ZEIT ONLINE: Welche Regeln sollte man also beherzigen?

Schnarch: Ganz wichtig ist es, zu streiten, um auf den kritischen Punkt zu kommen, statt zu streiten, um den kritischen Punkt zu vermeiden. Sie sollten beim Thema und klar bleiben. Behalten Sie das Ziel im Auge – nicht ihre Gefühle.

Während seines Vortrags nennt Schnarch vier Eigenschaften, die für richtigen Streit wichtig sind. Die ersten drei: ein zugleich solides und flexibles Selbst, innere Ausgeglichenheit und kontrolliertes Verhalten. Er widerspricht aufs Schönste dem psychologischen Tipp, Gefühle stets an- und auszusprechen, indem er sagt: "Die Ehe verbessert sich durch die zwei oder drei Dinge, die Sie sich jeden Tag nicht sagen." Auch von den vielbeschworenen Ich-Botschaften hält er nicht viel : Was zum Kuckuck, schnaubt Schnarch, sei denn an dem Satz "Ich denke, du spinnst!" besser als an dem Satz "Du spinnst!" Verletzt fühle man sich nach beiden.

Als Viertes nennt er so etwas Altmodisches wie Aushalten. Dabei geht es ihm nicht darum, Dinge zu ignorieren, sondern darum, sie bewusst in Kauf zu nehmen. Warum, will er im Zwiegespräch gleich vorführen.  

Schnarch: Denken Sie sich bitte ein Paar aus und ein Thema, über das es streitet.

ZEIT ONLINE: Okay, ich lass es über die Aufteilung der Hausarbeit streiten: Er ist unordentlicher als sie und sie wirft ihm vor, immer alles herumliegen zu lassen und nie aufzuräumen. Dafür will er öfter Sex als sie.

Schnarch: Großartig, dass ist nicht sonderlich originell und daher als Beispiel bestens geeignet. Ich kenne übrigens eine Menge Männer, die zu Hause alles machen. Da könnte die Frau, selbst wenn ihr Leben davon abhinge, nicht mal eine Socke stopfen. Was ich sagen will: Wenn wir ein so stereotypes Beispiel nehmen, sollten wir nie vergessen, dass die Rollen in einem Streit geschlechterunabhängig funktionieren.

Aber nun los: Streiten wir! Sie sind der ordentlichere Partner?

ZEIT ONLINE: Oh nein, lassen Sie uns das Stereotyp umdrehen. Ich möchte die Schlampe sein.

Schnarch: Und Sie übernehmen dann auch den Part dessen, der öfter Sex will?

Ein Gespräch mit einem Sexualtherapeuten erfordert ein gewisses Maß an Offenheit. Als die zwei sympathischen Paare, die während des Seminartages neben und hinter mir sitzen, mitbekommen, dass ich Journalistin bin, beschränken sie sich auf freundliche Konversation. Verständlich. Mir fällt es schon im Einzelgespräch schwer, die unordentliche Frau auf der Suche nach Sex zu geben. Schnarch eröffnet.

Schnarch: "Ich bin nicht glücklich damit, wie wir uns die Hausarbeit aufteilen. Ich bin wütend auf dich, weil du erwartest, dass ich alles mache."

ZEIT ONLINE: "Ich erwarte gar nicht von dir, dass du alles machst. Tu es doch einfach nicht. Für mich wäre das in Ordnung."

Schnarch: "Aber ich hasse es, in einem Saustall zu leben."

ZEIT ONLINE: "Das ist kein Saustall. Wir haben unterschiedliche Maßstäbe."

Schnarch: Kommt Ihnen so ein Streit bekannt vor?

ZEIT ONLINE: Vage.

Schnarch: Und ich sage: "Das sehe ich auch so, dass wir unterschiedliche Maßstäbe haben. Wir brauchen eine Lösung, in der meine Werte ebenfalls zählen. Es kann nicht sein, dass ich alles erledige, nur weil ich andere Werte habe."

ZEIT ONLINE: "Das ist dein Problem. Entspann dich!"

Schnarch: "Ich bin nicht verspannt. Wir haben lediglich unterschiedliche Maßstäbe – das hast du selbst gesagt. Wir haben auch unterschiedliche Maßstäbe, was die Häufigkeit von Sex angeht. Und wenn du jetzt ausspielen willst, dass wir einfach nur unterschiedliche Maßstäbe haben, dann hoffe ich mal, dass du Spaß am Masturbieren hast."

Immer wieder demonstriert Schnarch an diesem Tag, was es bedeutet, dass nach seiner Auffassung stets derjenige Partner die Situation kontrolliert, der das schwächere Verlangen hat: Wem etwas weniger wichtig ist, kann allein dadurch die Situation bestimmen, dass er kein Problem damit hat, etwas nicht zu tun – sei es aufräumen oder Sex haben. In einer guten Beziehung ändert sich das. Irgendwann kann auch derjenige mal Maßstäbe setzen, der die größeren Ansprüche hat. Wie ficht man das aus?