Online-DatingComputerliebe, Computerliebe

Immer mehr Menschen suchen die Liebe im Netz. Die Ethnologin Julia Dombrowski hat über das Phänomen geforscht – und war überrascht von der Rationalität bei Online-Dates. von Judith Liere

Was hinter den romantischen Gesten beim Kennenlernen steckt, zeigt sich ohnehin erst nach einer gewissen Zeit – online wie offline

Was hinter den romantischen Gesten beim Kennenlernen steckt, zeigt sich ohnehin erst nach einer gewissen Zeit – online wie offline  |  © madochab/photocase

ZEIT ONLINE: Frau Dombrowski, Sie haben Ihre Doktorarbeit über das Phänomen des Online-Datings geschrieben. Warum sucht man im Internet nach der Liebe?

Julia Dombrowski: Aus Pragmatismus. Die Online-Dater, mit denen ich im Rahmen meiner Studie gesprochen habe, waren in der Regel 30 Jahre und älter. Viele haben keine Lust mehr, in Kneipen oder Clubs zu gehen, um dort nach einem Partner zu suchen. Ihre Freundeskreise bestanden meist aus Paaren oder überzeugten Singles – viele meiner Befragten sagten außerdem, dass sie gar nicht mehr wissen würden, wo sie eigentlich nach Partnern suchen sollen.
Die Frauen hatten oft kleine Kinder aus vorherigen Beziehungen und können deswegen sowieso nicht häufig ausgehen. Sie sehen Online-Dating als gute Möglichkeit, die Zeit, die sie ohnehin abends zuhause verbringen, zu nutzen. Ein anderer Teil der Studienteilnehmer war überhaupt sehr Internet-affin. Viele arbeiten in der Medienbranche und nutzen auch andere soziale Netzwerke, wie Facebook, sehr stark. Da liegt es nahe, das Netz auch für die Partnersuche zu verwenden.

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Julia Dombrowski: "Die Suche nach der Liebe im Netz. Eine Ethnographie des Online-Datings" erscheint im Januar 2011 im Transcript Verlag

Julia Dombrowski: "Die Suche nach der Liebe im Netz. Eine Ethnographie des Online-Datings" erscheint im Januar 2011 im Transcript Verlag  |  © Transkript Verlag

ZEIT ONLINE: Obwohl eine zunehmende Anzahl an Menschen schon einmal im Netz nach einem Partner gesucht hat, haftet Online-Dating noch immer etwas Peinliches an. Auch die Menschen, die Sie befragt haben, rechtfertigen sich und sehen Online-Dates mit einer ironischen Distanz. Warum?

Dombrowski: Das hat vor allem mit unseren kulturellen Vorstellungen zu tun. Viele Online-Dater wollen eben auch nicht als jemand gelten, der auf "normalem Wege" keinen Partner findet. Außerdem bezahlt man für viele Singlebörsen, gibt also Geld für die Suche nach der Liebe aus – auch das sorgt für eine gewisse innere Distanzierung.
Der wichtigste Grund für die Rechtfertigungen ist aber: Der Aufbau der Partnerbörsen im Internet widerspricht unseren romantischen Idealen. Liebe auf den ersten Blick oder sich nach einer langen Freundschaft doch noch zu verlieben – zu diesen romantischen Idealen gehört aber eben nicht: "Ich habe ihn oder sie unter Hunderten ausgewählt, weil ich das Foto sexy fand." Das wollen die wenigsten zugeben. Das widerspricht auch unserer Vorstellung von Einzigartigkeit, die für die Liebe ganz wichtig ist. Der Andere soll ja die einzige Person sein, mit der ich mich ganz fühle, der ich all meine Emotionen entgegenbringe, mit der ich Sex habe. In den Börsen ist jeder nur einer unter Tausenden und das ist den Leuten natürlich bewusst.

ZEIT ONLINE: Beim romantischen Ideal spielt auch der Zufall eine große Rolle, eine unverhoffte Begegnung, bei der man sich verliebt. Das fällt bei der Suche im Netz weg, stattdessen gibt es psychologische Kompatibilitätstests, die den richtigen Partner ermitteln sollen. Ist der wissenschaftliche Ansatz, der da vorgegeben wird, der Ersatz für den Zufall?

Dombrowski: Ja, damit machen auch manche Partnerbörsen explizit Werbung. Da wird richtiggehend gegen den Zufall argumentiert, mit dem Argument dass Liebe mehr mit Übereinstimmungswerten zu tun hat als mit Glück. Die Psychologie übernimmt da also eine Ersatzfunktion.
Was auch interessant ist: Wenn man sich über eine Börse kennenlernt, wird die Begegnung oft im Nachhinein romantisch aufgewertet. Da wird dann berichtet, dass man zufällig um ein Uhr nachts noch am Rechner saß und zufällig auf ein Profil geklickt hat, obwohl man sich eigentlich ausloggen wollte. Oder dass man sich zufällig doch geschrieben hat, obwohl man nur 35 Prozent Übereinstimmungswerte hatte und es damit eigentlich gar nicht hätte klappen sollen.

Leserkommentare
    • davidka
    • 09. Dezember 2010 14:35 Uhr

    Bei der Aussage, "Außerdem fand ich erstaunlich, dass die Leute so reflektiert mit den Partnerbörsen im Netz umgehen. Ich dachte, das würde alles wesentlich ungefilterter, undurchdachter passieren" musste ich schmunzeln - leider hat sich wohl doch noch nicht herumgesprochen, dass Partnerbörsen, wie beispielsweise das von der Zeit beworbene Parship am Rande der Seriösität arbeiten: Erhaltene Kontaktanfragen können nur gelesen werden, wenn man ein Abo bezahlt. Und als Abo-Inhaber kann man nicht feststellen, ob der Angemailte in der Lage ist, die Zuschrift zu lesen. Das bedeutet: Man macht sich die Arbeit, schreibt und schreibt und Parship hofft natürlich, den Empfänger zum Abschluss eines Abos gewinnen zu können, um die Zuschrift zu lesen. Sicherlich sollen Partnerbörsen ihr Geld machen, aber nicht auf Kosten von Hoffnunen und Gefühlen.

  1. Ich bezweifle, dass online dating besonders rational ist. Fast alle gehen ja zuerst nach dem ersten optischen Eidnruck, schon der ist irrational. Dann erst kommt zwar das "rationale" Filtern nach Interessen, Beruf, Einkommen, Alter etc., aber sobald man sich dann trifft, hängt alles weitere von irrationalen Faktoren wie der "Persönlichkeit" und der "Chemie" ab. Wie im richtigen Leben halt.

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  • Schlagworte Börse | Doktorarbeit | Facebook | Internet | Liebe | Medienbranche
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