ZEIT ONLINE: David Schnarch, wenn es im Bett mit dem Partner langweilig wird , fangen die meisten Menschen an, sich Sorgen zu machen. Sie sagen, das sei völlig unnötig. Warum?

Schnarch : Weil alle Menschen, die in einer festen Beziehung leben, an diesen Punkt kommen. Das ist ganz natürlich. Am Anfang einer Beziehung entscheiden im Bett beide Partner für sich, was sie gern machen wollen und was nicht – je nach der jeweiligen sexuellen Entwicklung. Daraus bildet sich über die Jahre ein gemeinsames Repertoire. Eine sexuelle Beziehung besteht also aus der Schnittmenge der sexuellen Vorlieben, sie ist gewissermaßen ein Resteessen. Und davon lebt man dann. Da spielt es keine Rolle, dass man sich anfangs nackt vom Kronleuchter geschwungen hat – auch das wird nach fünf Jahren ziemlich langweilig.

ZEIT ONLINE : Klingt ernüchternd.

Schnarch : Das ist es auch. Aber eine Partnerschaft ist kein Besuch im Disneyland. Sie ist ein System, das man erst einmal verstehen muss.

ZEIT ONLINE : Wie funktioniert dieses System Partnerschaft?

Schnarch : Niemand ist komplett fertig entwickelt, wenn er eine Beziehung eingeht. Genau deswegen suchen wir uns ja einen Partner. Wenn wir uns selbst genügten, würden wir Single bleiben. Am Anfang einer Beziehung wird man von seinem Partner positiv gespiegelt, das heißt, man bekommt ein positives Feedback zu seiner Person. Das fühlt sich super an. Dieses Feedback lässt mit der Zeit nach, der Partner schätzt einen dann scheinbar nicht mehr so sehr. Das ist schwer zu ertragen und das Verlangen leidet.

ZEIT ONLINE : Das eigene Begehren ist also von der Anerkennung des Partners abhängig?

Schnarch : Ja, das kennt wohl jeder. Da kann man so viel Lust auf den Partner haben, wie man will. Ein herablassendes Wort genügt und es ist vorbei.

ZEIT ONLINE: Und warum soll das gut sein?

Schnarch : Weil wir so angetrieben werden, uns weiterzuentwickeln. Eine feste Partnerschaft ist eine Menschen-Entwicklungsmaschine. Sobald man sich als Paar zusammengefunden hat, geht's los. Das ist so seit Millionen von Jahren. Sobald man drin ist, kommen die Wände näher. Und man kann sich nirgends verstecken. Diese soziale Form soll uns dabei helfen, uns als Menschen zu entwickeln.

ZEIT ONLINE : Sexuelle Probleme initiieren also eine Weiterentwicklung?

Schnarch : Genau. Wer sich nicht entwickeln will, weil es zu anstrengend ist, wird eine Affäre haben, sich scheiden lassen, oder in völlige Gleichgültigkeit verfallen und eine schreckliche Beziehung führen.

ZEIT ONLINE : Aber statt an sich zu arbeiten, könnte man ja auch das Prinzip der Monogamie infrage stellen.

Schnarch : Man könnte meinen, dass ich glaube, eine feste Partnerschaft oder die Ehe sei etwas Schlechtes. Aber das ist es nicht. Eine Partnerschaft ist etwas Elegantes. Monogamie tötet nicht das Verlangen, sie bildet ein System, das wiederum das Verlangen der meisten Menschen schwächt. Dagegen hilft nur eins: Du musst wachsen. Das ist die einzige Möglichkeit, sich sexuell weiterzuentwickeln und die Leidenschaft neu zu entfachen.