Gerrit Reininghaus, 32, arbeitet in einer Unternehmensberatung in Johannesburg, Südafrika. Seine Freundin ist Ärztin und lebt in Berlin. Gerrit erzählt:
Ich arbeite seit fünf Monaten in Südafrika, theoretisch könnte ich aber auch anderswo in der Welt sein, wir haben überall Projekte. Ann-Kathrin und ich sind seit Anfang des Jahres zusammen. Weil ich eine 80-Prozent-Stelle habe, können wir uns jeden Monat eine Woche lang sehen. Sonst wäre es wirklich schwierig.

Meine Freundin ist Ärztin und hat deswegen natürlich auch wenig Zeit, muss Schichten machen und Rettungsdienste. Sie versucht, in der Woche, in der ich bei ihr bin,  Zeit für uns zu haben. Gut ist, dass wir den gleichen Rhythmus haben. In Südafrika fängt man sehr früh an zu arbeiten, ich stehe also um halb sechs auf – genau wie sie. Wenn wir einander sehen, müssen wir uns also nicht erst umgewöhnen.

Wenn dann nach einem langen Tag beide dasitzen und schreien "Hörst du mich? Hörst du mich?" ist man einfach frustriert.
Gerrit Reinighaus

Ich bin von einer Beziehung in die nächste geschlittert, meine letzten beiden Partnerschaften waren auch Fernbeziehungen. Die Distanz war bei keiner der Grund für das Ende, aber sie ist definitiv eine Belastung. Mit E-Mails kann man keine echte Nähe herstellen, telefonieren und skypen sind kein Ersatz, weil auch die Verbindungsqualität oft sehr schlecht ist. Wenn beide dann nach einem langen Tag dasitzen und schreien "Hörst du mich? Hörst du mich?" ist man einfach frustriert.

Deswegen habe ich mir ein paar Tricks angewöhnt. Ich habe ein Smartphone und versuche, jeden oder jeden zweiten Tag ein Foto zu machen von dem, was gerade in meinem Leben passiert, und sei es es nur mein Mittagessen oder der Blick aus dem Fenster beim Kunden. Dazu erzähle ich eine kleine Geschichte, die dazugehört. Das ist viel persönlicher, denn was hat man sonst am Telefon nach einem normalen Arbeitstag zu erzählen?

Meine Freundin macht das bis jetzt nicht, aber wenn ich das nächste Mal in Deutschland bin, gehen wir ihr ein Smartphone kaufen. Wir haben auch ein gemeinsames Online-Tagebuch. Wenn wir etwas erleben, das mit der Beziehung zu tun hat, schreiben wir es auf. Wenn wir zum Beispiel voneinander geträumt haben, oder als wir die Beziehung zum ersten Mal den Eltern gegenüber erwähnt haben.
 
Ich glaube, eine temporäre Fernbeziehung kann sehr fruchtbar sein. Ich finde, den Zustand des Alleinseins und des Vermissens sollte man sich einfach ab und zu gönnen. Ich bin dann abends allein, konzentriere mich auf mich und setze mich auch mit dem Bild meines Partners auseinander. Das ist ein ganz großer Unterschied zur Normalbeziehung, wo man sich täglich sieht.

Zum Glück sind weder Ann-Kathrin noch ich besonders eifersüchtig. Ein Partner mit Kontrollbedürfnis, das würde nicht gehen. Wir sind uns aber treu. In meinen früheren Fernbeziehungen haben wir das anders gehandhabt, aber aus dem Alter bin ich raus.
 
Bis jetzt funktioniert unsere Beziehung also gut. Aber wenn mal Familie anstehen sollte, will ich keine Fernbeziehung mehr haben. Wobei das auch geht, ich habe hier zum Beispiel einen Kollegen, der seine Familie einfach ab und zu nach Johannesburg mitgenommen hat. Unsere Arbeit erlaubt das, die Firma zahlt die Flüge ja.

Aber mir ist das Zusammenleben schon sehr wichtig. Ich möchte eine intensive und einmalige Beziehung haben, mit hoher zwischenmenschlicher Tiefe. Eine Fernbeziehung ist eigentlich nur dann zu empfehlen, wenn man eine leichte Beziehung hat, mit einem hohen Grad an Individualität. Aber nicht, wenn es ernst ist. Und wir meinen es ernst miteinander.