Grüner Schuh: Die Sneaker von Veja sind aus pflanzlich gegerbtem Leder oder Bio-Baumwolle, die Sohle aus Naturkautschuk. © Veja

Marineblauer Wollpullover, Hemd unter dem eng anliegenden Kragen, dunkle Jeans, helle Sneaker. Sébastien Kopp trägt die Uniform erfolgreicher Jungunternehmer, aber im französischen Stil, hochgeschlossen, ein bisschen ernst. Locker und sportlich wollen ja schon so viele andere sein.

Wie Kopp so auch das Design seiner Turnschuhmarke Veja. Vor neun Jahren hat der 34-Jährige mit seinem Schulfreund Francois-Ghislain Morillion die französisch-brasilianische Firma gegründet. Im Gegensatz zu den nervösen Material- und Farbwechseln der Trendsneaker von Nike, Converse oder New Balance ist das Gestaltungskonzept von Veja erfrischend klar. Die Schuhe erinnern an Björn Borg auf dem Ascheplatz und Sommerurlaub im VW-Bulli. Ein schmaler Leder- oder Stoffsneaker, die meisten Modelle knöchelhoch, kräftige Farben, eine weiße Gummisohle, an der Außenseite die zwei Spitzen eines V. Dazu ein angemessener Preis: 90 bis 150 Euro. Mehr ist an den Modellen von Veja nicht dran, aber viel steckt drin.

So viel, dass Sébastien Kopp in großer Eile spricht, Satz um Satz, Daten, Fakten, Zahlen, zu Baumwollpreisen, Agrarsubventionen, Logistikkosten. Der Franzose will ernst genommen werden als einer, der die Weltwirtschaft versteht. Aber er ist auch ein Querdenker, ein Idealist. Seit Kopp und Morillion mit 23 Jahren eine Karriere bei Morgan Stanley und der Weltbank in New York in den Wind schlugen, wollen sie beweisen, dass sich Geschäfte auch anders machen lassen – lokal, fair, ressourcenschonend, pragmatisch.

Die beiden Veja-Gründer Sébastien Kopp (links) und Francois-Ghislain Morillion © Veja

"Wir haben den Produktionszyklus eines Turnschuhs genommen und jeden einzelnen Schritt verändert, angefangen bei den Rohmaterialien", sagt Kopp. Mit 5.000 Euro Startkapital pro Kopf machten sie sich 2004 im Norden Brasiliens auf die Suche nach Baumwollkooperativen, deren Ernte sie vollständig abnehmen können, um daraus den festen Canvasstoff für die Schuhe herzustellen. Sie besuchten Schuhfabriken in Porto Alegre und fuhren in die Amazonas-Region Acre, um dort Seringeiros, Kautschukzapfer, zu finden, die den Naturgummi für die Sohlen der Veja-Schuhe aus den Bäumen holen.

"Die Brasilianer nannten uns am Anfang 'os franceses locos', 'die verrückten Franzosen', weil wir mehrere Wochen bei den Bauern blieben. Wir wollten genau verstehen, wie die Menschen arbeiten, um den Preis zu errechnen, den sie für ihre Produkte bekommen müssen", sagt Kopp. In dieser Zeit haben sie gelernt, Portugiesisch zu sprechen wie die Einheimischen und den Namen für ihre Firma gefunden. Veja bedeutet: Schau hin!

Mit ihren Kontakten und Preiskalkulationen fuhren Kopp und Morillion zurück nach Paris und entwarfen am Schreibtisch ihr ideales Fair-Trade-Modell. "In den meisten Unternehmen ist Nachhaltigkeit ein Thema für die Kommunikationsabteilung", sagt Kopp. "Bei Veja ist Nachhaltigkeit der Unternehmenskern." Kopp erklärt, dass Veja den Baumwollbauern etwa das Dreifache des Weltmarktpreises für ihre ökologisch und im Fruchtwechsel mit Mais und anderen Lebensmitteln angebaute Baumwolle bezahlt, vertraglich festgelegt für jeweils drei bis fünf Jahre. Im Regenwald in Acre, im Grenzgebiet zu Peru, hätten durch die Zusammenarbeit 60 Familien ein Einkommen. "Sie können vom Wald leben, statt ihn abzuholzen oder Drogen zu schmuggeln", sagt Kopp. Sein Leder bezieht Veja aus Uruguay, wo für die Rinderfarmen zumindest kein Urwald weichen muss und lässt es chemiefrei mit Akazienextrakt gerben. Ausbeutung und einsturzgefährdete Fabriken seien in Brasilien sowieso kein Thema, sagt Kopp. "In Brasilien laufen viele Dinge so ähnlich wie in Frankreich. 80 Prozent der Arbeiter sind in Gewerkschaften, wenn Du etwas Dummes machst, wird sofort gestreikt."

In pappbraunen Recyclingkartons werden die schlichten Turnschuhe, Handtaschen und Geldbeutel CO2-arm nach Le Havre verschifft und reisen weiter auf dem Wasserweg nach Paris. Dort übernimmt die Ware die externe Logistik, die von der Organisation "Sans Frontiers" betrieben wird, einem Reintegrationsprojekt für arbeitslose Suchtkranke. "Sie sind mittlerweile so eingespielt, dass sie weniger Fehler machen als UPS", sagt Kopp stolz. Aus Paris gehen die Bestellungen dann in 24 Länder, von Australien bis in die Vereinigten Staaten.