Man weiß, dass Fashion Week ist, wenn in Berliner Nahverkehrsmitteln gebrauchte Blasenpflaster liegen. Wenn alle im Lande verfügbaren Fotoapparate gegenüber dem Brandenburger Tor stehen, wo sich das weiße Zelt eines Automobilherstellers erhebt und schwarze VIP-Shuttles pausenlos Leute ausspucken, die so gucken, als müsste man sie erkennen, was nicht immer gelingt, aber gelegentlich schon. Und dann schleusen Anzugmenschen sie vor die Sponsorenwand und die Fotografen sagen: "Einmal drehen noch, bitte" und "Nur lächeln, mehr musst Du nicht tun". Womöglich stimmt das.

Vermutlich ist das sogar der beste Zustand, in dem sich so ein Tag überstehen lässt. Er gehört zur Theatralik dieser Modewoche, zum gesamten Beglückungskonzept, das natürlich immer Unglückliche zurücklässt, denen draußen der Regen aufs Styling nieselt, die niemand sofort erkannt hat und die sich nun "einen Augenblick gedulden" müssen. Die Tragik der Generation Gästeliste bei drei Grad über null. Wer eine Karte zu den Schauen besitzt, schiebt sich mit der Manövriermasse Mensch zu den sabinechristiansenfarbenen Sesseln. Oder eben: zum Tresen.

Man wird sogar mit Currywurst becatert, weil dit Berlin is – obschon man sich hernach gleich 50 Kilogramm dicker fühlt, sobald neben einem irgendein rauchdünnes Wesen heranschwebt und Cola Zero bestellt. "Body Conscious" nennt man das hier, und auf ungefähr die Hälfte der Besucher passt diese Beschreibung, als wollten sie Adornos These zur Warenwelt der Moderne bestätigen: Es gibt keine Gleichheit mehr, sondern Standardisierung. Bier gibt es übrigens nicht. Dafür zwischendurch Riesenhallo und links und rechts ein Küsschen, Sekt um kurz vor zehn, ja, warum eigentlich nicht. Schön Du. Ganz schön. 

Und schon steht es in irgendeinem Blog

Ständig macht irgendwer Fotos, ständig ruft irgendwer Huhu, ständig halten notorische Society-Reporter Mikrofone in die nächsten Privatfernsehgesichter, die sich vorsorglich mit entsprechenden Cremes angemessen mumifiziert haben. Ja, bin sehr modeaffin. Lieblingsdesigner schwierig. Bin auch öfter in New York. Oh Gott, High Heels, ja, aber müssen schon sein, oder?

Deswegen muss man sich das Innerste des Zelts keineswegs als ein weiß getünchtes Arkadien vorstellen, als eine Art Dauerrafaellowerbung, sondern im Wesentlichen wie jede Halle deutscher Fachmessen, nur dass es aufdringlicher riecht. Und so bringt auch die Fashion Week ihre eigene Jammerroutine hervor, die selbst der unerfahrene Gast nach einer Stunde auswendig rezitieren kann.

Während auf Buchmessen etwa pausenlos der Wein bedauert wird, der in einem nebligen, prähistorischen Damals viel besser gewesen sei, geht es hier um den reduzierten Schenkumfang sogenannter Goodie Bags, Geschenketüten der Designer, die jeder Besucher ihrer Schau bekommt: umplüschte Taschenkalender oder versilberte Schlüsselanhänger, und die Tüten hängt man sich forthin um die Handgelenke, je mehr "Teile", desto.

Überhaupt muss man "Teil" sagen, völlig egal zu was. Kleid: Teil, Einstecktuch: Teil, Bluse: Teil, Rock: Teil, Schuhe: Teile und die Summe und Kombination der Teile bestimmt, ob man noch Kleidung trägt oder schon Stil hat. Hin und wieder bittet eine junge Frau eine andere junge Frau vors iPhone, das bedeutet wohl: toll gemacht, beziehungsweise richtig komplettiert. Und schon steht es in irgendeinem Blog.

Fashion Weeks lassen sich gewissermaßen auch als Etappe einer permanenten Aushandlung begreifen: das Zwischenergebnis kann man dann Trend nennen, wobei man nach Kriterien besser nicht fragt. Dass im Januar hauptsächlich Herbstkollektionen gezeigt werden, kann ja auch als Metapher dafür durchgehen, dass Mode wahlweise der Zeit voraus oder eben hinterher ist. Große Fragen.