Kati Radloff ist Gründerin von asexuality.org/de , einer Website für Menschen, die kein Verlangen nach Sex haben. Die 34-Jährige lebt mit ihrem Partner in Berlin. Sie erzählt:
Ich bin asexuell, das heißt: ich habe an sexueller Interaktion einfach kein Interesse. Man kann sich das so vorstellen: Für die meisten Menschen gibt es mindestens ein Geschlecht, von dem sie sich sexuell nicht angezogen fühlen. Man kann also mit diesen Menschen zum Beispiel zusammen unter der Dusche stehen, sich umarmen oder in einem Bett liegen, ohne dabei überhaupt auf die Idee zu kommen, miteinander zu schlafen. Bei mir ist es eben bei beiden Geschlechtern so. Und ich bin damit glücklich. 

Manche Männer haben mir gesagt, eine Beziehung ohne Sex komme nicht infrage. Andere meinten, ich bräuchte Hilfe. Und wieder andere hatten damit keine Schwierigkeiten. Einer hat sogar gesagt: "Das ist kein Problem, ich habe ja zwei gesunde Hände." Ich hatte bisher vier längere Beziehungen, die alle etwa drei Jahre gedauert haben. Unsere sexuellen Unterschiede waren nicht der Grund für ihr Ende.

Manche Männer haben mir gesagt, eine Beziehung ohne Sex komme nicht infrage.
Kati Radloff

Sex ist ja ein klassisches Ausdrucksmittel für Liebe, Geborgenheit und Intimität. Uns wird schon in der Kindheit und Jugend gezeigt, wie man durch Sex Nähe und Liebe ausdrücken kann. Es wird einem aber nicht gesagt, wie man Liebe, Intimität und Leidenschaft ausdrückt, wenn Sex nicht Teil der Beziehung ist. Da mussten meine Partner und ich uns erst einmal von sexuellen Normen emanzipieren, unsere eigenen Wege finden und für uns die Frage beantworten: Was macht eine Beziehung zu einer Beziehung?

Seit Januar habe ich einen neuen Freund. Wir wohnen zusammen. Dass ich asexuell bin, wusste er gleich bei unserem ersten Date. Am Anfang hatte er Bedenken. Mittlerweile ist er aber sehr angetan. Nach ein paar Monaten kam er zu mir und sagte, dass er selbst überrascht sei, wie gut er mit meiner Asexualität umgehen kann. Ich mag die Sexualität meines Freunds ebenso wie er meine Asexualität und versuche, Wege zu finden, damit er auf nichts verzichten muss.

Viele Asexuelle erlauben ihren Partnern, ihre Sexualität außerhalb der Beziehung auszuleben. Aber das wäre für mich keine Option, da wäre ich einfach eifersüchtig.

Ich selbst hatte nie Sex, warum auch? Wenn ich irgendwann neugierig darauf sein sollte, werde ich es ausprobieren, aber bisher habe ich keinen Grund gesehen. Vielleicht, wenn ich Kinder haben will. Aber wenn ich mir den tollsten, romantischsten Moment mit meinem Freund zur Kinderzeugung vorstelle, denke ich nicht an Sex, denke ich nicht an Sex, sondern die Bechermethode.

Leider habe ich gelernt, dass in unserer Gesellschaft Sex keine Privatsache ist. Als ich meiner Frauenärztin sagte, dass ich asexuell bin, sagte sie: "Aha, sie haben also eine sexuelle Luststörung." Das gilt als Krankheitsbild, steht jetzt in meiner Patientenakte und macht mir Probleme, zum Beispiel wenn ich Zusatzversicherungen abschließen möchte. Aber wir Asexuellen wollen aus dem Krankheitsregister herauskommen, genau wie einst Homosexuelle und BDSMler heute.

Mehr zu Asexualität erfahren Sie in dem Beitrag "Sex? Ohne uns!" aus dem Magazin ZEIT Wissen .