Psychologe David Schnarch : Schlechter Sex ist ein Segen

In einer festen Beziehung weicht die Lust irgendwann der Langeweile. Wer dann bleibt, den macht der Bettfrust mutiger und freier, sagt der Sexualtherapeut David Schnarch.
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ZEIT ONLINE: David Schnarch, wenn es im Bett mit dem Partner langweilig wird , fangen die meisten Menschen an, sich Sorgen zu machen. Sie sagen, das sei völlig unnötig. Warum?

Schnarch : Weil alle Menschen, die in einer festen Beziehung leben, an diesen Punkt kommen. Das ist ganz natürlich. Am Anfang einer Beziehung entscheiden im Bett beide Partner für sich, was sie gern machen wollen und was nicht – je nach der jeweiligen sexuellen Entwicklung. Daraus bildet sich über die Jahre ein gemeinsames Repertoire. Eine sexuelle Beziehung besteht also aus der Schnittmenge der sexuellen Vorlieben, sie ist gewissermaßen ein Resteessen. Und davon lebt man dann. Da spielt es keine Rolle, dass man sich anfangs nackt vom Kronleuchter geschwungen hat – auch das wird nach fünf Jahren ziemlich langweilig.

ZEIT ONLINE : Klingt ernüchternd.

Schnarch : Das ist es auch. Aber eine Partnerschaft ist kein Besuch im Disneyland. Sie ist ein System, das man erst einmal verstehen muss.

ZEIT ONLINE : Wie funktioniert dieses System Partnerschaft?

Dr. David Schnarch

Dr. David Schnarch gilt als der führende Sexualtherapeut in den USA. Er ist Psychologe und Direktor des Marriage and Family Health Centre in Colorado. Seine Bücher Die Psychologie sexueller Leidenschaft (2006) und Intimität und Verlangen (2011) erschienen bei Klett-Kotta.

Schnarch : Niemand ist komplett fertig entwickelt, wenn er eine Beziehung eingeht. Genau deswegen suchen wir uns ja einen Partner. Wenn wir uns selbst genügten, würden wir Single bleiben. Am Anfang einer Beziehung wird man von seinem Partner positiv gespiegelt, das heißt, man bekommt ein positives Feedback zu seiner Person. Das fühlt sich super an. Dieses Feedback lässt mit der Zeit nach, der Partner schätzt einen dann scheinbar nicht mehr so sehr. Das ist schwer zu ertragen und das Verlangen leidet.

ZEIT ONLINE : Das eigene Begehren ist also von der Anerkennung des Partners abhängig?

Schnarch : Ja, das kennt wohl jeder. Da kann man so viel Lust auf den Partner haben, wie man will. Ein herablassendes Wort genügt und es ist vorbei.

ZEIT ONLINE: Und warum soll das gut sein?

Schnarch : Weil wir so angetrieben werden, uns weiterzuentwickeln. Eine feste Partnerschaft ist eine Menschen-Entwicklungsmaschine. Sobald man sich als Paar zusammengefunden hat, geht's los. Das ist so seit Millionen von Jahren. Sobald man drin ist, kommen die Wände näher. Und man kann sich nirgends verstecken. Diese soziale Form soll uns dabei helfen, uns als Menschen zu entwickeln.

ZEIT ONLINE : Sexuelle Probleme initiieren also eine Weiterentwicklung?

Schnarch : Genau. Wer sich nicht entwickeln will, weil es zu anstrengend ist, wird eine Affäre haben, sich scheiden lassen, oder in völlige Gleichgültigkeit verfallen und eine schreckliche Beziehung führen.

ZEIT ONLINE : Aber statt an sich zu arbeiten, könnte man ja auch das Prinzip der Monogamie infrage stellen.

Schnarch : Man könnte meinen, dass ich glaube, eine feste Partnerschaft oder die Ehe sei etwas Schlechtes. Aber das ist es nicht. Eine Partnerschaft ist etwas Elegantes. Monogamie tötet nicht das Verlangen, sie bildet ein System, das wiederum das Verlangen der meisten Menschen schwächt. Dagegen hilft nur eins: Du musst wachsen. Das ist die einzige Möglichkeit, sich sexuell weiterzuentwickeln und die Leidenschaft neu zu entfachen.

Kommentare

69 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Ich hoffe, dieser Kommentar bleibt

im Rahmen der von der Redaktion so wahrgenommenen Sachlichkeit:

"In einer festen Beziehung weicht die Lust irgendwann der Langeweile. Wer dann bleibt, den macht der Bettfrust mutiger und freier, sagt der Sexualherapeut David Schnarch."

Es geht mir hier unter Einbeziehung des Interviewten lediglich um eine prägnante Kurzformulierung des Artikelinhalts:

Outside - Inside - Beside - Schnarchzeit.

Thats life .. in so mancher, auch von Sexualherapeut David Schnarch so wahrgenommener, langjährigen Beziehung.

Korrelat aus Hormonen und Beziehungsinteraktionen

Die Verantwortung für die Qualität des Sex einseitig auf die Hormone zu attribuieren ist ebenso naiv wie einseitig auf die partnerschaftlichen Interaktionen. Hormone wirken sich natürlich auf die Kommunikation aus, diese wiederum wirkt zurück auf die emotionale Verfassung, die nicht allein dem Hormonhaushalt zuzuschreiben ist.

Die hier gemeinte Entwicklung muss als flexibler Prozess verstanden werden, eine Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit, es geht hier nicht um Kompensation persönlicher Defizite.

Entwicklung und Toleranz schließen sich nicht aus - vielleicht ist ein Mittelweg der gesündeste: Zu viel Toleranz geht zu Lasten der Entwicklung, zu viel Entwicklungswille zu Lasten der Toleranz, zu Gunsten des eigenen Egoismus -

Letzten Endes muss sich jeder selbst für Weiterentwicklung, für Toleranz etc. entscheiden und die Verantwortung dafür tragen können.

sehr gut

Sehr gut zusammengefasst. Und man muss ja auch immer sehen: Das Thema ist viel zu komplex, als dass eine eine einfache, eindeutige Lösung geben könnte, mit der alle eine glückliche lange Beziehung/lauter kurze glückliche Beziehungen führen. Muss jeder für sich selbst finden. Es wäre nur eben manchmal gut, wenn die Leute z.B. vor einer Trennung mehr reflektieren, statt erst danach feststellen, eigentlich wollten sie die Beziehung noch. Genau, wie andersherum. Selbst zu merken, was einem wirklich wichtig ist, sozusagen in sich selbst nachspüren, das fehlt häufig. Gilt aber auch für alle anderen Bereiche des Lebens.