Zu meiner letzten Kolumne kamen Lesermails und Kommentare , die mich nachdenklich stimmten. In meinem Kommentar zu der Fallgeschichte (die Erfahrungen mit mehreren solchen Fällen aus meiner Praxis verdichtet) hatte ich das Verhalten einer Frau, die gegen den Willen ihres Mannes schwanger wird , nicht für gut befunden, aber für verständlich. Ich hatte es nicht aus der Haltung heraus diskutiert, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Ich hatte versucht, mich in die Wege solcher Frauen einzufühlen, etwa nach dem Bild, dass auch ein krummer Ast Früchte tragen kann.

Die empörte Reaktion ließ mich über meine Rolle nachdenken. Ich bin weder Prophet noch Moralist, sondern Analytiker und Therapeut, ein Experte für Bedingungen seelischer Gesundheit. Hatte ich diesen Männern Unrecht getan? War mein Beispiel tendenziös? Jetzt fielen mir Geschichten ein, die mir ebenfalls in meiner Praxis erzählt worden waren, von Männern, die sich nach einem One-Night-Stand mit Vaterschaftsansprüchen plagen oder erfahren, dass die Gelegenheitsbekanntschaft, welche behauptet hatte, die Pille zu nehmen, lesbisch ist und gerne ein Kind mit ihrer Freundin aufziehen möchte. Dennoch fiel es mir schwer, mich in diese Gefühle radikaler Entwertung hineinzuversetzen.

In der langen Geschichte menschlicher Liebesbeziehungen ist das Kapitel einer sicheren Verhütung von Schwangerschaften relativ kurz. Ehe es aufgeschlagen wurde, musste jeder Mann, der mit einer Frau im gebärfähigen Alter Verkehr hatte, mit einer Schwangerschaft rechnen. Die häufigste Verhütungsmethode war der rechtzeitige Rückzug; der Coitus interruptus. Wurde die Frau schwanger, musste der Mann den Vorwurf ertragen, dass er nicht "aufgepasst" habe.

Die meisten Paare werden sich einig darüber, ob sie Kinder wollen oder nicht. Sie sprechen darüber; die Entscheidung ergibt sich zwanglos aus den Gesprächen, wer verhütet und was geschehen soll, wenn es mit der Verhütung nicht klappt. Beides hängt damit zusammen, wie jeder für sich und beide zusammen über ihre Zukunft denken. Kinder zu haben ist für viele Männer und vielleicht noch mehr Frauen ein existenzielles Bedürfnis und gleichzeitig eine Quelle von Versagensängsten. Es gibt dann den Kompromiss, die Schwangerschaft aufzuschieben.

 

Dieser Kompromiss ist aber kein anständiger oder gerechter Kompromiss. Er benachteiligt die Partei, deren biologische Uhr lauter tickt. Eine Frau darauf festzulegen, was sie einmal zugesagt hat, ihr nur die Wahl zu lassen zwischen dem Eingeständnis von Wankelmut oder dem Verzicht auf Selbstverwirklichung, ist lieblos, auch wenn es korrekt sein mag.

Ein Leser fragte mich: "Ist die Würde eines Mannes nichts mehr wert? Dürfen Männer nicht mehr über ihr Leben entscheiden? Warum dürfen Frauen entscheiden?" Dürfen Frauen einfach selbst entscheiden? Über das Leben eines Kindes und das Leben eines Mannes? Einfach ist das nicht, würde ich sagen, für keinen der Beteiligten. Die Entscheidung geht auch nicht primär über das Leben eines Kindes. Ob ein Ei befruchtet wird, ob daraus ein Kind entsteht, das ist ein sehr komplexes Geschehen, in dem viele Faktoren zusammenfinden und zusammenstimmen müssen. Es scheitert öfter, als modernen Paaren lieb ist, wie die wachsende Nutzung der Fertilitätsmedizin erweist.

Entscheidet der Mann, der einer Frau ihren Kinderwunsch verweigert, nicht ebenso über ihr Leben wie sie über das seine, wenn sie ohne sein Wissen die Pille weglässt? Der eine Versuch, den Partner zu unterwerfen, ist offen; der andere verborgen. Aber macht das den ersten harmlos und gerecht, den zweiten bösartig und heimtückisch? Keinesfalls kann ich meinem moralischen Empfinden die Überzeugung abringen, dass ein Mann, der durch die Drohung, sie zu verlassen, eine Frau zur Abtreibung zwingt, harmloser ist als eine Frau, die ihn über ihre Fruchtbarkeit täuscht und ihm eine Vaterschaft aufnötigt.

Ich bin, wie gesagt, kein Moralist. In dem zweiten Einwand, der vom Kind auszugehen behauptet, scheint die psychologische Expertise eher gefragt. Freilich wird auch hier vom gekränkten Narzissmus des in die Vaterschaft betrogenen Mannes wie von einer Naturmacht gesprochen, vergleichbar dem überwältigenden Geschehen von Schwangerschaft und Geburt. Ich kann nicht leugnen, dass es diese Naturmacht gibt; ich bin ihr selbst oft genug begegnet. Die Schwäche aller Einwände angesichts einer derartigen Kränkung in Liebeserwartungen spiegelt sich in einer therapeutischen Ohnmacht, eine so zerfallene Beziehung zu kitten.

Allerdings wäre es unsinnig, ein Paar, das sich über die Schwangerschaft einig ist, als Garanten hinzustellen, dass hier die Vaterschaft verantwortungsbewusst angenommen wird. Ich kenne keine brauchbare Statistik, welche das Schicksal der aufgezwungenen Vaterschaft mit dem der frei gewählten vergleicht, wohl aber einzelne Beobachtungen und die allgemeine, statistisch ausgezeichnet belegte Erfahrung, dass Ehen an keinem Ereignis öfter zerbrechen als gerade an dieser in gemeinsamer Entscheidung  – sollten wir nicht lieber sagen: in gemeinsamer Illusion? – riskierten Schwangerschaft.

Auch ich bin, wie viele Kriegskinder, vaterlos aufgewachsen. Ich kann nicht behaupten, frei von seelischen Problemen zu sein, bin aber damit der Gesellschaft nicht zur Last gefallen. Ein Leser schrieb mir: "Das Kind wird ohne Vater aufwachsen, mit dem Wissen, dass es nicht gewollt war. Eine Bürde, die niemand tragen möchte. Hoffentlich wird das Kind später für andere Kinder, Mitschüler, für sein Umfeld nicht selbst zur Belastung."

Hier greift die Kränkung zur Prophetie und übertreibt, wie das Propheten so an sich haben. Sicherlich ist es schöner für ein Kind, mit zwei Eltern aufzuwachsen, die in Liebe verbunden bleiben. Aber niemand konnte bisher nachweisen, dass Kinder geschädigt sind, wenn sie nur eine erwachsene Bezugsperson haben; es kommt darauf an, wie zufrieden diese Person mit sich und mit ihrem Leben ist. Eine Mutter, die trickst, um schwanger zu werden, macht sich weniger Illusionen über Liebe und verlässliche Bindungen. Wenn es ihr nicht gelingt, durch das Kind die Beziehung zu dessen Vater zu festigen, wird sie wohl nicht schlechter als von Streitehen und Rosenkriegen zermürbte Mütter und Väter ihrem Kind den Halt geben können, den dieses braucht.

 

Das sind Mutmaßungen, die ihren Zweck erreicht haben, wenn sie die oben zitierte düstere Prophezeiung als ungesicherte Behauptung klarstellen. Hinreichend belegt ist nur, dass für ein Kind zwei zufriedene Eltern die besten Voraussetzungen schaffen. Es gibt belastbare Statistiken darüber, dass die zufriedene Hausfrau seltener als alle anderen Mütter auffällige Kinder heranzieht. Das Zweitbeste ist die zufriedene berufstätige Mutter, das Drittbeste die unzufriedene berufstätige Mutter - und das Schlechteste die unzufriedene Hausfrau.

Diese empirischen Ergebnisse entsprechen den Beobachtungen in der Familientherapie. Ein zufriedener und ausgeglichener Elternteil ist besser als zwei streitende Eltern. Kinder finden eine Scheidung schrecklich, aber angesichts von Eltern, die sich gegenseitig entwerten und dem Kind mehr aufbürden als es tragen kann, sehnen sie diese herbei und bedauern später oft, dass es so lange gedauert hat, bis die Eltern auseinander waren.

Woher die Empörung? Warum wird im Urteil des ersten Lesers etwas, das ich für eine abwägende Suche nach dem kleineren Übel halte, zur dämonischen Aufforderung zu größtmöglichem Unrecht? Das Hauptargument ist in beiden Fällen, dass es schlimmste Folgen hat und das Leben des Mannes und des Kindes zerstört, wenn eine Frau eigenmächtig entscheidet, schwanger zu werden.

Die Frau schenkt der Zukunft ein Kind; sie realisiert ihre Potenz. Im Erleben des Mannes raubt sie ihm auf diesem Weg seine Potenz, legt ihn fest auf eine abgelehnte Rolle, zwingt ihn, für ein Kind zu zahlen, das er nicht will. Das Ganze kann nur geschehen, weil der Mann zuerst der Frau grenzenlos vertraut hat  – und nun ebenso grenzenlos enttäuscht ist.

Frauen erzählen manchmal von Männern, denen kein Kind abzuluchsen ist, weil sie selbst dann sorgfältig verhüten, wenn ihre Partnerin eine Spirale trägt oder die Pille nimmt. Auf der anderen Seite gibt es Männer, die sich zwar nicht viel um die von ihnen gezeugten Kinder kümmern, aber doch jedes dieser Kinder als Bestätigung ihrer Potenz erleben und sich nichts weiter dabei denken, Alimente für sie zu bezahlen.

Wie aber kommt es, dass ein Mann das von ihm gezeugte Kind mit einer Art Fluch verfolgt, weil die Mutter ihn über ihren Plan getäuscht hat, schwanger zu werden? Zunächst fällt auf, dass hier die Tücke der Mutter vollständig in den Vordergrund rückt und jede Möglichkeit abgelehnt wird, das Kind endlich doch noch als Bereicherung, als Geschenk des Lebens anzunehmen.

Sind diese Männer unbewusst an das Bild einer idealen Frau gebunden, die ganz genau so ist, wie sie es sich vorstellen, die kein anderes Liebesobjekt, keine anderen Interessen kennt als sie? Dann würde auch die verzweifelte Wut angesichts des Verdachts verständlich, die Frau habe sich auf den Sexualakt nur deshalb eingelassen, um dem Mann "ein Kind anzuhängen!" Sie wird nicht als Partnerin wahrgenommen, die eigene Interessen verfolgt, sondern als Verräterin an einem Versprechen, als übermächtige Zerstörerin. Folgerichtig wird auch der Psychologe, der Verständnis für solche Tricks zeigt, zu einem Verräter am männlichen Geschlecht.

Jede Liebe trägt den radikalen Anspruch auf Partner in sich, die makellos dienen und bemuttern in einem. Wenn Verliebte erleben, dass zwischen sie wie zwischen die Steine einer frühgriechischen Tempelmauer keine Messerklinge passt, wird jede Lüge unverzeihlich. Und doch betrügen und belügen sich Liebende. Manche können es sich verzeihen und glücklich zusammen alt werden, anderen gelingt das nicht.

So mag es dem Verständnis der Liebenden füreinander dienen, wenn wir die schlichte Zweiteilung von guter Wahrheit und böser Lüge aufgeben. Es gibt eine liebevolle Lüge und eine lieblose, einen Betrug, in dem der Betrogene anständig behandelt wird und einen, in dem das nicht geschieht. Annemarie in dem Fallbeispiel hat Klaus liebevoll betrogen, er hat das gespürt und so konnten die beiden zusammen weitergehen.

Wolfgang Schmidbauer, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Jede Woche beantwortet er im ZEITmagazin eine "Große Frage der Liebe"

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