Ich hatte noch nie Sex. Das wäre nicht weiter ungewöhnlich, wenn ich zwischen 13 und 23 wäre. Bin ich aber nicht. Ich bin 33 Jahre alt. Nur ein Mensch weiß davon – naja, und jetzt wohl auch noch Sie. Ein gut gehütetes Geheimnis also.

Ob man es mir ansieht? Ich glaube nicht. Wie es dazu kam? Das ist eine gute Frage.

Auch wenn ich häufig darüber nachdenke, kann ich keine genaue Antwort darauf geben. Vielleicht ist es das Gemisch aus einer unemotionalen, nahezu körperlosen Familie, aus einer Reihe verpasster Gelegenheiten in der Pubertät und aus der Tatsache, dass ich heute ein Mensch bin, der kein Interesse an sexueller Interaktion hat.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es mich stört. Trotzdem denke ich in regelmäßigen Abständen darüber nach. Es ist nicht leicht, sich in dieser Welt ohne sexuelle Erfahrungen normal zu fühlen. Dazu ist Sex ein zu großes und allgegenwärtiges Thema.

Das Fernsehen verspricht sogar Erlösung für solche wie mich. Anscheinend haben sie die Dicken, die Verschuldeten und die Bauern durch. Jetzt werden die Jungfrauen auf den rechten Weg geleitet. Derzeit sucht eine Fernsehredaktion männliche und weibliche Jungfrauen für ein neues Reality-Format. Man kann sich am Ende live entjungfern lassen. Das ist doch mal was.

Aber will ich an meiner Situation überhaupt etwas ändern? Das ist eine verdammt schwierige Frage. Die Gewohnheit macht ein Leben ohne Sex normal für mich. Das zu ändern erscheint schwieriger, als es so zu belassen.

Eine Freundin, die bemerkte, dass ich schon lange keine Beziehung habe, hat mich mal gefragt, was das mit einem macht, wenn man nie berührt wird über einen so langen Zeitraum hinweg. Eine ziemlich gemeine Frage. Es war ein Tritt in die Magengrube.

Ich weiß darauf ehrlich gesagt keine Antwort. Ich weiß nicht, was für ein Mensch ich wäre, wenn ich körperliche Berührungen als normal empfinden würde und eine solche Nähe zu einem anderen Menschen zulassen könnte. Ich weiß nicht, wie das ist und was dann möglich wäre.

Macht das was mit einem?

Der Artikel wurde unter Pseudonym verfasst. Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.