ZEIT ONLINE: Frau Illouz, angenommen Sie könnten in Liebesdingen eine Sache ändern – was wäre das?

Eva Illouz: Ich würde die Natur des Begehrens ändern. Denn mit der Liebe verhält es sich wie mit dem Markt: Frauen und Männer begehren immer das am meisten, was knapp ist, was sich ihnen entzieht.

ZEIT ONLINE: Die Liebe folgt also jenem Mechanismus, den die Ökonomie für ein Naturgesetz hält?

Illouz: Vielleicht hat dieses Denken einen natürlichen Ursprung, aber unsere Kultur hat es erheblich befördert. Die westliche Literatur denkt Begehren immer nur vom Hindernis aus. Begehrt wird das Objekt, das eifersüchtig macht, das sich verweigert, das erobert werden muss. Und es sind immer die Männer, die begehren und die Frauen, die alles dafür tun müssen, begehrenswert zu erscheinen.

ZEIT ONLINE: Wie würde eine Alternative zu diesem Denken aussehen?

Illouz: Mein Lieblingsbuch über die Liebe ist Der Sklave des jüdischen Nobelpreisträgers Isaac B. Singer. Es erzählt die Geschichte von dem Juden Jacob und der polnischen Christin Wanda. Hier ist es Wanda, also die Frau, die den Mann sehr begehrt. Über zwei Jahre kämpft sie um ihn. Und es ist ihr ungebrochenes Verlangen, das er letztlich als Beweis ihrer tiefen Zuneigung interpretiert.

ZEIT ONLINE: Kaum eine moderne Frau würde einem Mann hinterherlaufen. Sie hielte es wohl für aussichtslos.

Illouz: Wanda hält ihrer Liebe nicht zurück, macht sie nicht zur knappen und damit begehrenswerten Ressource. Die Idee, um die Liebe der Frau unbedingt kämpfen zu wollen, ist eine sehr männliche – vielleicht, damit der Mann seine Leistungsfähigkeit demonstrieren kann. Zahlreiche Ratgeber wollen den Frauen ja sogar beibringen, eine Strategie aus der Verknappung zu machen: 'Mach’ es ihm schwer, mach’ dich rar!' Dadurch wird das Begehren zu einer rein technischen Angelegenheit.

ZEIT ONLINE: Zugleich haben es aber Frauen heute leichter, sich ihres Wertes zu versichern, sie sind weniger abhängig vom Einkommen ihres Mannes.

Illouz: Liebe hat nach meinem Verständnis nichts mit einem Ehemann oder einer Familie zu tun! Frauen sind heute Teil des korporativen Kapitalismus. Sie arbeiten als Werbefachfrauen, als PR-Berater, Finanzanalysten, Anwälte in Großkonzernen . Alle befinden sich in einem permanenten Wettstreit, werden ständig bewertet und oft genug für ungenügend befunden.

ZEIT ONLINE: Denn das Unternehmen muss jedes Jahr wachsen, also müssen die Mitarbeiter immer das Gefühl haben, das Soll noch nicht erreicht zu haben...

Illouz: ... und daher kämpft die Frau ständig dagegen an, unterminiert zu werden. Sie wird ignoriert, ihr Talent unterschätzt. Andere sind schneller, schöner, sexier als sie. Ich wollte zu keiner anderen Zeit leben, aber der Kapitalismus belastet uns und versetzt uns in eine extrem durchorganisierte, berechnende Welt. Frauen wollen wieder etwas erleben, was unorganisiert, unkalkulierbar scheint. Vor allem beim Sex, in der romantischen Liebe und im Leben mit Kindern hoffen wir, etwas davon zu finden. Die Sicherheit und Zuwendung, die einem nur ein vertrauter Mensch geben kann.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass es heute für einen Menschen so wichtig ist wie nie zuvor, von jemandem begehrt und geliebt zu werden.

Illouz: Ja, und das hat noch einen zweiten Grund. Das Selbstwertgefühl ist heute die zentrale Kategorie, in der wir über uns selbst nachdenken – man könnte fast schon von einer Obsession sprechen. Die romantische Liebe ist ein besonders guter Selbstwert-Lieferant. Jeder kennt das Gefühl: Wer geliebt wird, fühlt sich größer, stärker, lebendiger.

ZEIT ONLINE: Aber das war doch früher nicht anders?

Illouz: Früher war gesellschaftlich klar definiert, wer wir sind und wo wir stehen. Ein Bürger konnte sich nicht kleiden wie ein Adeliger – selbst wenn er es sich hätte leisten können. Heute entscheiden Macht und Reichtum zwar immer noch über unsere gesellschaftliche Stellung. Aber wir sind ständig darum bemüht, zu erfahren, wer wir eigentlich sind und wohin wir gehören. Die romantische Liebe scheint am besten geeignet, diese Unsicherheiten zu besänftigen.

ZEIT ONLINE: Sind Menschen, die dank ihres finanziellen oder sozialen Kapitals mehr gesellschaftliche Anerkennung genießen, demnach auch weniger abhängig von der Liebe?

Illouz: Wer mehr Macht hat, hat mehr Wahlmöglichkeiten, ist weniger abhängig von einer einzelnen Person, das stimmt. Ich habe mal gesagt: Wenn Männer diejenigen wären, die den Frauen Kaffee bringen, sich als Sekretärinnen Briefe diktieren ließen und ihre Kinder aufzögen, wären es vermutlich die Männer, die den Frauen hinterherliefen. Wer Macht hat, kann wählen. Aber er kommt deshalb noch lange nicht ohne Liebe aus. Tatsächlich ist es so: Je höher der soziale Status, umso offener ist jemand für neue Formen von Erfahrungen, ist weniger materialistisch. Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass die ein besonders kultiviertes Gefühlsleben führen können, die am wenigsten um ihren Status und ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen.