Beziehungsweisen "Als ich meiner Frau sagte, dass ich schwul bin, war das hart"

In der Serie "Beziehungsweisen" porträtiert Theresa Bäuerlein das Leben jenseits der Normalfamilie. Folge 5: Ein Ehemann outet sich. Bleibt aber bei seiner Frau.

M. Knirsch, 40, ist verheiratet und lebt mit seiner Frau zusammen. Vor drei Jahren hat er sich als schwul geoutet. Das Paar hat keine Kinder. Er erzählt:
Als ich meiner Frau gesagt habe, dass ich schwul bin, war das schon hammerhart. Da waren wir schon 13 Jahre lang verheiratet und noch viel länger verlobt. Ich habe das ganz lange in meinem Kopf vorbereitet, habe Hinweise gestreut und gehofft: Irgendwie muss sie es doch merken. Dann habe ich mich entschlossen, es ihr endlich klar zu sagen.

Wir haben gesagt, egal, was passiert, jetzt wird an unserer Beziehung gearbeitet.

M. Knirsch

Am Anfang hat sie es bloß geschluckt. Wir haben immer nur bruchstückhaft geredet, aber als sich dann der Pfarrer im Ort auch geoutet hat, kam der Stein ins Rollen. Wir haben gesagt, egal, was passiert, jetzt wird an unserer Beziehung gearbeitet. Wir haben ein Jahr gebraucht, um zu lernen damit umzugehen, ohne fremde Hilfe von außen darüber zu reden. Das war heilsam auf beiden Seiten.

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Wenn zwei Menschen sich gegenübersitzen und der eine dem anderen sagt: "Ich kann dir nicht geben, was du brauchst" und der andere antwortet: "Und ich kann dir nicht geben, was du brauchst" und man dann anfängt, von ganzem Herzen zu heulen, das ist ein unbeschreibliches Gefühl. 

Theresa Bäuerlein
Theresa Bäuerlein

Theresa Bäuerlein, 1980 in Bonn geboren, ist Journalistin und Autorin. 2008 erschien ihr erster Roman Das war der gute Teil des Tages. Für ZEIT ONLINE schrieb Bäuerlein 2010 die Kolumne "Gewissensbisse". Sie wohnt in Tel Aviv und Jaibling, Bayern.

Natürlich haben wir uns gefragt: Wollen wir uns scheiden lassen? Und die Antwort war ganz klar: Nein! Also haben uns sehr sachlich und sehr klar ausgetauscht: Wie wollen wir die Beziehung leben?

Nach meinem Outing haben wir uns ein Haus mit zwei Wohnungen gekauft – eine unten, eine oben. Wir haushalten gemeinsam, wir kochen gemeinsam, wir haben getrennte Schlafzimmer. Liebe bedeutet mehr als Kinder zeugen und zusammenleben. Sie bedeutet auch mehr als Sexualität. Liebe hat etwas mit Respekt zu tun, mit Fürsorge und Verantwortung. Wir leben wie die allerbesten, engsten Freunde. Das ist für viele unvorstellbar.

Ich habe meine Sexualität nie in der Szene ausgelebt, immer nur heimlich. Dann fuhr ich nach Göttingen zu einem Workshop für schwule Väter. Da waren dann auf einmal 70 Männer. Ich dachte, ich sterbe. Alle möglichen Ängste kamen hoch. Aber dann habe ich normale, liebe Menschen kennengelernt, die einfach nicht in das Schema passen, das ich kennengelernt hatte.

Es gab an diesem Wochenende ein tolles Erlebnis, ich bin Sonntag früh aufgewacht, habe in den Spiegel geguckt und mich zum ersten Mal selbst erkannt. Ich habe bis dahin alles kontrolliert, Gesten, Sprache. Man verliert selbst an Kontur, es darf ja nicht auffallen, dass man schwul ist. Man ist nur noch ein Abziehbild von dem, was die Familie von einem erwartet.

Ich lebe meine Sexualität nicht mehr heimlich. Wenn ich einen Freund verabschiede, küsse ich den auch vor der Haustür. Wenn es einen Mann gäbe, der zu mehr bereit wäre, wäre das eine Wochenendbeziehung. Denn ich will meine Frau nicht verlassen. Meine Frau ist mein Engel.

 
Leser-Kommentare
  1. Kommt so etwas in Deutschland noch vor? Dass sich ein Mann bis 37 verstellen muss? Dass die EHE(!)frau erst anfängt zu realisieren, was sie verliert, wenn sich ein Pfarrer outet?

    Mir kommt das irgendwie ziemlich konstruiert vor. Ich glaube nicht, dass man sich bis ins mittlere Alter so gut verstellen und belügen kann und vor allem: will! Außerdem gibt es Studien zu homosexuellen Männern in heterosexuellen Beziehungen, die ganz klar ausdrücken, dass solche Beziehungen nur halten, wenn zeitig Kinder daraus hervor gehen - also 13 Jahre und kinderlos scheint mir da etwas unrealistisch.

    Wie dem auch sei. Das emanzipatorische Niveau ist wahrscheinlich regional noch immer sehr verschieden. Allerdings sollte man einen so speziellen Fall nicht als repräsentativ oder gar trendgebend erachten - was die Autorin ja auch nicht tut, aber die Konstruktion eines solchen Falles hat ja sicher einen Hintergrund.

    Das scheint mir ein Porträt aus einem sehr biederen, konservativen Milieu zu sein.

    • fauler
    • 29.06.2011 um 16:27 Uhr

    Wenn er Schwul ist dann nimmt das der Ehe jeden Sinn und Glaubwürdigkeit. Scheidet euch und lebt dann weiter so zusammen. So einfach ist das.

    Oh man was für krasse Sachen hier vorkommen. Das lässt einen schon aufhorchen und verwirren tuen mich die ganzen Geschichten erst recht. Jetzt muss ich mich mit meinen Siebzehn Jahren n Kopf machen was Ehe überhaupt ist.

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    ...und zwar einige Zeit bevor Sie heiraten. Sich die Fragen stellen: Was bedeutet mir eine Ehe? Was brauche ich unbedingt? Worauf kann ich verzichten? Die Antworten auf diese Fragen ändern sich mit der Zeit, die Perspektive ändert sich mit dem eigenen Lebensweg, mit den Beziehungen, die man erlebt. Und wenn man gemeinsame Antworten gefunden hat, wenn eine Beziehung an einem Punkt ankommt, an dem die Frage lautet: Warum nicht heiraten?, dann kann man miteinander eine Ehe führen (oder auch keine Ehe), die Chancen hat, lange, lange, lange zu dauern.

    • SarahA
    • 29.06.2011 um 21:20 Uhr

    Wieso ist das ganze unglaubwürdig? Nur weil das nicht in ihr Weltbild passt? Man kann einen Menschen vom tiefsten Herzen lieben, auch wenn es keine sexuelle Beziehung gibt. Wieso sollten sie sich scheiden lassen? Wenn sie so beide glücklich sind?

    Was ist daran absurd, solange es funktioniert?

    Als ich meine Frau kennengelernt habe, habe ich ihr beim allerersten(!) Treffen gesagt, dass ich in meinem Leben schon mit mehr Männern als Frauen im Bett war. Es hat sie nicht davon abgehalten, mich später zu heiraten und mehrere Kinder mit mir zu bekommen. Eine Neigung zum anderen Geschlecht ist also nicht zwangsweise ein Hemmnis für eine funktionierende Beziehung.

    ...und zwar einige Zeit bevor Sie heiraten. Sich die Fragen stellen: Was bedeutet mir eine Ehe? Was brauche ich unbedingt? Worauf kann ich verzichten? Die Antworten auf diese Fragen ändern sich mit der Zeit, die Perspektive ändert sich mit dem eigenen Lebensweg, mit den Beziehungen, die man erlebt. Und wenn man gemeinsame Antworten gefunden hat, wenn eine Beziehung an einem Punkt ankommt, an dem die Frage lautet: Warum nicht heiraten?, dann kann man miteinander eine Ehe führen (oder auch keine Ehe), die Chancen hat, lange, lange, lange zu dauern.

    • SarahA
    • 29.06.2011 um 21:20 Uhr

    Wieso ist das ganze unglaubwürdig? Nur weil das nicht in ihr Weltbild passt? Man kann einen Menschen vom tiefsten Herzen lieben, auch wenn es keine sexuelle Beziehung gibt. Wieso sollten sie sich scheiden lassen? Wenn sie so beide glücklich sind?

    Was ist daran absurd, solange es funktioniert?

    Als ich meine Frau kennengelernt habe, habe ich ihr beim allerersten(!) Treffen gesagt, dass ich in meinem Leben schon mit mehr Männern als Frauen im Bett war. Es hat sie nicht davon abgehalten, mich später zu heiraten und mehrere Kinder mit mir zu bekommen. Eine Neigung zum anderen Geschlecht ist also nicht zwangsweise ein Hemmnis für eine funktionierende Beziehung.

  2. 3. 12345

    Bitte verzichten Sie auf respektlose Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    • snm81
    • 29.06.2011 um 16:51 Uhr

    ihren letzten satz kann man so wohl kaum stehen lassen. soll das dann für alle gelten, oder wie? sollen sich auch transsexuelle eben "einfach mal zusammenreissen"?
    wobei wir ja gar nicht wissen wie die familiäre situation in der herkunftsfamilie war, der psychische druck, der anpassungszwang, das soziale milieu. dann erklärt sich vielleicht so manches mal warum jemand so lange braucht um seine fassade zu durchbrechen. und gegen die macht der sexuellen neigung kann man sich nicht einfach mit "ein bisschen disziplin" wehren. da passieren dann die ekligsten sachen, da ist dann z.b. depression als psychosomatische reaktion noch das geringst- das macht krank. man sollte sich doch mit solchen themen etwas mehr beschäftigen bevor man solche bierdunstweisheiten von sich gibt.

    • g.rade
    • 29.06.2011 um 21:25 Uhr

    "Nicht alles, was in einem steckt, muss man auch ausleben!"

    eine einfache Frage: "Warum nicht, solange es die Achtung vor anderen Menschen nicht vermissen lässt?"

    Sexualität ist kein "Selbstfindungstrip".

    Bitte stellen Sie sich das, was Sie äussern, mal am eigenen Leibe vor; Sie dürfen Ihre Sexualität nicht ausleben. Das heisst: Keinen Sex. Kein - längeres oder kürzeres - Kennenlernen. Nicht küssen.... Nichts. Das ist ein asexuelles Leben.
    Dieser Gedanke/diese Erwartung ist zutiefst unmenschlich und markiert ganz offensichtlich Ihre eigenen Themen, Herr Wendlandt.

    Und wofür? 1.) Für die Moral? Warum ist das moralischer? 2.) Wegen der Frau? Und wo bleibt er?
    Wenn der Mann sich scheiden lassen wollte, um alleine oder mit einem Mann zusammen zu leben, hätte er sehr wohl das moralische Recht dazu. Sie hingegen sprechen es ihm ab.

    Sie moralisieren und scheinen genau zu wissen, was für andere gut ist. Woher eigentlich?

    Ich glaube, mit Ehrlichkeit und dem Prinzip, nach dem jeder auf seinem individuellen Weg glücklich werden darf, können wir einer menschlichen und starken
    Gesellschaft immer näher kommen.

    • snm81
    • 29.06.2011 um 16:51 Uhr

    ihren letzten satz kann man so wohl kaum stehen lassen. soll das dann für alle gelten, oder wie? sollen sich auch transsexuelle eben "einfach mal zusammenreissen"?
    wobei wir ja gar nicht wissen wie die familiäre situation in der herkunftsfamilie war, der psychische druck, der anpassungszwang, das soziale milieu. dann erklärt sich vielleicht so manches mal warum jemand so lange braucht um seine fassade zu durchbrechen. und gegen die macht der sexuellen neigung kann man sich nicht einfach mit "ein bisschen disziplin" wehren. da passieren dann die ekligsten sachen, da ist dann z.b. depression als psychosomatische reaktion noch das geringst- das macht krank. man sollte sich doch mit solchen themen etwas mehr beschäftigen bevor man solche bierdunstweisheiten von sich gibt.

    • g.rade
    • 29.06.2011 um 21:25 Uhr

    "Nicht alles, was in einem steckt, muss man auch ausleben!"

    eine einfache Frage: "Warum nicht, solange es die Achtung vor anderen Menschen nicht vermissen lässt?"

    Sexualität ist kein "Selbstfindungstrip".

    Bitte stellen Sie sich das, was Sie äussern, mal am eigenen Leibe vor; Sie dürfen Ihre Sexualität nicht ausleben. Das heisst: Keinen Sex. Kein - längeres oder kürzeres - Kennenlernen. Nicht küssen.... Nichts. Das ist ein asexuelles Leben.
    Dieser Gedanke/diese Erwartung ist zutiefst unmenschlich und markiert ganz offensichtlich Ihre eigenen Themen, Herr Wendlandt.

    Und wofür? 1.) Für die Moral? Warum ist das moralischer? 2.) Wegen der Frau? Und wo bleibt er?
    Wenn der Mann sich scheiden lassen wollte, um alleine oder mit einem Mann zusammen zu leben, hätte er sehr wohl das moralische Recht dazu. Sie hingegen sprechen es ihm ab.

    Sie moralisieren und scheinen genau zu wissen, was für andere gut ist. Woher eigentlich?

    Ich glaube, mit Ehrlichkeit und dem Prinzip, nach dem jeder auf seinem individuellen Weg glücklich werden darf, können wir einer menschlichen und starken
    Gesellschaft immer näher kommen.

  3. Entfernt. Bitte diskustieren Sie sachlich zum Thema des Artikels. Die Redaktion/sc

    Eine Leser-Empfehlung
    • snm81
    • 29.06.2011 um 16:51 Uhr

    ihren letzten satz kann man so wohl kaum stehen lassen. soll das dann für alle gelten, oder wie? sollen sich auch transsexuelle eben "einfach mal zusammenreissen"?
    wobei wir ja gar nicht wissen wie die familiäre situation in der herkunftsfamilie war, der psychische druck, der anpassungszwang, das soziale milieu. dann erklärt sich vielleicht so manches mal warum jemand so lange braucht um seine fassade zu durchbrechen. und gegen die macht der sexuellen neigung kann man sich nicht einfach mit "ein bisschen disziplin" wehren. da passieren dann die ekligsten sachen, da ist dann z.b. depression als psychosomatische reaktion noch das geringst- das macht krank. man sollte sich doch mit solchen themen etwas mehr beschäftigen bevor man solche bierdunstweisheiten von sich gibt.

    Antwort auf "12345"
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    Gekürzt. Bitte halten Sie sich an einen höflichen Umgangston im Forum und verzichten Sie auf Äußerungen, die als beleidigend wahrgenommen werden könnten. Danke, die Redaktion/jz

    Gekürzt. Bitte halten Sie sich an einen höflichen Umgangston im Forum und verzichten Sie auf Äußerungen, die als beleidigend wahrgenommen werden könnten. Danke, die Redaktion/jz

  4. Schönes Wort, das trifft es genau. Wahrscheinlich sind solche Artikel aber nötig, um mit emanzipatorischen Themen zu den ländlichen Stammtischen durchzudringen.

    Den Aufrechten Gang erlernen die Einen, davon profitieren werden letztlich wieder mal auch die, die zur Humanisierung der Gesellschaft nichts beigetragen haben...

    @Amanitin:
    Wie ist denn das gemeint mit dem "Heiligen Stand der Ehe"? Woher wissen Sie, dass Ihr Gott so exklusiv ist wie die deutschen Gesetze?

  5. Gekürzt. Bitte halten Sie sich an einen höflichen Umgangston im Forum und verzichten Sie auf Äußerungen, die als beleidigend wahrgenommen werden könnten. Danke, die Redaktion/jz

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    • snm81
    • 29.06.2011 um 17:21 Uhr

    bei katholischen priestern bin ich keineswegs empört wenn sie sich nicht unter kontrolle haben. vielmehr ist es nur logisch- wenn man die erkenntnisse von psychologie und medizin nicht völlig ausblendet. was mich empört ist das festhalten an der grotesken institution des zöllibats wider besseres wissen.

    • snm81
    • 29.06.2011 um 17:21 Uhr

    bei katholischen priestern bin ich keineswegs empört wenn sie sich nicht unter kontrolle haben. vielmehr ist es nur logisch- wenn man die erkenntnisse von psychologie und medizin nicht völlig ausblendet. was mich empört ist das festhalten an der grotesken institution des zöllibats wider besseres wissen.

    • snm81
    • 29.06.2011 um 17:21 Uhr

    bei katholischen priestern bin ich keineswegs empört wenn sie sich nicht unter kontrolle haben. vielmehr ist es nur logisch- wenn man die erkenntnisse von psychologie und medizin nicht völlig ausblendet. was mich empört ist das festhalten an der grotesken institution des zöllibats wider besseres wissen.

    Antwort auf "im Gegenteil:"
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