© Stephane Mahe/Reuters

In der Mode wird die Wahrheit noch viel weniger gern gesagt als vor Gericht. Eine besonders ungern ausgesprochene Wahrheit lautet: Nur die wenigsten Modemarken verkaufen Kleidung. Die großen Luxusunternehmen verdienen ihr Geld mit Lippenstiften, Nagellacken, mit Make-Up, Düften und vor allem mit Accessoires.

Das französische Unternehmen Louis Vuitton verkaufte einst sogar ausschließlich Accessoires, vor allem Koffer und luxuriöse Reisetaschen. Nun ist die Ära der Luxuskoffer seit einem halben Jahrhundert vorbei, die Menschen wollen mit Komfort verreisen und ziehen lieber Rollkoffer von Rimowa neben sich her. Also wurde Marc Jacobs im Jahr 1997 bei Louis Vuitton Chefdesigner und baute eine Modelinie auf. Die Mode sollte wie ein schöner Rahmen sein, der hilft, das eigentliche Bild zu verkaufen.

Jacobs gelang der Coup: Schon bald erzeugten seine eklektischen und luxuriösen Entwürfe bei den Pariser Modewochen einen unglaublichen Rummel, Louis Vuitton verkaufte mehr Handtaschen, die Marke wurde bekannter und verkaufte noch mehr Handtaschen. Bis vor Kurzem zählten Louis-Vuitton-Taschen an den Handgelenken der Pariserinnen neben jenen von Chanel und Hermès zu den begehrtesten.

Bis im Jahr 2008 die Britin Phoebe Philo aus dem Mutterschutz zurückkehrte und das Design des angestaubten französischen Modehauses Céline übernahm. Philos Auftrag war der eines jeden Luxusmodedesigners: Sie sollte begehrenswerte Kleider entwerfen und so für Céline ein Image kreieren, dass Accessoires verkauft. Philo bewies das dafür notwendige Gespür für den Zeitgeist. Mit einer frischen, modernen und klugen Kollektion katapultierte sie Céline in nur einer Saison von null auf hundert, bis heute gilt ihre Mode in Paris als der größte Hit. Und ihre Taschen verkaufen sich wie warme Semmeln.  

Plötzlich vulgär und passé

Chanel und Hermès gelang es, Schritt zu halten. Dabei kostet jede Hermès-Tasche knapp das Dreifache einer beliebigen anderen Designerhandtasche, die berühmte Kelly Bag beispielsweise hat einen Mindestpreis von 5.000 Euro. Daran sitzt dann aber auch ein Sattler eine knappe Woche, bis heute wird jedes Modell vollständig von Hand gefertigt.

Doch Louis Vuitton wirkte neben diesem Paukenschlag plötzlich vulgär und passé. Marc Jacobs' Kollektionen machten trotz einer immer pompöseren Szenerie – im Frühjahr 2012 ließ er eine historische Dampflok in den Innenhof des Louvre einfahren – immer weniger Eindruck. Unter ihrer Lammlederfassade erschien seine Mode zusammenhangslos und inhaltsleer. Im Oktober 2013 nahm Jacobs schließlich Abschied und verließ nach 14 Jahren Paris.  

Jetzt nimmt Louis Vuitton mit einem neuen Chefdesigner den Fehdehandschuh wieder auf. Nicolas Ghesquière hatte zuvor mit Balenciaga schon eine andere abgeschriebene Marke an die Spitze geführt. Bei Balenciaga bewies der 42-Jährige auch das so wichtige Gespür für Handtaschen. Seine halbrunde Bowling Bag mit ihren vielen Reißverschlüssen und Lederbändeln hing tausendfach kopiert in den Fußgängerzonen.