Kornähren wiegen im Wind, Wolken ziehen über den Himmel, Route 66 zeigt ein Straßenschild, dazu klagt Neil Youngs Out on the Weekend. Hinein in diese makellose Americana-Szenerie spricht ein junger bärtiger Typ mit dunkler Stimme: "Ich bin der Mann, der ich sein möchte." Neben ihm taucht eine zarte Southern Belle mit feinen Gesichtszügen auf, das lange dunkle Haar fällt weich auf ihre Schultern. "Du definierst dich selbst. Ich bin Katie, das ist alles", sagt sie. 

Katie Hill und Arin Andrews sind zwei junge Amerikaner aus Oklahoma, sie waren ein Liebespaar, blieben enge Freunde und werden in den kommenden Wochen im Katalog und auf Anzeigen der Luxuskaufhauskette Barneys New York im ganzen Land zu sehen sein. Was die beiden von den meisten anderen Menschen unterscheidet, ist die Tatsache, dass Katie vor 19 Jahren als Luke, Arin zwei Jahre später als Emerald geboren wurde. Kennengelernt haben sich die Teenager in einer Beratungsgruppe für Geschlechtsumwandlungen. Der Modefotograf Bruce Weber hat Arin, Katie und 15 weitere Transgender für die Frühjahrskampagne von Barneys in ruhigen, stimmungsvollen Bildern inszeniert, umgeben von ihren Geschwistern, Eltern und Vertrauten und gekleidet in Mode von Proenza Schouler, Balenciaga, Acne, Givenchy und anderen Designerlabels. Dazu erzählen auf der Barneys-Website Videos und biografische Notizen vom Prozess der Identitätsfindung als Mann, Frau oder etwas dazwischen.

Verantwortlich für die aufsehenerregende Kampagne ist der Artdirector Dennis Freedman, der jahrelang als kreativer Kopf das Modemagazin W prägte. Im Gespräch mit der New York Times sagte Freedman, während Schwule und Lesben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hätten, sei die Transcommunity weitgehend unsichtbar geblieben. Das gelte es zu ändern.

Givenchy warb mit dem Gesicht von Lea T.

Die 20-jährige Hamburgerin Maxie Neu ist eine der Protagonistinnen der Kampagne. Sie sei Barneys für diese Chance sehr dankbar, schreibt sie per Mail aus New York, wo das Nachwuchsmodel in den ersten Tagen der Fashion Week von Casting zu Casting hetzt. "Wir haben von allen Beteiligten so viel Zuneigung und wirkliches Interesse erfahren. Dass wir Models uns auf Anhieb sehr gut verstanden haben, resultiert wohl aus den ähnlichen Lebensläufen. Alle haben eine ähnliche Geschichte, so etwas schweißt zusammen", sagt Maxie Neu. Sie hoffe, dass durch die Barneys-Kampagne mehr Menschen verstehen, "dass das, was wir sind, nichts mit sexuellen Vorlieben zu tun hat, sondern mit Gender. Darin besteht ein Unterschied, den viele nicht kennen".  

Die Kampagne ist die bislang prominenteste in einer losen Folge von Gelegenheiten, bei denen sich die Modebranche prominent mit dem Thema Transgender assoziiert. Der in Serbien geborene Australier Andrej Pejic wurde in den letzten Jahren unter anderem von Jean Paul Gaultier für die Präsentation seiner Frauenkollektion gebucht und gehört heute zu den 20 erfolgreichsten männlichen Models weltweit. In Jahr 2011 wurde Pejic von den Lesern des Männermagazins FHM gar auf Platz 98 der Liste der 100 erotischsten Frauen der Welt gewählt. Die französische Ex-Schwimmerin Casey Legler taucht in Fotostrecken des Modehefts Numéro Men auf, unter Vertrag steht sie bei der Modelagentur Ford als Mann. Die ehemalige texanische Schönheitskönigin Elliott Sailors modelte zunächst als Frau, schnitt sich im vergangenen Oktober die Haare kurz und präsentiert seither erfolgreich Männermode. Der Designer Riccardo Tisci machte die Brasilianerin Lea T. zum Werbegesicht der französischen Marke Givenchy; sie wurde als Sohn des Fußballers Toninho Cerezo geboren.

So wird Stück für Stück das Klischee vom trampeligen Transvestiten mit haarigen Fußballerwaden von der Vorstellung androgyner Schönheiten abgelöst. Das geht, weil die Transkörper auf den Laufstegen und in den Werbekampagnen das Ideal des Models erfüllen: groß, langgliedrig, dünn und betont kantig. So wird Eindeutigkeit zugunsten eines ätherischen, das Geschlecht transzendierenden Körpers ausgehebelt. Man mag das als Beleg für die unnatürlichen Zurichtungen des Modegeschäfts beklagen, doch die abseits davon geltenden Schönheitsideale – mit ihrer Forderung nach maximalen weiblichen Rundungen beziehungsweise männlicher Muskelmasse bei gleichzeitigem Schlankheitsgebot – sind auch nicht gerade an authentischer Körperlichkeit interessiert.