ZEIT ONLINE: Frau del Rae, literarisch gilt der Bestseller Shades of Grey als minderwertig, doch scheint er bei einem breiten Publikum das Interesse an Sexpraktiken, die mit Unterwerfung und Schmerz spielen, geweckt zu haben. Finden Sie das begrüßenswert oder bedenklich?

Vanessa del Rae: Das Thema macht neugierig und es ist gut, wenn darüber gesprochen wird. Ich halte es für begrüßenswert, wenn die Menschen so ihren Wünschen und Fantasien näher kommen. Das Thema an sich ist ja uralt. Durch das Buch ist es nur wieder stärker in unser Bewusstsein gerückt.

ZEIT ONLINE: Wie verbreitet sind denn sexuelle Fantasien, in denen Gewalt und Macht eine Rolle spielen?

del Rae: Aus meiner Praxis weiß ich, dass eigentlich jeder sexuellen Fantasien und Wünschen nachhängt. BDSM kann ein Teil dieser Fantasie sein. Ich glaube, das wachsende Interesse daran bei Frauen ist auch eine Auswirkung der Emanzipation. Selbständige und selbstbestimmte Frauen wollen sich nicht dominieren lassen, zumindest gesellschaftlich gesehen. Aber der Wunsch danach, das ausprobieren zu können, steckt in vielen.

ZEIT ONLINE: Die emanzipierte Frau träumt heimlich davon, sich dominieren zu lassen?

del Rae: Aber sie hat Angst, dass ihr das als Schwäche ausgelegt wird. Wenn es jedoch im Rahmen eines Rollenspiels, eines Liebesspiels stattfindet, dann tut man es bewusst. Es ist eine Form der Hingabe.

ZEIT ONLINE: Wer dominiert lieber, Männer oder Frauen?

del Rae: Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich sagen, das hält sich die Waage. Ich erlebe häufig, dass Frauen davon träumen, Gewalt in der Sexualität zu leben, während sich die Männer nicht trauen, weil sie den Frauen nicht wehtun wollen. Dazu biete ich ein Seminar an, in dem Männer lernen können, wie weit sie mit der Berührung, auch mit der Härte, gehen können.

ZEIT ONLINE: Geht es bei dieser Art von Sex neben dem Lustschmerz nicht vor allem darum, Machtpositionen neu zu verhandeln?

del Rae: Machtausübung spielt schon eine Rolle, aber vor allem kann ich bei dieser Art von Sex Kontrolle abgeben. Und das ist etwas, woran viele leiden. Wir sind sehr damit beschäftigt, unser eigenes Leben und das anderer Menschen zu kontrollieren, das ist unheimlich kraftraubend. Kontrolle abgeben zu können ist etwas sehr Wohltuendes. Beim BDSM kann man das freiwillig tun.

ZEIT ONLINE: Aber es erfordert viel Souveränität, die Kontrolle abgeben zu können.

del Rae: Absolut: die Souveränität, vermeintlich Schwäche zu zeigen. Wir dominieren uns ja im täglichen Leben permanent. Viele Paare leiden darunter, dass sie sich gegenseitig dominieren, ohne dass sie es vielleicht wollen. Dem kann man beim Liebesspiel einen Rahmen geben.

ZEIT ONLINE: Aber wie geht das im Alltag? Mann versohlt Frau den Hintern und sie ärgert sich kurze Zeit später, dass er seine Socken herumliegen lässt?

del Rae: Es ist ein Spiel, bei dem ich in eine Rolle schlüpfe, die nicht meiner Rolle im Alltag entspricht. Das heißt, ich bin als Liebhaberin anders, als in meiner Rolle als Mutter oder als Berufstätige und ich bleibe Zeit meines Lebens auch Kind. Und in jeder dieser Rollen verhalte ich mich anders. Und so kann ich auch in die Rolle der Unterwürfigen schlüpfen, mir den Hintern versohlen lassen und meinem Mann am nächsten Tag trotzdem die Meinung sagen.

ZEIT ONLINE: Muss man das üben?

del Rae: Das muss man sicherlich üben. Ich lerne ja auch zum Beispiel in eine Mutterrolle hineinzuwachsen. Letztlich geht es um die Aufmerksamkeit mir selbst und dem anderen gegenüber. Es schärft im Höchstmaße die Sinne.

ZEIT ONLINE: Das Ausleben dieser Fantasie kann über das sexuelle Vergnügen hinaus etwas bewirken?

del Rae: Man profitiert auf jeden Fall auch im Alltag davon. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die erlebten Gefühle tiefgreifend sein können. In meinem Fall hatte es fast schon einen therapeutischen Wert. Ich konnte die Kontrolle abgeben, das hat mich unglaublich friedlich gemacht. Und auf diesen Frieden kann ich mich auch im Alltag zurückziehen.