SexualitätStreiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie
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 Wer weniger Verlangen hat, kontrolliert die Situation

ZEIT ONLINE: Welche Regeln sollte man also beherzigen?

Schnarch: Ganz wichtig ist es, zu streiten, um auf den kritischen Punkt zu kommen, statt zu streiten, um den kritischen Punkt zu vermeiden. Sie sollten beim Thema und klar bleiben. Behalten Sie das Ziel im Auge – nicht ihre Gefühle.

Während seines Vortrags nennt Schnarch vier Eigenschaften, die für richtigen Streit wichtig sind. Die ersten drei: ein zugleich solides und flexibles Selbst, innere Ausgeglichenheit und kontrolliertes Verhalten. Er widerspricht aufs Schönste dem psychologischen Tipp, Gefühle stets an- und auszusprechen, indem er sagt: "Die Ehe verbessert sich durch die zwei oder drei Dinge, die Sie sich jeden Tag nicht sagen." Auch von den vielbeschworenen Ich-Botschaften hält er nicht viel : Was zum Kuckuck, schnaubt Schnarch, sei denn an dem Satz "Ich denke, du spinnst!" besser als an dem Satz "Du spinnst!" Verletzt fühle man sich nach beiden.

Als Viertes nennt er so etwas Altmodisches wie Aushalten. Dabei geht es ihm nicht darum, Dinge zu ignorieren, sondern darum, sie bewusst in Kauf zu nehmen. Warum, will er im Zwiegespräch gleich vorführen.  

Schnarch: Denken Sie sich bitte ein Paar aus und ein Thema, über das es streitet.

ZEIT ONLINE: Okay, ich lass es über die Aufteilung der Hausarbeit streiten: Er ist unordentlicher als sie und sie wirft ihm vor, immer alles herumliegen zu lassen und nie aufzuräumen. Dafür will er öfter Sex als sie.

Dr. David Schnarch
Dr. David Schnarch

Dr. David Schnarch gilt als der führende Sexualtherapeut in den USA. Er ist Psychologe und Direktor des Marriage and Family Health Centre in Colorado. Seine Bücher Die Psychologie sexueller Leidenschaft (2006) und Intimität und Verlangen (2011) erschienen bei Klett-Kotta.

Schnarch: Großartig, dass ist nicht sonderlich originell und daher als Beispiel bestens geeignet. Ich kenne übrigens eine Menge Männer, die zu Hause alles machen. Da könnte die Frau, selbst wenn ihr Leben davon abhinge, nicht mal eine Socke stopfen. Was ich sagen will: Wenn wir ein so stereotypes Beispiel nehmen, sollten wir nie vergessen, dass die Rollen in einem Streit geschlechterunabhängig funktionieren.

Aber nun los: Streiten wir! Sie sind der ordentlichere Partner?

ZEIT ONLINE: Oh nein, lassen Sie uns das Stereotyp umdrehen. Ich möchte die Schlampe sein.

Schnarch: Und Sie übernehmen dann auch den Part dessen, der öfter Sex will?

Ein Gespräch mit einem Sexualtherapeuten erfordert ein gewisses Maß an Offenheit. Als die zwei sympathischen Paare, die während des Seminartages neben und hinter mir sitzen, mitbekommen, dass ich Journalistin bin, beschränken sie sich auf freundliche Konversation. Verständlich. Mir fällt es schon im Einzelgespräch schwer, die unordentliche Frau auf der Suche nach Sex zu geben. Schnarch eröffnet.

Schnarch: "Ich bin nicht glücklich damit, wie wir uns die Hausarbeit aufteilen. Ich bin wütend auf dich, weil du erwartest, dass ich alles mache."

ZEIT ONLINE: "Ich erwarte gar nicht von dir, dass du alles machst. Tu es doch einfach nicht. Für mich wäre das in Ordnung."

Schnarch: "Aber ich hasse es, in einem Saustall zu leben."

ZEIT ONLINE: "Das ist kein Saustall. Wir haben unterschiedliche Maßstäbe."

Schnarch: Kommt Ihnen so ein Streit bekannt vor?

ZEIT ONLINE: Vage.

Schnarch: Und ich sage: "Das sehe ich auch so, dass wir unterschiedliche Maßstäbe haben. Wir brauchen eine Lösung, in der meine Werte ebenfalls zählen. Es kann nicht sein, dass ich alles erledige, nur weil ich andere Werte habe."

ZEIT ONLINE: "Das ist dein Problem. Entspann dich!"

Schnarch: "Ich bin nicht verspannt. Wir haben lediglich unterschiedliche Maßstäbe – das hast du selbst gesagt. Wir haben auch unterschiedliche Maßstäbe, was die Häufigkeit von Sex angeht. Und wenn du jetzt ausspielen willst, dass wir einfach nur unterschiedliche Maßstäbe haben, dann hoffe ich mal, dass du Spaß am Masturbieren hast."

Immer wieder demonstriert Schnarch an diesem Tag, was es bedeutet, dass nach seiner Auffassung stets derjenige Partner die Situation kontrolliert, der das schwächere Verlangen hat: Wem etwas weniger wichtig ist, kann allein dadurch die Situation bestimmen, dass er kein Problem damit hat, etwas nicht zu tun – sei es aufräumen oder Sex haben. In einer guten Beziehung ändert sich das. Irgendwann kann auch derjenige mal Maßstäbe setzen, der die größeren Ansprüche hat. Wie ficht man das aus?

Leserkommentare
    • lonetal
    • 19. November 2012 17:02 Uhr

    /Zitat
    Reizvoll am Ansatz des Sexualforschers aus Colorado ist, dass er es für völlig normal hält, sich in einer Beziehung zu streiten.
    Zitat/

    In den 1960/70ern gab es unter der Überschrift "Konfliktpädagogik"auch bei uns einen breiten Ansatz zur Entwicklung einer weiterführenden sozialen Streitkultur. Er wurde wie so viele andere weiterführende Ansätze unter übelster Polemik bis Hetze - auch durch die ZEIT - publikumswirksam niedergeprügelt.

    Seitdem herrscht in der Öffentlichkeit das Motto "Kinder brauchen Grenzen" in den Familien statt Streitkulurt innerfamiliärer Machtkampf mit 'Siegern' und 'Verlierern': nix mehr mit Öffnung des Herzens und anderer Teile der Anatomie.

    Eine Leserempfehlung
  1. aber die psychologie hat es doch schon aufgegeben in der tiefe die menschen zu harmonisieren und ihre natuerlichen u.a. archetypen auszubauen. stattdessen wird den patienten rucksackweise oberflächliche verhaltenswerkzeuge verkauft

  2. " Ich-Botschaften hält er nicht viel: Was zum Kuckuck, schnaubt Schnarch, sei denn an dem Satz "Ich denke, du spinnst!" besser als an dem Satz "Du spinnst!" Verletzt fühle man sich nach beiden" - Das Beispiel zeigt ja auch keine Ich-Botschaft. Die wäre eher so gehalten: 'Mich verwirrt dein Gesagtes'. oder 'In dem Gesagten fühle ich mich wie in einem Netz aus vielen Fäden' (um dem Spinnen mal näher zu kommen :D).
    Also die Kurzfassung des Artikeltextes lautet: Kompromiss, weg von der Perfektion, Disziplin/Kontrolle. Oder?
    Aber: der Satz: 'Ich verstehe Dich' impliziert doch echtes Verstehen. Reicht es, den Satz zu sagen oder muss ich echt verstehen, auch wenn ich es nicht verstehe und um der Partnerschaft willen sage, ich verstünde.

    Desweiteren sagt der Artikel, wie andere vor ihm, aus, dass gute Partnerschaft anerzogen werden könnte. Ist dem denn wirklich so? Kann sich jeder selbsterziehen zu dem einen Glück, dass verheißen wird, wenn man sich nur richtig verhielte? Gibt es Ein Richtig?

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    • lonetal
    • 19. November 2012 18:29 Uhr

    Sie schreiben: "'Ich verstehe Dich' impliziert doch echtes Verstehen. Reicht es, den Satz zu sagen oder muss ich echt verstehen, auch wenn ich es nicht verstehe und um der Partnerschaft willen sage, ich verstünde."

    Die Grundvoraussetzung ist Ehrlichkeit und Redlichkeit: Nur Floskeln zu benützen ist bei einem Streit in der Regel destruktiv, es sie denn, sie suchen gezielt eine Brücke, um sich mit dem anderen zu verständigen. Die Technik nennt sich "aktives Zuhören" und kann sehr oft aus einer Sackgasse herausführen.

    Sie schreiben: "Des weiteren sagt der Artikel, wie andere vor ihm, aus, dass gute Partnerschaft anerzogen werden könnte. Ist dem denn wirklich so?"

    Nein, gute Partnerschaft kann nicht anerzogen werden, man kann nur lernen, gute Partnerschaft zu leben. Dafür allerdings gibt es eine Reihe hilfreicher kommunikativer Techniken.

    • Dalim
    • 21. November 2012 23:15 Uhr

    Ich muss gestehen, dass ich sehr positiv überrascht bin! Ja, es wurde noch nicht wirklich bis in die Tiefe geblickt, aber da sehe ich in diesem Fall auch gar nicht die Aufgabe von Frau Husmann.
    Dieser Themenkomplex betrifft uns alle, doch die Mehrheit kommt mit den eigenen Gefühlen nicht klar und hat meist nicht mal eine Ahnung, was genau empfunden wird. Umso amüsanter finde ich es, dass gerade ein Forscher aus den U.S.A., dem Land, in dem so viele noch das Licht beim Sex ausmachen, mit stolzer Brust für seine Erkenntnisse eintritt.
    Ich habe auf der Suche nach (W)AiN kurzerhand einen Blog-Beitrag zu diesem Artikel veröffentlicht und hoffe, dass der ein oder andere vielleicht zu der Erkenntnis kommt, das es durchaus "richtig und falsch" gibt - wenn auch nur subjektiv.

  3. Dem kann ich mich nur anschließen.

    Streiten ist schön und gut, aber meine Erfahrung ist, dass in einer Beziehung ein Streit oft in einem Machtkampf ausartet. Wenn es so weit ist, dann ist die Beziehung zu Ende.

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    • ST_T
    • 19. November 2012 18:38 Uhr

    Die Frage ist nur, wie die Partner miteinander dabei umgehen.

  4. "Er widerspricht aufs Schönste dem psychologischen Tipp, Gefühle stets an- und auszusprechen, indem er sagt: "Die Ehe verbessert sich durch die zwei oder drei Dinge, die Sie sich jeden Tag nicht sagen." Auch von den vielbeschworenen Ich-Botschaften hält er nicht viel: Was zum Kuckuck, schnaubt Schnarch, sei denn an dem Satz "Ich denke, du spinnst!" besser als an dem Satz "Du spinnst!" Verletzt fühle man sich nach beiden."

    So gestelzt redet doch, vor allem im Streit, sowieso keiner. Dann kann der Berater immer sagen: "Haben sie etwa gesagt: Du spinnst? Dann konnte aus dem Streit natürlich nichts werden. Der Beratene fühlt sich schuldig, und fragt sich wieso Psychotherapeuten überhaupt Beziehungsprobleme haben, wenn sie doch alles genau wissen.

    Essentiell sind hingegen laut Schnarch ein zugleich solides und flexibles Selbst, innere Ausgeglichenheit und kontrolliertes Verhalten, aber Schnarch verklausuliert es ganz gut, man muss auch aber ein differenziertes Paar sein.

    Deshalb stimmt auch das Spricht wort: 'Dumm f... gut.' nicht. Im Gegenteil, man sollte sogar so differenziert sein, dass man auch nicht auf den Schwindel mit den Ich-Botschaften hereinfällt. Man muss also schlauer sein, als manche Berater.

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    • lonetal
    • 19. November 2012 18:22 Uhr

    Sie schreiben: "Im Gegenteil, man sollte sogar so differenziert sein, dass man auch nicht auf den Schwindel mit den Ich-Botschaften her-einfällt."

    Wenn sie Ich-Botschaften für einen Schwindel halten, werden sie sich schwer tun, mit Streiten. Ohne Ich-Botschaften wird fast jeder Streit sehr schnell zu einen Machtkampf, der am Ende nur Verlierer und einen Scherbenhaufen zurück lässt.

    Der Satz "Ich denke, du spinnst" ist übrigens keine Ich- , sondern eine Du-Botschaft. Ich-Botschaften sagen etwas aus über die eigene Befindlichkeit, nicht über die des Anderen. Du-Botschaften wirken meist verletzend, immer aber kontraproduktiv.

    Ohne einen Zusammenhang zu kennen, könnte eine situationsangemessene Ich-Botschaft etwa lauten: "Ich bin jetzt völlig verwirrt und weiß nicht, was du meinst" - nur, um den Unterschied zu verdeutlichen.

    Doch, so kann man sich auch in einem Streit ausdrücken, wenn man mal den Unterschied kapiert hat. Übrigens behält man dabei zusätzlich auch noch die Kontrolle - zumindest über sich - und verletzt den anderen nicht.

    • TDU
    • 19. November 2012 17:27 Uhr

    Zu seiner Verletzlichkeit und Wut stehen, "böse" sein können, nicht den verletzten Gockel mit den sauberen Händen zu spielen als Mann. Auch mal bitten können. Wenn Frau liebt, lässt sie das nicht unberührt.

    Richard Burton und Elisabeth Taylor wären wohl die besten Lehrer, glaubt man den Klatschspalten.

    • wauzi
    • 19. November 2012 17:35 Uhr
    7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    ...es lohnt sicht.

    Das größere Hindernis, sind die 500-600 Seiten von "Psychologie der Leidenschaft". Aber wie gesagt. Es lohnt sich ;)

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

  5. ...es lohnt sicht.

    Das größere Hindernis, sind die 500-600 Seiten von "Psychologie der Leidenschaft". Aber wie gesagt. Es lohnt sich ;)

    Antwort auf "[...]"

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