Beziehungsweisen"Ich hatte nie Sex, warum auch?"

In der Serie "Beziehungsweisen" porträtiert Theresa Bäuerlein das Leben jenseits der Normalfamilie. Folge 7: Kati Radloff, 34, hat kein Verlangen nach Sex. von 

Kati Radloff ist Gründerin von asexuality.org/de , einer Website für Menschen, die kein Verlangen nach Sex haben. Die 34-Jährige lebt mit ihrem Partner in Berlin. Sie erzählt:
Ich bin asexuell, das heißt: ich habe an sexueller Interaktion einfach kein Interesse. Man kann sich das so vorstellen: Für die meisten Menschen gibt es mindestens ein Geschlecht, von dem sie sich sexuell nicht angezogen fühlen. Man kann also mit diesen Menschen zum Beispiel zusammen unter der Dusche stehen, sich umarmen oder in einem Bett liegen, ohne dabei überhaupt auf die Idee zu kommen, miteinander zu schlafen. Bei mir ist es eben bei beiden Geschlechtern so. Und ich bin damit glücklich. 

Manche Männer haben mir gesagt, eine Beziehung ohne Sex komme nicht infrage. Andere meinten, ich bräuchte Hilfe. Und wieder andere hatten damit keine Schwierigkeiten. Einer hat sogar gesagt: "Das ist kein Problem, ich habe ja zwei gesunde Hände." Ich hatte bisher vier längere Beziehungen, die alle etwa drei Jahre gedauert haben. Unsere sexuellen Unterschiede waren nicht der Grund für ihr Ende.

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Manche Männer haben mir gesagt, eine Beziehung ohne Sex komme nicht infrage.

Kati Radloff

Sex ist ja ein klassisches Ausdrucksmittel für Liebe, Geborgenheit und Intimität. Uns wird schon in der Kindheit und Jugend gezeigt, wie man durch Sex Nähe und Liebe ausdrücken kann. Es wird einem aber nicht gesagt, wie man Liebe, Intimität und Leidenschaft ausdrückt, wenn Sex nicht Teil der Beziehung ist. Da mussten meine Partner und ich uns erst einmal von sexuellen Normen emanzipieren, unsere eigenen Wege finden und für uns die Frage beantworten: Was macht eine Beziehung zu einer Beziehung?

Theresa Bäuerlein
Theresa Bäuerlein

Theresa Bäuerlein, 1980 in Bonn geboren, ist Journalistin und Autorin. 2008 erschien ihr erster Roman Das war der gute Teil des Tages. Für ZEIT ONLINE schrieb Bäuerlein 2010 die Kolumne "Gewissensbisse". Sie wohnt in Tel Aviv und Jaibling, Bayern.

Seit Januar habe ich einen neuen Freund. Wir wohnen zusammen. Dass ich asexuell bin, wusste er gleich bei unserem ersten Date. Am Anfang hatte er Bedenken. Mittlerweile ist er aber sehr angetan. Nach ein paar Monaten kam er zu mir und sagte, dass er selbst überrascht sei, wie gut er mit meiner Asexualität umgehen kann. Ich mag die Sexualität meines Freunds ebenso wie er meine Asexualität und versuche, Wege zu finden, damit er auf nichts verzichten muss.

Viele Asexuelle erlauben ihren Partnern, ihre Sexualität außerhalb der Beziehung auszuleben. Aber das wäre für mich keine Option, da wäre ich einfach eifersüchtig.

Ich selbst hatte nie Sex, warum auch? Wenn ich irgendwann neugierig darauf sein sollte, werde ich es ausprobieren, aber bisher habe ich keinen Grund gesehen. Vielleicht, wenn ich Kinder haben will. Aber wenn ich mir den tollsten, romantischsten Moment mit meinem Freund zur Kinderzeugung vorstelle, denke ich nicht an Sex, denke ich nicht an Sex, sondern die Bechermethode.

Leider habe ich gelernt, dass in unserer Gesellschaft Sex keine Privatsache ist. Als ich meiner Frauenärztin sagte, dass ich asexuell bin, sagte sie: "Aha, sie haben also eine sexuelle Luststörung." Das gilt als Krankheitsbild, steht jetzt in meiner Patientenakte und macht mir Probleme, zum Beispiel wenn ich Zusatzversicherungen abschließen möchte. Aber wir Asexuellen wollen aus dem Krankheitsregister herauskommen, genau wie einst Homosexuelle und BDSMler heute.

Mehr zu Asexualität erfahren Sie in dem Beitrag "Sex? Ohne uns!" aus dem Magazin ZEIT Wissen .

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Leserkommentare
    • gag
    • 27. Juli 2011 16:19 Uhr

    Diese Argumentation ist meiner Meinung nach falsch, weil sie darauf fußt, dass wenn mein Partner etwas tun möchte ich in der Erfüllungspflicht bin dies mitzumachen.

    Ich denke es ist umgekehrt, jeder hat das Recht zu sagen was er möchte und was nicht und niemand (auch nicht mein Partner) kann mich zwingen etwas gegen meinen Willen zu tun.

    Nur mal als Beispiel: stellen sie sich vor ihr Partner eröffnet Ihnen, dass er eine sexuelle Spielart mag mit der Sie nichts anfangen können, die Ihnen vielleicht Angst macht oder sie ab stößt. Sind Sie dann ein Egoist wenn Sie dieser Neigung nicht nachgehen, oder ist es an Ihrem Partner anzuerkennen, dass Sie mit dieser Neigung nichts anfangen können?

    Wobei es ja jedem unbelassen bleibt sich von seinem Partner zu trennen wenn er den Verzicht den er eingehen muss für absolut unzumutbar hält.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Umgebung leidet"
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    Eine abschliessende Beurteilung kann man bei diesem Punkt nicht abgeben, genauso wenig wie mit dem Vorschlag des Gleitgels, das kommt immer auf die beiden Partner drauf an, wie wichtig oder unwichtig dem anderen diese Sache ist und wie wichtig oder unwichtig dagegen die Partnerschaft ist.
    Das muß jeder für sich entscheiden.
    Aber wenn hier jemand Gleitgel sagt und gleich ein anderer Vergewaltigung schreit, dann komme ich mir vor wie beim Wetteronkel.

    Sie diskutieren ob sie unmoralisch handelt. Nein, tut sie nicht. Das habe ich auch nicht behauptet. Sie tut es deshalb nicht weil sie sich vorher mitteilt.

    Wenn er ohne Sex leben kann dann ist das moralisch in Ordnung. Da er ihn aber vorher hatte scheint es wohl doch so zu sein daß er da auf etwas verzichtet, und einen Kompromiss eingeht. Ich unterstelle daß er, würde sie Sex wollen, er ihn auch mit ihr hätte.

    Sie bleibt für mich gestört weil ihr ein wesentliches menschliches Bedürfnis oder Fähigkeit fehlt. Und ihre Umgebung Kompromisse eingehen muß um damit klar zu kommen.

  1. Zwischen selbstgewählter Enthaltsamkeit und geboren ohne sexuelle Gefühle gibt es bei Ihnen also keinen Unterschied.
    Man muß hier wohl immer davon ausgehen, dass man alles immer wieder und ganz genau wiedergeben muß, damit manche es auch verstehen.
    Jeder, wie er lustig ist, aber alles sollte auch beim Namen genannt werden.
    Eine Asexualität ist eine Störung der Sexualität und eine Krankheit, wie Farbenblindheit, es leidet derjenige nicht unbedingt darunter.

    Antwort auf "Nach Ihrer Lesart"
  2. brauchen. Sie zeigt ihre Grenzen auf, er geht darauf ein. Ob und wie lange das gut geht, werden die beiden ja sehen, dann ergeben sich die nächsten Handlungsoptionen.

    Ich würde eher behaupten, jemanden als 'krank' zu klassifizieren, weil er/sie asexuell ist und lebt, ist krank, bzw. eine Reduzierung von Vorstellungsvermögen jenseits vom eigenen Handlungsschema.

    Ich finde es sehr mutig und bereichernd, solche ausgelebten Positionen mal lesen zu können. Statt sich als frigide empfindend zu lustlosem Sex zu zwingen, dazu zu stehen, dass die Hormone in einem anders zusammengestellt sind.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Selbstsüchtig"
  3. 116. Problem

    Nach der Diagnose idiopathisch steril und ca 20.000 DM die meine Frau und ich für künstliche Befruchtung ausgegeben haben, hätte ich mit der Diagnose Platzpatronen weniger Probleme gehabt. Ich kenne die Fau nicht, woher soll ich wissen ob sie Probleme hat. Und warum soll ich Ihr ein Problem einreden? Und für alle Vertreter der Normalität, der Schule des gesunden Menschenverstandes und der Universität " Ist doch logisch" empfehle ich:
    http://medizin-transparen...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Fachleute "
  4. Genau! Auch alle Frauen, die von ihren Männern schlecht behandelt werden, sollten sich ebenfalls weiterhin glücklich schätzen, solange sie sich nicht trennen. Wirklich?

    Der arme Kerl sollte das Weite suchen! Genauso wie die Frauen mit gestörten Männern!

    Antwort auf "Die Umgebung leidet"
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    Nichts von dem, was Sie behaupten, habe ich geschrieben.

    Ein erwachsener Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Falls der Partner der jungen Frau unglücklich ist (was wir gar nicht wissen, weil das nicht thematisiert wird), dann kann er die Beziehung verlassen. Es zwingt ihn doch niemand, die Beziehung mit der asexuellen Frau aufrechtzuerhalten.

    Daraus das Leid zu konstruieren, mithilfe dessen Sie der Frau eine Störung anhängen wollen, halte ich eben für abstrus. Das ist ein Fall von selbstgewähltem Leid.

  5. Eine abschliessende Beurteilung kann man bei diesem Punkt nicht abgeben, genauso wenig wie mit dem Vorschlag des Gleitgels, das kommt immer auf die beiden Partner drauf an, wie wichtig oder unwichtig dem anderen diese Sache ist und wie wichtig oder unwichtig dagegen die Partnerschaft ist.
    Das muß jeder für sich entscheiden.
    Aber wenn hier jemand Gleitgel sagt und gleich ein anderer Vergewaltigung schreit, dann komme ich mir vor wie beim Wetteronkel.

  6. Ich habe auch regelmäßig keinerlei Interesse an Sex, nämlich Samstags von 15.30 bis 17.15

    Innerhalb der restlichen Zeit ist mir die Sexualtät oder wie im vorliegenden Fall die Asexualtät fremder Menschen so schnurps, daß sie mir keinesfalls die Lektüre eines solchen Artikelchens wert ist. Nur heute, heute war mir langweilig.

    Ich hoffe dieser Kommentar ist hinreichend aussagekräftig liebe Redaktion!

    mit verdrehten Augen grüßt,

    der Saque

    Eine Leserempfehlung
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    Dabei können Sie bei den Kommentaren hier sehr viel lernen. Es geht um menschliche Eitelkeiten. Hier wollen einige nicht verstehen, dass wenn jemand keinen Sexualtrieb hat, er eine Störung/Krankheit des Sexualtrieb hat.
    Dieses aber nicht bedeutet, dass diese Person nun ein schlechterer oder besserer Mensch ist.

  7. Dabei können Sie bei den Kommentaren hier sehr viel lernen. Es geht um menschliche Eitelkeiten. Hier wollen einige nicht verstehen, dass wenn jemand keinen Sexualtrieb hat, er eine Störung/Krankheit des Sexualtrieb hat.
    Dieses aber nicht bedeutet, dass diese Person nun ein schlechterer oder besserer Mensch ist.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Verständnis"
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    dass jemand nicht automatisch eine Störung hat, nur weil er/sie zufällig eine andere Sexualität hat und lebt, als Sie es tun.

    Es gibt wissenschaftliche Kriterien dafür, was eine Störung ist. Ich habe bereits auf die entsprechende Definition hingewiesen. Beeinträchtigte Fortpflanzungsfähigkeit ist KEIN Kriterium für die Feststellung einer Störung.

    Wo kein Kläger, da kein Richter.
    Wo kein Leid, da keine Störung. Punktum.

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  • Serie Beziehungsweisen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Beziehung | Liebe | Norm | Sexualität | Berlin
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