Schüler-LiebesbriefeWillst Du mit mir gehn?

Zettel, unter der Schulbank zugesteckt, sind die direkteste Form der Liebeserklärung. Eine Ausstellung in Frankfurt zeigt nun Briefchen von den Sechzigern bis heute. von ZEIT ONLINE, dpa

Jeder macht es, jeden Tag. Viele Schüler sogar am laufenden Band: Zettel schreiben. Kleine Fetzen, die die kleinen und großen Dinge des Lebens regeln und unter der Schulbank heimlich den Besitzer wechseln. "Es werden pro Tag mehrere hundert Zettel pro Klasse geschrieben", sagt Mathias Rösch, Kurator der Ausstellung Willst du mit mir gehen? Botschaften unter der Schulbank, die jetzt im Museum für Kommunikation in Frankfurt zu sehen ist.

Für seine Ausstellung sichtete Rösch mehr als 2500 Schüler-Zettel aus der Sammlung des Nürnberger Mathematiklehrers Günter Hessenauer. Darunter findet sich das unvermeidliche "Willst du mit mir gehen?", aber auch "Hey Du Arsch" und "Amis raus aus Vietnam". Aus diesem Fundus sind in Frankfurt etwa 150 Exemplare in einer Art Klassenzimmer zu sehen, säuberlich gerahmt auf Tischen, statt zerknüllt darunter.

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Der Realschullehrer fischte sie zwischen 1968 und 2004 aus Schultischen und dem Papiermüll – oder nahm sie seinen Schülern während des Unterrichts ab. Denn Zettelschreiben lenkt ab von binomischen Formeln und Dreisatzrechnung.

Liebe ist das große Kritzel-Thema

Dass Zettelkommunikation gegen die Regeln der Lehrer verstößt, motiviere die Schüler, sich dem zu widersetzen, erklärt Evelyn Ziegler, Professorin für Soziolinguistik, das Phänomen: "Es ist der Reiz des Verbotenen." Nichts wird aufgeschoben, auch wenn die "drei Regeln zum Küssen" sicher auch noch nach Unterrichtsschluss gelten.

Kurator Rösch hat den Nürnberger Zettelfundus thematisch durchforstet: "Liebe und Beziehung machen darunter ungefähr 50 Prozent aus." Ende der 1980er Jahre schreibt dazu ein Junge: "Mädchen sind wie Pilze. Die schönsten sind die giftigsten." Die andere Hälfte der Botschaften beschäftigt sich mit Idolen, Politik, Tagträumerei und Selbstbetrachtung. Selten fällt die so ungeschönt und schnörkellos aus wie auf einem knittrigen Zettel: "Ich bin hässlich!! Ich, nur ich!"

Die Zettel geben auch einen Einblick in den Mikrokosmos Klassenzimmer und seine Hierarchien. Im Jahr 1968 fragt ein Mädchen seine Mitschülerinnen, ob sie mitspielen darf: "Kann ich in der Pause mit Gummi-hüpfen?" Die mutmaßliche Freundin der Mädels-Anführerin findet klare Worte: "Heidi sagt Nein". Rösch ist von solchen Zeugnissen des geschriebenen Jugendwortes fasziniert: "Diese Sprache gibt es gar nicht mehr." Die Art der Gestaltung funktioniere dabei aber heute wie damals immer nach dem selben Muster. "Man nimmt eine Heftecke, ein ganzes Papier oder Fetzen und schreibt ihn so schnell voll wie nur irgendwas."

Wer denkt, Handys und internetfähige Smartphones hätten die Zettelkultur der Pennäler mittlerweile abgelöst, irrt. "Wenn die Freundin direkt daneben sitzt, dann ist es ja unnötig das Handy rauszuholen", erzählt die 15-jährige Schülerin Yolande aus Frankfurt. Außerdem sei ein abgenommenes Telefon für die Schüler schlimmer als ein kassierter Zettel, sagt Ziegler. Handgeschriebenes habe bei Jugendlichen zudem eine höhere Wertigkeit und einen persönlichen Touch. "Es kann direkt und kreativ weiterbearbeitet werden."

Doch Zettel werden nicht nur aus Gaudi geschrieben und um die Langeweile zu vertreiben. "Dafür sind die Zettel viel zu ernst. Das ist ein Ventil für soziale Dinge", versichert Kurator Rösch. Es wird gestritten und beleidigt und oft kommt die Einsicht spät. Dann zeigt man kleinmütig Reue und schiebt "Entschuldige für den Arsch" auf einem Zettel hinterher.

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Leserkommentare
  1. ... den mein Mann erhalten hat, hat meine Schwiegermutter aufbewahrt: "Ich liebe dich und du mich auch."

    5 Leserempfehlungen
  2. Für bestimmte Menschen bleibt sowas verwehrt. Ich habe nie einen bekommen. :(

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    • NEUMON
    • 31. Oktober 2012 18:29 Uhr

    Ich habe auch nie einen Liebesbrief bekommen - war auf einer Mädchenschule;)

    • Kath_E
    • 31. Oktober 2012 17:53 Uhr

    ...ich sitze auf der Seite, wo die Lehrerin ein Glasauge hat", schrieb mir meine Freundin in den Schülerkalender. ;)

    Eine Leserempfehlung
    • retrufk
    • 31. Oktober 2012 18:03 Uhr

    ...als so ein spontaner "Liebes-Zettel" (wenn man von verbalen Äußerungen absieht).
    Ich habe das unvergleichliche Glück, dass meine Freundin das auch weiß und mir das gelegentlich auch beweist...
    es geht nichts darüber, wenn man sein handy aufklappt und so einen Zettel findet - keine SMS kann da mithalten!

    • NEUMON
    • 31. Oktober 2012 18:29 Uhr
    5. .....

    Ich habe auch nie einen Liebesbrief bekommen - war auf einer Mädchenschule;)

    Antwort auf "Liebesbriefe"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...haben allerdings die Zettelchenkommunikation fast vollständig abgelöst. Da sitzen fast 30 junge Mn
    enschen brav an ihren Tischen, alle mit unsichtbaren Händen und gebeugten Köpfen. An und zu macht es "bsssss-bssss" wenn jemand vergessen hat, auf ganz stumm zu schalten. Das das Telefon eh an ist, kommuniziert man so auch mit dem Nachbarn oder der Nachbarin. Oder man flüstert gleich darauf los, das ist noch einfacher.

    In der letzten Woche ging einem meiner Schüler wohl der Akku aus, so dass er sein Ladegerät an die Steckdose anschloss. Das Kabel war aber zu kurz, so dass er fortan dem Unterricht um 40 Grad nach rechts geneigt folgen musste.

    Warum mich das nicht weiter kümmert? Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass die lieben Kindlein mehr lernen, wenn sie keine Nachrichten schreiben. Egal ob auf Zettelchen oder auf dem Telefon.

  3. ...haben allerdings die Zettelchenkommunikation fast vollständig abgelöst. Da sitzen fast 30 junge Mn
    enschen brav an ihren Tischen, alle mit unsichtbaren Händen und gebeugten Köpfen. An und zu macht es "bsssss-bssss" wenn jemand vergessen hat, auf ganz stumm zu schalten. Das das Telefon eh an ist, kommuniziert man so auch mit dem Nachbarn oder der Nachbarin. Oder man flüstert gleich darauf los, das ist noch einfacher.

    In der letzten Woche ging einem meiner Schüler wohl der Akku aus, so dass er sein Ladegerät an die Steckdose anschloss. Das Kabel war aber zu kurz, so dass er fortan dem Unterricht um 40 Grad nach rechts geneigt folgen musste.

    Warum mich das nicht weiter kümmert? Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass die lieben Kindlein mehr lernen, wenn sie keine Nachrichten schreiben. Egal ob auf Zettelchen oder auf dem Telefon.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "....."
  4. Ich hoffe, die Ausstellung wird nicht nur in Frankfurt, sondern dann auch in Nürnberg und anderswo gezeigt. Was Sprache so alles kann. Zettelkunst, oh ja.

    • Infamia
    • 01. November 2012 7:15 Uhr

    Da fehlt der Klassiker aller Liebesbebriefe, der in den 70er Jahren sicher millionenfach geschrieben wurde:

    Willst Du mit mir gehen? Kreuze an: Ja Nein Vielleicht

    Ich kann mich rühmen, mal ein richtiges Liebesgedicht verfasst zu haben. Leider habe ich mich vom Äußeren der Angebetenen blenden lassen, die jeden Morgen mit ernsten Blick (heute würde ich sagen gelangweilten Blick) den Schulbus betrat. Man, was habe ich mir Gedanken gemacht. Tagelang habe ich an diesem Gedicht gefeilt, es mehrfach gegenlesen lassen, bis ich den Mut fasste, es ihr beim Aussteigen (ich saß strategisch platziert am Ausgang) in die Hand zu geben. Sie rief dann auch an und wir verabredeten uns. Was folgte, war so ziemlich der langweiligste Abend meines Lebens. Deswegen würde ich heute sagen, ihr Blick war nicht ernst, er war einfach gelangweilt. Sie war am Ende des Tages einfach nur hübsch und mehr auch nicht.

    2 Leserempfehlungen

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte Ausstellung | Botschaft | Idol | Kommunikation | Liebe | Mädchen
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