SexualitätVerträgt die Liebe Hiebe?

Mit "Shades of Grey" wurde harter Sex zur Breitenfantasie. Gut so, sagt Coach Vanessa del Rae. Denn Fesselspiele können eine Bereicherung sein, nicht nur im Bett. von Tina Olszewski

ZEIT ONLINE: Frau del Rae, literarisch gilt der Bestseller Shades of Grey als minderwertig, doch scheint er bei einem breiten Publikum das Interesse an Sexpraktiken, die mit Unterwerfung und Schmerz spielen, geweckt zu haben. Finden Sie das begrüßenswert oder bedenklich?

Vanessa del Rae: Das Thema macht neugierig und es ist gut, wenn darüber gesprochen wird. Ich halte es für begrüßenswert, wenn die Menschen so ihren Wünschen und Fantasien näher kommen. Das Thema an sich ist ja uralt. Durch das Buch ist es nur wieder stärker in unser Bewusstsein gerückt.

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ZEIT ONLINE: Wie verbreitet sind denn sexuelle Fantasien, in denen Gewalt und Macht eine Rolle spielen?

del Rae: Aus meiner Praxis weiß ich, dass eigentlich jeder sexuellen Fantasien und Wünschen nachhängt. BDSM kann ein Teil dieser Fantasie sein. Ich glaube, das wachsende Interesse daran bei Frauen ist auch eine Auswirkung der Emanzipation. Selbständige und selbstbestimmte Frauen wollen sich nicht dominieren lassen, zumindest gesellschaftlich gesehen. Aber der Wunsch danach, das ausprobieren zu können, steckt in vielen.

Vanessa del Rae
Vanessa del Rae

Vanessa del Rae, 49, arbeitet in Berlin als Sex- und Lifecoach. Sie berät Paare, die ihr Sexleben wiederbeleben möchten ebenso wie Singles, die auf Partnersuche sind. In ihren Seminaren erforschen Frauen und Männer ihre Fantasien und lernen, wie sie einander berühren können.

ZEIT ONLINE: Die emanzipierte Frau träumt heimlich davon, sich dominieren zu lassen?

del Rae: Aber sie hat Angst, dass ihr das als Schwäche ausgelegt wird. Wenn es jedoch im Rahmen eines Rollenspiels, eines Liebesspiels stattfindet, dann tut man es bewusst. Es ist eine Form der Hingabe.

ZEIT ONLINE: Wer dominiert lieber, Männer oder Frauen?

del Rae: Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich sagen, das hält sich die Waage. Ich erlebe häufig, dass Frauen davon träumen, Gewalt in der Sexualität zu leben, während sich die Männer nicht trauen, weil sie den Frauen nicht wehtun wollen. Dazu biete ich ein Seminar an, in dem Männer lernen können, wie weit sie mit der Berührung, auch mit der Härte, gehen können.

ZEIT ONLINE: Geht es bei dieser Art von Sex neben dem Lustschmerz nicht vor allem darum, Machtpositionen neu zu verhandeln?

del Rae: Machtausübung spielt schon eine Rolle, aber vor allem kann ich bei dieser Art von Sex Kontrolle abgeben. Und das ist etwas, woran viele leiden. Wir sind sehr damit beschäftigt, unser eigenes Leben und das anderer Menschen zu kontrollieren, das ist unheimlich kraftraubend. Kontrolle abgeben zu können ist etwas sehr Wohltuendes. Beim BDSM kann man das freiwillig tun.

ZEIT ONLINE: Aber es erfordert viel Souveränität, die Kontrolle abgeben zu können.

del Rae: Absolut: die Souveränität, vermeintlich Schwäche zu zeigen. Wir dominieren uns ja im täglichen Leben permanent. Viele Paare leiden darunter, dass sie sich gegenseitig dominieren, ohne dass sie es vielleicht wollen. Dem kann man beim Liebesspiel einen Rahmen geben.

BDSM

Der Begriff BDSM setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen zusammen: Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism (Fesseln, Disziplin, Dominanz, Unterwerfung, Sadismus, Masochismus). BDSM beschreibt sexuelle Verhaltensweisen, bei denen Dominanz und Unterwerfung, spielerischer Bestrafung sowie Lustschmerz oder Fesselspielen eine Rolle spielen.

ZEIT ONLINE: Aber wie geht das im Alltag? Mann versohlt Frau den Hintern und sie ärgert sich kurze Zeit später, dass er seine Socken herumliegen lässt?

del Rae: Es ist ein Spiel, bei dem ich in eine Rolle schlüpfe, die nicht meiner Rolle im Alltag entspricht. Das heißt, ich bin als Liebhaberin anders, als in meiner Rolle als Mutter oder als Berufstätige und ich bleibe Zeit meines Lebens auch Kind. Und in jeder dieser Rollen verhalte ich mich anders. Und so kann ich auch in die Rolle der Unterwürfigen schlüpfen, mir den Hintern versohlen lassen und meinem Mann am nächsten Tag trotzdem die Meinung sagen.

ZEIT ONLINE: Muss man das üben?

del Rae: Das muss man sicherlich üben. Ich lerne ja auch zum Beispiel in eine Mutterrolle hineinzuwachsen. Letztlich geht es um die Aufmerksamkeit mir selbst und dem anderen gegenüber. Es schärft im Höchstmaße die Sinne.

ZEIT ONLINE: Das Ausleben dieser Fantasie kann über das sexuelle Vergnügen hinaus etwas bewirken?

del Rae: Man profitiert auf jeden Fall auch im Alltag davon. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die erlebten Gefühle tiefgreifend sein können. In meinem Fall hatte es fast schon einen therapeutischen Wert. Ich konnte die Kontrolle abgeben, das hat mich unglaublich friedlich gemacht. Und auf diesen Frieden kann ich mich auch im Alltag zurückziehen.

Leserkommentare
  1. Liberale, liebevolle (sehr wichtig) Erziehung zu Selbstrespekt, Kreativität und Produktivität und das Vermeiden von Entfremdung im Berufsleben machen all dies obsolet...

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    • S0T86
    • 21. August 2012 18:25 Uhr

    ... die SM praktizieren und von denen ich es weiß, haben meist ein gespaltenes Verhältnis zu sich selbst und haben den Begriff des Genusses nie in seiner eigentlichen Art kennengelernt.

    Ich habe es nie nachvollziehen können. Es kann mir egal sein, solange sie sich nicht totprügeln, aber für normal halte ich das Ganze nicht. Eher für recht dekadent und für eine Spielweise entstanden aus der überreizten Gesellschaft.

    Wer die sonst überall schon herrschenden Machbeziehungen in der Gesellschaft nun auch noch in Beziehungen tragen möchte, statt einer aufgeklärten Partnerschaft, der ist vollkommen in der Verdinglichung von Menschen angekommen.

    Wie sagte Adorno über Sadomasochismus?
    "Die Lust geht anstatt mit der Zärtlichkeit mit der Grausamkeit einen Bund ein, und aus der Geschlechtsliebe wird, was sie nach Nietzsche schon immer war, 'in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter'".
    Dialektik der Aufklärung.

    Obsolet ist einzig und allein das Herumpsychologisieren an Menschen, die eine von der "naturgemäßen" oder "normalen" Sexualität abweichende Vorlieben haben, die Suche nach möglichen Ursachen in Kindheit oder Alltag und die Utopie, ohne belastende Erlebnisse (die es übrigens ebenfalls immer geben wird) werde dies als Phänomen schon verschwinden.
    Möglicherweise bietet eine solche Neigung dem Einen oder Anderen eine gute Möglichkeit, mit voraufgegangenen Traumata und einem unbefriedigenden Alltag umzugehen, wahrscheinlich aber hat sie bei Vielen aber auch gar nichts damit zu tun.
    Es gibt Dinge, die sind einfach Geschmacksfrage, und de gustibus bekanntlich non est disputandum. Hoffnungen auf eine Gesellschaft, in der es Vorlieben, die von der "Norm" abweichen, aber keinem Außenstehenden schaden, einfach nicht mehr gibt, haben etwas Totalitäres, etwas "Brave New World"-mäßiges. Das ist keine Utopie im positiven Sinne, sondern eine Dystopie.

    • pehorn
    • 21. August 2012 17:14 Uhr

    ...ich habe noch nie davon geträumt, mich verhauen zu lassen oder eine eine Frau zu schlagen, nicht mal ein bisschen, und von Fesseln halte ich auch nix. Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Bin ich ein unterdrücktes Individuum? Verpasse ich etwas Wichtiges?

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    solange Sie sich nicht in Ihnen der Wunsch regen sollte, mit Euro und Europapropaganda regelmässig sadomasochistisch penetriert zu werden.

    Übrigens: Herr Sommer ist schon eine Weile weg.
    Die Ansprechpartner heissen mittlerweile Schmidt und Joffe.

    • Laoyafo
    • 21. August 2012 22:26 Uhr

    Es ist wie mit dem Schwulsein: Man kann es denen, die so veranlagt sind, nicht verbieten, ohne dass sie leiden. Und man kann die, die nicht so veranlagt sind, nicht dazu zwingen.
    Ganz genau so BDSM: Es haben nicht alle das Talent! Und Schmerz in Lust zu verwandeln ist ein Talent, das nicht jeder hat. Die Märtyrer der christlichen Tradition zeigen zum Teil, wie man aus Leiden Endorphin brennt. Wer dazu nicht die Neigung hat, sollte die Finger davon lassen.
    Ich fand die Leseprobe von "Shades of Grey" extrem langweilig. Seit 1989 gibt es in den SCHLAGZEILEN bessere Geschichten und intelligente Reflexionen über die Subkultur noch dazu. Es ist eine eigene Welt, an der irgendwann jeder abperlt, der es nicht in sich hat. Und das ist gut so.

    • Statist
    • 22. August 2012 11:51 Uhr

    aber andererseits wird EXPLIZIT im Artikel angesprochen, dass die Chance, damit beim Partner eine offene Tür einzurennen, so um 50:50 stehen dürfte. Durch aufmerksames Lesen hätte man also erfahren können, dass Sie völlig normal sind, aber eben nur zu der einen Hälfte der Menschheit gehören.

    Wie ich darüber denke, das steht natürlich auf einem anderen Blatt. Ich wollte nur anmerken: Lesen bildet. Ansonsten, wie schon in der Überschrft angedeutet: lustiger Kommentar

    Der Masochist zum Sadisten: "Schlag mich! Bitte, bitte, schlag mich!!"
    Darauf der Sadist: "Nein...!"
    =)

    ...trinken Sie weiterhin Prosecco (oder was immer Sie mögen), aber lassen Sie doch bitte den Jevertrinkern ihr Jever.

  2. Erwachsene Menschen sollen miteinander tun, was immer sie für richtig halten solange alle Beteiligten es freiwillig tun. Und BDSM ist im Jahr 2012 für halbwegs aufgeklärte Menschen (auch ohne persönliches Interesse daran) nun wirklich kein Skandal mehr oder irgendwie wahnsinnig exotisch (auch wenn der Kommentator in der #2 sich darüber offenbar lustig machen muss aber solche Leute wird es immer geben).

    Allerdings frage ich mich, ob sich die ZEIT dem Thema wirklich auf diese Weise widmen muss. Ein Interview wie aus einer dieser schlimmen Frauenzeitschriften und natürlich heißt die Erika Berger des Bürgertums auch wieder "Coach" - denn neben einem solchen für Karriere & Berufsleben (Hallo her Wehrle) braucht der moderne Mensch auch zum erfüllten Sex erstmal professionelle "Guidance" vom "Lifecoach". Nix gegen BDSM für den der's mag und das gleiche gilt für entsprechende Aufklärung aber bitte nicht in dieser wahnsinnig coolen Managementsprache und schon gar nicht aus Anlass eines verklemmt-spießigen Schundbuchs.

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    Was heißt hier "verklemmt-spießiges Schundbuch"? Wenn Sie sich über die flache Zeichnung der Wunschwelt oder die ausdrucksarme Sprache mokieren wollten, könnte ich Ihnen ja folgen. Aber verklemmt und spießig ist es sicher nicht - die Sexszenen sind überraschend, sinnlich, ansprechend. Und die Beobachtung der Seelenzustände ist so spannend wie überzeugend. Daher der Erfolg! Ohne diese Stärken wäre das Buch ein 0815-Langweiler aus der Pilcher-Schublade. Auch mir hat das Schundbuch deutlich mehr Spaß gemacht als [setzen Sie einen beliebigen Titel Ihres Geschmacks ein].

  3. Hmm...

    Insgesamt belibt das Gespräch doch sehr oberflächlich. BDSM ist also ein bissel Fesseln. Ein klein wenig Kontrolle abgeben. So für ne Stunde oder so. Das tut dann auch gut.
    Das S steht im übrigen für Sadismus. Als für das Lustempfinden am Quälen von anderen Menschen. Wird man eigentlich als Sadist geboren? Oder welche Entwicklung lässte einen zum Sadisten werden, und kann man das wirklich glaubwürdig "spielen", oder geht das nicht etwas tiefer in die Persönlichkeitsstruktur ein? Oder wie sieht es mit dem M aus, den Masochisten? Warum "genießen" offensichtlich so viele Menschen Bestrafung und Demütigung? Was sagt dies über eine Gesellschaft aus, in der dies entstehen kann?

    Vielleicht sollte man dies mal thematisieren, und nicht so mittelschichtsmäßig darüber hinweghuschen!

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    O nein, da kommt schon wieder der Gesellschaftskritiker um die Ecke...

    Das hat nichts mit gesellschaftlichen Mißständen oder dem fiesen Bankwesen zu tun. Man steht drauf oder eben nicht.

    • glizzy
    • 21. August 2012 17:43 Uhr

    was würden wir ohne Sie und dieses "Weltbuch" machen.
    Ich plädiere dafür, das die Bibel gegen "Shades of Grey" ausgetauscht wird... Jeder der sich gern verprügeln lässt, soll das tun... aber diese triefende Propaganda für ein schlechtes Buch...ist peinlich. Oder müssen wir uns jetzt alle in die BDSM-Szene begeben, weil wir sonst nicht aufgeschlossen sind?

  4. Wer braucht schon Angst? Wer braucht denn Hiebe,
    spielt er das schönste Spiel zu zwei'n?
    Wer liebt die Peitsche in der Liebe.
    Das müssen arme Wichte sein!

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    da fällt mir was Passendes ein:

    Nicht alles
    was zwei Backen hat
    ist ein Gesicht

    Nicht alles
    was sich reimt
    ist ein Gedicht

    ich lebe gerne in Gewohntem
    ungewöhnliches scheint mir zu ungewohnt

    fühl mich erhöht durch die Verhöhnten
    stülp meine Norm auf die Verpönten

    und bleib nur durch mich selbst bewohnt!

  5. Was heißt hier "verklemmt-spießiges Schundbuch"? Wenn Sie sich über die flache Zeichnung der Wunschwelt oder die ausdrucksarme Sprache mokieren wollten, könnte ich Ihnen ja folgen. Aber verklemmt und spießig ist es sicher nicht - die Sexszenen sind überraschend, sinnlich, ansprechend. Und die Beobachtung der Seelenzustände ist so spannend wie überzeugend. Daher der Erfolg! Ohne diese Stärken wäre das Buch ein 0815-Langweiler aus der Pilcher-Schublade. Auch mir hat das Schundbuch deutlich mehr Spaß gemacht als [setzen Sie einen beliebigen Titel Ihres Geschmacks ein].

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Na ja, letztlich ist eine Wertung sicherlich Ansichtssache und Millionen Käufer sehen das wohl so wie Sie aber ich bin mit meiner Meinung eben auch nicht alleine:

    http://www.dradio.de/dlf/...

  6. O nein, da kommt schon wieder der Gesellschaftskritiker um die Ecke...

    Das hat nichts mit gesellschaftlichen Mißständen oder dem fiesen Bankwesen zu tun. Man steht drauf oder eben nicht.

    Antwort auf "oberfläche...."
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    Zitat: "Man steht drauf oder eben nicht."

    Endlich eine tiefschürfende Analyse! :-)

    Musste auch bei der Frage schmunzeln:
    "Geht es bei dieser Art von Sex neben dem Lustschmerz nicht vor allem darum, Machtpositionen neu zu verhandeln?"

    Ähm, meiner unmaßgeblichen Meinung nach nicht (zumindest nicht automatisch)! Es geht einfach darum, dass es manche Leute wahnsinnig erregt. So, wie andere eben auf Satinbettwäsche stehen, ohne dass sich darin kryptofrancophile Gesellschaftstendenzen offenbaren. ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Liebe | Sexualität | Alltag | Bestseller | Emanzipation | Gewalt
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