Soziologin Eva Illouz"Wir lieben nach den Regeln des Marktes"

Eva Illouz sieht die Liebe gefangen im Spiel von Angebot und Nachfrage. Begehren wird immer nur ausgelöst von dem, der sich rar macht, beklagt die Soziologin im Gespräch. von 

ZEIT ONLINE: Frau Illouz, angenommen Sie könnten in Liebesdingen eine Sache ändern – was wäre das?

Eva Illouz: Ich würde die Natur des Begehrens ändern. Denn mit der Liebe verhält es sich wie mit dem Markt: Frauen und Männer begehren immer das am meisten, was knapp ist, was sich ihnen entzieht.

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ZEIT ONLINE: Die Liebe folgt also jenem Mechanismus, den die Ökonomie für ein Naturgesetz hält?

Illouz: Vielleicht hat dieses Denken einen natürlichen Ursprung, aber unsere Kultur hat es erheblich befördert. Die westliche Literatur denkt Begehren immer nur vom Hindernis aus. Begehrt wird das Objekt, das eifersüchtig macht, das sich verweigert, das erobert werden muss. Und es sind immer die Männer, die begehren und die Frauen, die alles dafür tun müssen, begehrenswert zu erscheinen.

ZEIT ONLINE: Wie würde eine Alternative zu diesem Denken aussehen?

Illouz: Mein Lieblingsbuch über die Liebe ist Der Sklave des jüdischen Nobelpreisträgers Isaac B. Singer. Es erzählt die Geschichte von dem Juden Jacob und der polnischen Christin Wanda. Hier ist es Wanda, also die Frau, die den Mann sehr begehrt. Über zwei Jahre kämpft sie um ihn. Und es ist ihr ungebrochenes Verlangen, das er letztlich als Beweis ihrer tiefen Zuneigung interpretiert.

Eva Illouz

Eva Illouz, geboren 1961 in Marokko, ist Professorin für Soziologie an der Hebrew University in Jerusalem. Von ihr erschienen u.a. bei Suhrkamp die Errettung der Modernen Seeleund die Studie: Warum Liebe weh tut.

ZEIT ONLINE: Kaum eine moderne Frau würde einem Mann hinterherlaufen. Sie hielte es wohl für aussichtslos.

Illouz: Wanda hält ihrer Liebe nicht zurück, macht sie nicht zur knappen und damit begehrenswerten Ressource. Die Idee, um die Liebe der Frau unbedingt kämpfen zu wollen, ist eine sehr männliche – vielleicht, damit der Mann seine Leistungsfähigkeit demonstrieren kann. Zahlreiche Ratgeber wollen den Frauen ja sogar beibringen, eine Strategie aus der Verknappung zu machen: 'Mach’ es ihm schwer, mach’ dich rar!' Dadurch wird das Begehren zu einer rein technischen Angelegenheit.

ZEIT ONLINE: Zugleich haben es aber Frauen heute leichter, sich ihres Wertes zu versichern, sie sind weniger abhängig vom Einkommen ihres Mannes.

Illouz: Liebe hat nach meinem Verständnis nichts mit einem Ehemann oder einer Familie zu tun! Frauen sind heute Teil des korporativen Kapitalismus. Sie arbeiten als Werbefachfrauen, als PR-Berater, Finanzanalysten, Anwälte in Großkonzernen . Alle befinden sich in einem permanenten Wettstreit, werden ständig bewertet und oft genug für ungenügend befunden.

ZEIT ONLINE: Denn das Unternehmen muss jedes Jahr wachsen, also müssen die Mitarbeiter immer das Gefühl haben, das Soll noch nicht erreicht zu haben...

Illouz: ... und daher kämpft die Frau ständig dagegen an, unterminiert zu werden. Sie wird ignoriert, ihr Talent unterschätzt. Andere sind schneller, schöner, sexier als sie. Ich wollte zu keiner anderen Zeit leben, aber der Kapitalismus belastet uns und versetzt uns in eine extrem durchorganisierte, berechnende Welt. Frauen wollen wieder etwas erleben, was unorganisiert, unkalkulierbar scheint. Vor allem beim Sex, in der romantischen Liebe und im Leben mit Kindern hoffen wir, etwas davon zu finden. Die Sicherheit und Zuwendung, die einem nur ein vertrauter Mensch geben kann.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass es heute für einen Menschen so wichtig ist wie nie zuvor, von jemandem begehrt und geliebt zu werden.

Illouz: Ja, und das hat noch einen zweiten Grund. Das Selbstwertgefühl ist heute die zentrale Kategorie, in der wir über uns selbst nachdenken – man könnte fast schon von einer Obsession sprechen. Die romantische Liebe ist ein besonders guter Selbstwert-Lieferant. Jeder kennt das Gefühl: Wer geliebt wird, fühlt sich größer, stärker, lebendiger.

ZEIT ONLINE: Aber das war doch früher nicht anders?

Illouz: Früher war gesellschaftlich klar definiert, wer wir sind und wo wir stehen. Ein Bürger konnte sich nicht kleiden wie ein Adeliger – selbst wenn er es sich hätte leisten können. Heute entscheiden Macht und Reichtum zwar immer noch über unsere gesellschaftliche Stellung. Aber wir sind ständig darum bemüht, zu erfahren, wer wir eigentlich sind und wohin wir gehören. Die romantische Liebe scheint am besten geeignet, diese Unsicherheiten zu besänftigen.

ZEIT ONLINE: Sind Menschen, die dank ihres finanziellen oder sozialen Kapitals mehr gesellschaftliche Anerkennung genießen, demnach auch weniger abhängig von der Liebe?

Illouz: Wer mehr Macht hat, hat mehr Wahlmöglichkeiten, ist weniger abhängig von einer einzelnen Person, das stimmt. Ich habe mal gesagt: Wenn Männer diejenigen wären, die den Frauen Kaffee bringen, sich als Sekretärinnen Briefe diktieren ließen und ihre Kinder aufzögen, wären es vermutlich die Männer, die den Frauen hinterherliefen. Wer Macht hat, kann wählen. Aber er kommt deshalb noch lange nicht ohne Liebe aus. Tatsächlich ist es so: Je höher der soziale Status, umso offener ist jemand für neue Formen von Erfahrungen, ist weniger materialistisch. Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass die ein besonders kultiviertes Gefühlsleben führen können, die am wenigsten um ihren Status und ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen.

Leserkommentare
  1. Ich finde es ein bißchen enttäuschend, wenn Schriftsteller /Soziologen der Zeit hinterherhinken. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, der kann sehen, daß unabhängig vom Geschlecht immer einer mehr begehrt als der andere, daß auch Frauen Männern hinterherlaufen. Ich würde aber zustimmen, daß die Flucht in die Romantik mit Eskapismus zu tun hat. Viele flüchten in eine Idealwelt, die wenig mit der Realität zu tun hat - und wundern sich dann über zerplatzende Träume. Aber zum Glück ist man lernfähig ;)

    //Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass die ein besonders kultiviertes Gefühlsleben führen können, die am wenigsten um ihren Status und ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen.//

    Dieser Satz klingt für mich nach dem Stand der 1950er - ebenso wie das Geschlechterbild. Hallo, Maslow hat angerufen und will seine Pyramide zurück.

    • Mikoss
    • 08. Dezember 2011 10:59 Uhr

    "Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass die ein besonders kultiviertes Gefühlsleben führen können, die am wenigsten um ihren Status und ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen."
    Und die Gesamt-Bilanz lautet, dass nur noch ein kleiner Teil ein reichhaltiges befriedigendes Gefühlsleben ERLEBT. Eine doppelte Ungerechtigkeit: schlecht für die meisten, bedauerlich für die Spezies insgesamt. Dieses Syndrom der Unterentwicklung ist (glaube ich) immer noch nicht ganz gewürdigt und begriffen worden: es betrifft die Kunst, die Bildung, und die Politik. Apologeten des Kapitalismus behaupten sogar: die Leistungsfähigkeit des Menschen...

  2. funktionierte jahrhundertelang das christliche Eremitentum - Frauen oder Männer machten sich irgendwo rar, und nach einiger Zeit verbeitete sich der Ruhm ihrer Heiligkeit und die Leute pilgerten ihnen zu ihren Klausen hinterher wie heute Frau Illouz Herrn Isaac B. Singer

  3. Die Markt- oder Kapitalismus Metapher, die Eva Illouz in ihren letzten Büchern propagiert ist nicht wirklich neu, aber deshalb auch nicht unbedingt falsch. Ein entwickelter Kapitalismus, und eine Kultur des Begehrens bedingen sich gegenseitig. Dass sie sich nicht nur bedingen sondern auch durchdringen lässt sich deshalb auch nicht vermeiden. Dennoch bezieht sich das, worüber Frau Illouz schreibt im wesentlichen auf die Anbahnung einer Beziehung, also das "sich verlieben" im Gegensatz zur "Liebe". Dieses tiefere Gefühl der Verbundenheit zwischen zwei Menschen lässt sich nicht so einfach in ökonomischer Begrofflichkeit ausdrücken. Eher im Gegenteil, entzieht es sich doch im wesentlichen einer rationalen Beschreibungsebene. Es ist zwar auch Freundschaft, aber doch noch etwas mehr. Für mein Verständnis bedarf die "wahre Liebe" einer Entgrenzung, einer zumindest teilweisen Auflösung des Individuums, ein Zurücktreten des Ichs. Und diese Entgrenzung gilt nicht nur hinsichtlich der geliebten Person, sondern auch hinsichtlich allem Lebendigen, also dem Leben schlechthin. Leicht poetisch ausgedrückt. Man liebt den Anderen durch die Welt, und die Welt durch den Anderen. Ein ähnliches verständnis von Liebe ist ja auch in den meisten Religionen angelegt. Illouz kratzt zwar nur an der Oberfläche, aber es ist eben diese Oberfläche, die den Umgang zwischen den Geschlechtern im wesentlichen bestimmt. Leider.

  4. "Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass die ein besonders kultiviertes Gefühlsleben führen können, die am wenigsten um ihren Status und ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen."

    Nein, man kann auch ohne Reichtum ein sehr differenziertes emotionales und erotisches Leben führen. Das hat mit Erziehung und Bildung zu tun. Dagegen gibt es emotinal schlicht und grob gestrickte Reiche.
    Ansonsten: Wer sich rar macht - wird mehr begehrt?
    Ich habe mich immer als Diana gesehen in Bezug auf die Männer.
    Ich machte mich nicht rar und wurde trotzdem oder gerade deswegen - in jeder Beziehung - begehrt.
    Echtes Verlangen entwickelt seine eigenen Gesetze.

  5. Liebe? Echte Liebe gibt es in unserer zunehmend oberflächlichen und medial geprägten Welt der Selbstdarsteller und Lügner doch immer weniger. Liebe bedeutet für den anderen da zu sein, auch und gerade wenn es ihm schlecht geht. Liebe bedeutet geben auch wenn man niemals etwas dafür zurückbekommt. Diese Vorstellung ist mit dem Streben nach Selbstverwirklichung nicht vereinbar - zumindest wenn man diese Selbstverwirklichung so oberflächlich betrachtet, wie das heute oft geschieht. Der ökonomischen Denkfigur folgend geht es in der Liebe heutzutage nicht mehr darum zu geben, weil man gerne gibt, sondern darum, zu geben damit man etwas bekommt. Liebe wird zum Tauschgeschäft. Wenn einer der Partner nicht mehr genug liefern kann, wird die Geschäftsbeziehung beendet.

    Die Frage, wen wir lieben hängt dabei - neben evolutionsbiologischen Faktoren - davon ab, welche Erwartungen wir an unsere Partner haben. Diese Erwartungen sind aber kulturell und v.a. medial geprägt. Dank Hollywood haben manche völlig falsche Vorstellungen von Liebe und überzogene Erwartungen an ihren Partner, die ein normaler Mensch niemals erfüllen kann.

    Fazit: die Liebe ist tot.

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    "Liebe? Echte Liebe gibt es in unserer zunehmend oberflächlichen und medial geprägten Welt der Selbstdarsteller und Lügner doch immer weniger"

    Ich würde sagen : "Echte Liebe" ist eine romantisch idealisierte Wunschvorstellung, die wegen der Natur der Menschen nicht verwirklicht werden kann.

    "Dank Hollywood haben manche völlig falsche Vorstellungen von Liebe und überzogene Erwartungen an ihren Partner, die ein normaler Mensch niemals erfüllen kann."

    Hollywood schafft nicht unsere Träume, sondern bringt sie aus unserem Unterbewußtsein an die Oberfläche. Wenn wir dann an der Verwirklichung scheitern, haben wir Selbsterkenntnis gewonnen.

    Im Gespräch ( und im Denken der Frauen, die dies Gespräch geführt haben?) wird leider Begierde nicht von Liebe unterschieden.
    Begierde kommt von Gier und körperlichem Verlangen.
    Liebe ist ein sich Öffnen zur Welt und zu Menschen.

    Kinder kennen von der Liebe hauptsächlich die Seite des Nehmens, sie sonnen sich in der Liebe ihrer Eltern und können nur dadurch selber als Erwachsene liebesfähig werden.
    Jugendliche erleben dann Begierde bei sich selbst und erfahren sich als körperlich begehrt. Das vermischt sich mit dem noch unreifen Liebesbedürfnis, welches das Geben erst noch entwickeln muss.
    Jugendliche verwechseln Begierde mit Liebe.

    Ein gieriger Mensch will auch als Erwachsener mehr nehmen als geben, er wird die Liebe verpassen.

  6. Über die ökonomischen Rahmenbedingungen, in den Liebe und Beziehung stattfindet, wurde viel geschrieben. Ebenso wurde Partnersuche selbst als Objekt ökonomischen Handelns untersucht. Hier reiht sich auch diese Autorin ein.

    Wo sie jedoch den fetten Klischees des Boulevards aufsitzt ist, wenn sie meint: "Sie (die Frauen) arbeiten als Werbefachfrauen, als PR-Berater, Finanzanalysten, Anwälte in Großkonzernen. Stimmt, solcherart tauchen Frauen in den Medien und der Belletristik gerne auf - nur mal ganz ehrlich, liebe Autorin, liebe Mitleser, mal si ganz empirisch... wenn sie sich umschauen... die weitaus meisten Frauen arbeiten ganz banal als Verkäuferinnen, als Lehrerinnen, als Verwaltungskraft im mittleren Dienst, als Altenpflegerin.

    Es bleibt zu hoffen, dass das Selbst- und Frauenbild der Autorin nicht die Basis ihrer soziologischen Analyse bildet. Hm, naja, womöglich hatte sie auch die Ökonomie des Buchverkaufs in Hinterkopf.

    • kerle51
    • 08. Dezember 2011 13:48 Uhr

    Ich denke, das Beschriebene gehört in die Kategorie" unlösbar". Der Grund: jeder lebt in seiner eigenen Welt und kann die Welt nur durch die Brille seiner eigenen Persönlichkeit sehen. Mit Kriterien wie "Liebe" kann man keine allgemeingültigen Aussagen treffen, man kann wie ein Dichter damit jonglieren. Ebenso wenig kann man andere Emotionen hinreichend beschreiben. Niemand weiß genau, wer wie mit wem zusammenfindet oder, wenn man zusammengefunden hat, zusammen bleibt. Und was heißt überhaupt "zusammen"? Für den einen ist es schon toll, wenn man regelmäßig am Sonntag Morgen Sex hat und danach miteinander frühstückt, andere würden das als völlig unzureichend ansehen.
    Wer nun wen auf welche Weise kennenlernt - das ist doch eine Frage der Kreativität und eigenen Einstellung. Es gibt Menschen, die finden und welche, die werden gefunden. Wenn man findet und der andere ist nicht bereit, -Schicksal, was immer das ist. Die größten Dichter haben all die Probleme und Konflikte zu diesem Thema hinreichend behandelt. Eine generelle Lösung kann es nicht geben. Alle tappen im Dunkeln, und alle kochen auch in diesem Bereich nur mit Wasser (= Illusionen, Glauben, Für-Wahr-halten etc.) Wer sagt auch, daß das Leben und die "Liebe" leicht sein muß und alles erklärbar? Das ist eine Vorstellung von "Fachleuten", die mit der emotionalen Not anderer ihr Geld verdienen. Mehr als "gut zureden" kann niemand. Lösbar sind diese Dinge nicht. Nur lebbar durch immer neue Kompromisse und Kreativität.

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  • Schlagworte Autonomie | Liebe | Kapitalismus | Klischee | Ratgeber | Ökonomie
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