stacie Lagum stieg im Sommer 2013 in einen Bus nach Nairobi, weil sie davon träumte, ein Topmodel zu werden. Von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, aus schaukelte der Bus zwölf Stunden lang über Asphalt und rote Sandwege, in die der Regen tiefe Furchen gegraben hatte. 700 Kilometer nach Südosten. Die 15 Euro für das Ticket hatte Aamito sich von ihrer Mutter geliehen, viel Geld in einem Land, in dem jeder Dritte mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen muss. Das Ziel dieser Reise: ein öffentliches Casting für die erste Staffel der Fernsehshow Africa’s Next Topmodel.

Den Weg, den die 21-Jährige seither zurückgelegt hat, ist länger als jener der anderen elf Finalistinnen. Uganda hatten die Macher der Sendung nicht auf dem Schirm. Das Land hat kein Wirtschaftswunder, keine Topmodels und keine aufstrebende Designszene, in den Schaufenstern der Einkaufszentren in Kampala hängen bunte Polyesterkleidchen statt Pariser Prêt-à-porter. Die Topmodel-Jury hielt es nicht einmal für nötig, in Uganda überhaupt nach talentierten Nachwuchsmodels zu suchen.

Die Castings fanden in Angola, Ghana, Südafrika, Mosambik, Nigeria und Kenia statt. Länder, die für den afrikanischen Aufbruch stehen: Angola hat Erdgas, Ghana Öl, Mosambik Diamanten. In Südafrika wurde die letzte Fußballweltmeisterschaft ausgetragen, aus Kenia kommt Barack Obamas Vater. Uganda verbindet man im besten Fall mit Stephen Kiprotich, dem Olympia-Marathon-Sieger von 2012. Im schlechtesten Fall ist Uganda nur ein Synonym für Idi Amin, den Schlächter von Afrika.

In Ghana und Nigeria gab es bereits ein Topmodel-Format, unterhaltsam, aber wenig professionell. Africa’s Next Topmodel sollte anders sein, ebenso glitzernd und aufwändig produziert wie das amerikanische Vorbild und der deutsche Ableger. Die Rolle der Heidi Klum bekam Oluchi Onweagba, eine Nigerianerin, die jahrelang wie Klum und Karlie Kloss für die Schau der amerikanischen Unterwäschekette Victoria's Secret gebucht wurde. Als Gewinn wurden 50.000 US-Dollar und ein Jahresvertrag mit der renommierten Modelagentur DNA in New York ausgeschrieben, die Topmodels wie Doutzen Kroes oder Alessandra Ambrosio vertritt. Insgesamt 8.000 Frauen bewarben sich.  

Dunkelhäutige Models werden seltener gebucht

Doch schon der Titel Africa’s Next Topmodel zeigt, wie schlecht die Aussichten auf eine internationale Karriere für dunkelhäutige Frauen sind. Die Models in den internationalen Hochglanzmagazinen und auf den Laufstegen der Modewochen sind überwiegend weiß. Nur wenige Dunkelhäutige haben es an die Spitze geschafft, wie Naomi Campbell oder Iman. Beide kritisieren seit Langem, dass dunkelhäutige Frauen in der Mode unterrepräsentiert sind. Trotzdem sagt Aamito Stacie Lagun: "Ich bin den beiden dankbar, dass sie uns schwarzen Models die Türen geöffnet haben." 

Als Kind wurde Aamito von den Nachbarskindern ausgelacht, weil sie so groß und dünn war. Dann sagten Freunde, sie solle doch versuchen, Model zu werden. Mit 16 ging sie in Kampala zu einer Designerin und stellte sich vor. Seitdem bekam sie immer wieder kleine Aufträge in Uganda, mal auf dem Laufsteg, mal für Fotoshootings. Ihr Aussehen ist auffällig, ein kantiges, stolzes Gesicht mit vollen Lippen und kurzen, krausen Haaren. Einer der Juroren sagte ihr, sie sei toll, aber zu wenig gefällig. Sie könne nicht süß gucken.

Ein Porträt aus den ersten Modeltagen: Aamito Stacie Lagum © Aamito Stacie Lagum / Promotion

Trotzdem gehörte die 1,82 Meter große Aamito im Dezember schließlich zu den letzten drei Kandidatinnen, die nach New York fliegen durften und damit eine Chance auf den Sieg hatten. Ab diesem Moment begannen ugandische Medien, über das Model zu berichten. Das Land horchte auf. Gibt es da jemanden, der dem unsichtbaren Uganda zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen kann? Uganda, hört man die Einheimischen oft sagen, bekäme nichts auf die Reihe, beispielsweise im Fußball. Die Kraniche, Ugandas Fußballnationalmannschaft, haben es noch nie zu einer Weltmeisterschaft geschafft. "Viel zu oft glauben die Ugander, nicht gut genug zu sein", kommentierte die Zeitung New Vision. "Von Aamito können wir lernen, dass wir das Potenzial haben, die Besten zu sein. 'Yes we can' sollte mehr sein, als nur Dekoration in unseren Wohnzimmern."

Für Aamito Stacie Lagun wurde so im Laufe der Sendung aus einem persönlichen Wettbewerb ein Einsatz für ihr Heimatland. Als die Teilnehmerinnen mit ihrer jeweiligen Landesfahne in der Hand posieren sollten, trug Aamito ein Minikleid und lange Zöpfe, blickte professionell in die Kamera. Dann sah sie das kleine Stück Papier am Stiel an, schwarz-gelb-rot gestreift, mit einem Kranich in der Mitte. "Das ist so ein unglaublicher Druck …", stammelte sie und begann zu weinen. "Ich repräsentiere hier mein Land, ganz alleine."

In jeder Folge schienen Aamitos Gefühlsausbrüche heftiger zu sein als die der anderen. Wenn sie eine Runde weiter kam, weinte sie erst und vollführte später in ihrem Zimmer wilde Freudentänze, sprang in die Luft, lachte. Als sie in New York auf dem Times Square stand, schrie sie vor Freude. Für die Kamera, aber auch für sich selbst. Sie war zum ersten Mal in Amerika.