ZEIT ONLINE: Herr Bodenmann, warum gibt es vor allem in der Weihnachtszeit so viele Streitigkeiten in Paarbeziehungen?

Guy Bodenmann: Zu Weihnachten prallen idealisierte Bilder, Wunschvorstellungen und Kindheitserinnerungen mit der Realität zusammen, die oft wenig mit diesen Bildern übereinstimmt. Das sorgt für Enttäuschung, Frustration und Konflikte. Viele sehnen sich an Weihnachten nach dem kuscheligen, stimmungsvollen, besinnlichen Familienerlebnis und sind ernüchtert, wenn das Fest dann vor allem Stress und Auseinandersetzungen bedeutet.

ZEIT ONLINE: Von Facebook erhobene Daten zeigen, dass sich sehr viele Paare genau zwei Wochen vor Weihnachten trennen. Wie erklären Sie sich diesen Effekt?

Bodenmann: Im Dezember trennen sich tatsächlich viele Paare. Das hängt jedoch nur bedingt mit Weihnachten zusammen. Saisonale Einflüsse wie längere Abende und unfreundliches Wetter spielen da ebenfalls eine Rolle. Man verbringt mehr Zeit zusammen zu Hause und hat somit auch mehr Zeit zum Streiten. Zum anderen steigt in den Monaten November und Dezember die Depressions- und Suizidrate insgesamt stark an. Es ist eine Mischung von saisonalen Bedingungen und den vorweihnachtlichen Belastungen. Dazu gehört häufig auch beruflicher Stress, wenn in Firmen noch Projekte abgeschlossen werden müssen.

ZEIT ONLINE: Ein häufiger Anlass für Streit ist die Frage, bei wessen Familie die Feiertage verbracht werden. Wie lässt sicher dieser Konflikt vielleicht vermeiden?

Bodenmann: Man sollte sich vorher überlegen, wie man mit dem Fest umgeht und sich als Paar eine Strategie zurechtlegen, damit man nicht unvorbereitet in emotionale Momente reinschlittert. Also rechtzeitig alles nüchtern betrachten. Beide Partner erläutern ihren Standpunkt und ihre Bedürfnisse, um dann einen stimmigen und fairen Kompromiss für beide Seiten zu finden. Eine mögliche Lösung ist es, alternierend Weihnachten ein Jahr bei einer Familie und das andere Jahr bei der anderen Familie zu verbringen. Oder man teilt die Tage auf.

ZEIT ONLINE : Oft entzündet sich Streit ja an Kleinigkeiten, wie dem Essen oder dem Weihnachtsbaumschmuck. Warum hängt man sich an diesen Dingen auf, wenn es eigentlich um eine schöne Zeit mit der Familie gehen sollte?

Bodenmann: In Partnerschaften sind in aller Regel Banalitäten Auslöser von Konflikten. Aber es geht meist nicht um den vordergründigen Streitpunkt, sondern um dahinterliegende Motive, die in solchen Machtkämpfen sichtbar werden. Probleme, die es länger schon gibt, brechen aufgrund der emotionalen Grundstimmung in der Weihnachtszeit plötzlich heraus.

ZEIT ONLINE: Und wenn das passiert: Wie vermeide ich, dass es zum ganz großen Streit kommt?

Bodenmann: Es stimmt nachdenklich, dass ein schönes Fest wie Weihnachten – das insbesondere für Kinder nach wie vor einen großen emotionalen Stellenwert besitzt – bei vielen Familien Spannungen und Konflikte ausbrechen lässt und man Strategien finden muss, wie man diese Zeit "übersteht". Die Besinnlichkeit der Weihnachtszeit ist in unserer westlichen Gesellschaft für viele verloren gegangen und Rummel und Stress gewichen, der die Festtage vergällt. Hier sollte man ansetzen und versuchen, sich ein Stück des weihnächtlichen Zaubers zu erhalten, indem man sich mehr Freiräume und Zeiten nimmt, welche diesem Erleben wieder Raum geben. Das Stille und Besinnliche der Adventszeit, das Innehalten, sollte man wieder aufleben lassen. Die Paarforschung zeigt, dass vor allem die Zeit, die man sich füreinander nimmt, eine zentrale Säule einer glücklichen Partnerschaft ist.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen denn Weihnachtsgeschenke für moderne Paare?

Bodenmann: Geschenke sind auch in einer konsumorientierten und übersättigten Gesellschaft immer noch Ausdruck dafür, welchen Stellenwert man für den anderen hat. Nimmt er sich Zeit, auf die Bedürfnisse des Partners einzugehen, liebevoll und persönlich nach einem geeigneten Geschenk zu suchen, das dem anderen Freude machen könnte, oder erlebt man das Beschenktwerden als lieblos und uninspiriert. Mit Schenken wird wesentlich mehr ausgedrückt als nur der Austausch von materiellen Gütern. Männer wirken hier vielleicht auf den ersten Blick bescheidener, nehmen aber genauso wie Frauen wahr, ob und was sie geschenkt bekommen und werten dies für ihre Bedeutung und Wichtigkeit für die Partnerin.

ZEIT ONLINE: Weihnachten ist als Fest der Liebe in unserer Kultur fest verankert, auch wenn man nicht gläubig ist. Was kann man als Single tun, um das Gefühl großer Einsamkeit zu vermeiden?

Bodenmann: Weihnachten ist traditionell ein Familienfest. Für alleinstehende Personen ist es da schwer, Anschluss zu finden – auch da die meisten Familien in sich geschlossene Systeme sind. Weihnachten ist in dem Sinn kein soziales Fest wie Silvester, das man häufig mit Freunden und in Gesellschaft verbringen möchte. Das Weihnachtsfest ist sehr auf die Kernfamilie oder erweiterte Familie bezogen. Das macht es für Singles besonders schwer, anzudocken. Eine Idee wäre, dass sich Singles untereinander organisieren und gemeinsam Weihnachten feiern.