M. Knirsch, 40, ist verheiratet und lebt mit seiner Frau zusammen. Vor drei Jahren hat er sich als schwul geoutet. Das Paar hat keine Kinder. Er erzählt:
Als ich meiner Frau gesagt habe, dass ich schwul bin, war das schon hammerhart. Da waren wir schon 13 Jahre lang verheiratet und noch viel länger verlobt. Ich habe das ganz lange in meinem Kopf vorbereitet, habe Hinweise gestreut und gehofft: Irgendwie muss sie es doch merken. Dann habe ich mich entschlossen, es ihr endlich klar zu sagen.

Wir haben gesagt, egal, was passiert, jetzt wird an unserer Beziehung gearbeitet.
M. Knirsch

Am Anfang hat sie es bloß geschluckt. Wir haben immer nur bruchstückhaft geredet, aber als sich dann der Pfarrer im Ort auch geoutet hat, kam der Stein ins Rollen. Wir haben gesagt, egal, was passiert, jetzt wird an unserer Beziehung gearbeitet. Wir haben ein Jahr gebraucht, um zu lernen damit umzugehen, ohne fremde Hilfe von außen darüber zu reden. Das war heilsam auf beiden Seiten.

Wenn zwei Menschen sich gegenübersitzen und der eine dem anderen sagt: "Ich kann dir nicht geben, was du brauchst" und der andere antwortet: "Und ich kann dir nicht geben, was du brauchst" und man dann anfängt, von ganzem Herzen zu heulen, das ist ein unbeschreibliches Gefühl. 

Natürlich haben wir uns gefragt: Wollen wir uns scheiden lassen? Und die Antwort war ganz klar: Nein! Also haben uns sehr sachlich und sehr klar ausgetauscht: Wie wollen wir die Beziehung leben?

Nach meinem Outing haben wir uns ein Haus mit zwei Wohnungen gekauft – eine unten, eine oben. Wir haushalten gemeinsam, wir kochen gemeinsam, wir haben getrennte Schlafzimmer. Liebe bedeutet mehr als Kinder zeugen und zusammenleben. Sie bedeutet auch mehr als Sexualität. Liebe hat etwas mit Respekt zu tun, mit Fürsorge und Verantwortung. Wir leben wie die allerbesten, engsten Freunde. Das ist für viele unvorstellbar.

Ich habe meine Sexualität nie in der Szene ausgelebt, immer nur heimlich. Dann fuhr ich nach Göttingen zu einem Workshop für schwule Väter. Da waren dann auf einmal 70 Männer. Ich dachte, ich sterbe. Alle möglichen Ängste kamen hoch. Aber dann habe ich normale, liebe Menschen kennengelernt, die einfach nicht in das Schema passen, das ich kennengelernt hatte.

Es gab an diesem Wochenende ein tolles Erlebnis, ich bin Sonntag früh aufgewacht, habe in den Spiegel geguckt und mich zum ersten Mal selbst erkannt. Ich habe bis dahin alles kontrolliert, Gesten, Sprache. Man verliert selbst an Kontur, es darf ja nicht auffallen, dass man schwul ist. Man ist nur noch ein Abziehbild von dem, was die Familie von einem erwartet.

Ich lebe meine Sexualität nicht mehr heimlich. Wenn ich einen Freund verabschiede, küsse ich den auch vor der Haustür. Wenn es einen Mann gäbe, der zu mehr bereit wäre, wäre das eine Wochenendbeziehung. Denn ich will meine Frau nicht verlassen. Meine Frau ist mein Engel.