SexualitätStreiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie

Streit in der Partnerschaft muss Sex nicht verhindern. Sexualtherapeut David Schnarch demonstriert, wie Streit Freiräume schafft, die Intimität ermöglichen. von 

Was läuft schief, wenn nichts mehr läuft? Der Sexualtherapeut David Schnarch bietet in seinen Büchern und Seminaren den fragenden Paaren nicht immer bequeme Antworten.

Was läuft schief, wenn nichts mehr läuft? Der Sexualtherapeut David Schnarch bietet in seinen Büchern und Seminaren den fragenden Paaren nicht immer bequeme Antworten.  |  © ~mya~/photocase.com

Sex fühlt sich prima an. Streit zwischen Partnern ist nicht so prima, kommt aber ebenfalls vor. Wenn es schlecht läuft, sogar häufiger als Sex. Kurz vor einer Trennung bleibt dann oft nur der Streit. Der Spaß hat sich verflüchtigt. 

Bevor es dazu kommen kann, haben die etwa hundert Männer und Frauen, die an diesem trüben Oktobertag in einem Berliner Seminarraum sitzen, Rat gesucht. Sie haben sich zum Vortrag eines bekannten Sexualtherapeuten angemeldet, des Amerikaners David Schnarch. Er spricht über Intimität und Verlangen . Dazwischen findet er Zeit für ein Gespräch unter vier Augen.

Endlich richtig streiten - die Themenwoche

Wir müssen dringend wieder streiten – auch laut und heftig. Denn ohne solche Konflikte gehen gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. ZEIT ONLINE will in einer Themenwoche zeigen, wie man sich konstruktiv und erfolgreich auseinandersetzen kann: in der Partnerschaft und der Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule, unter Bürgern und im Bundestag, sogar im Internet und in der Religion.

Die Folgen der Serie

Streitkultur: Streitet euch! Ein Essay

Sexualität: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie

Familie: Wenn Eltern "Ich will" sagen

Schule: Ohne Streit kein Unterricht

Internet: Ist das Netz ein Streitbeschleuniger? Eine Leserdebatte

Arbeit: Lass uns streiten, Chef

Unternehmen: Die Wohlfühl-Lüge

Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben

Wutbürger: Wir lassen Euch nie mehr in Ruhe

Religion: Elefanten-Gott trifft Lamm

ALS E-BOOK

Die Serie Endlich richtig streiten gibt es unter dem Titel Streiten hilft auch als E-Book. Jetzt für Ihren eReader in einer hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

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ZEIT ONLINE: Beeinflusst die Art, in der wir mit unserem Partner streiten, die Art, in der wir Sex mit ihm haben?

David Schnarch: Oh, ja! Sehr sogar. Wenn Sie erfolgreich streiten, werden Sie Ihren Partner erheblich mehr mögen. Und sich selbst und seinen Partner zu mögen, sind die beiden besten Aphrodisiaka der Welt. Wenn Sie hingegen sehen, dass sich Ihr Partner nicht auf Sie einlässt, schafft das Feindseligkeit und Abneigung. Das hat natürlich einen Einfluss darauf, ob Sie Lust auf Sex haben, und auf die Art des Sex, den Sie haben werden – falls Sie welchen haben werden.

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ZEIT ONLINE: Was heißt denn erfolgreich streiten? Dass wir das Problem lösen, bevor wir Sex haben können?

Schnarch: Es ist nicht entscheidend, dass Sie eine endgültige Lösung gefunden haben. Es ist wichtig, dass Sie und Ihr Partner die Bereitschaft zeigen, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, und den Willen haben, schwierige Themen anzugehen. Das bringt viele Menschen dazu, ihr Herz zu öffnen – und andere Teile ihrer Anatomie.

Reizvoll am Ansatz des Sexualforschers aus Colorado ist, dass er es für völlig normal hält, sich in einer Beziehung zu streiten . Das nimmt den Druck von all jenen, die stets befürchten, die einzigen Scheusale dieser Welt zu sein. Nein, sagt Schnarch, sie sind Legion. Er zählt sich selbst dazu. Allerdings hält er sich (und die meisten anderen Scheusale) für lernfähig.

Was den Paaren fehlt, die ihn aufsuchen, ist eine sinnvolle Erklärung dafür, warum sie streiten , sagt der Therapeut. Die meisten seien frustriert, weil sie die falsche Vorstellung haben, sie müssten immer miteinander klarkommen. Schließlich ist es genau das, was die meisten zu Beginn ihrer Beziehung erlebt haben: Man stimmt in allem mit dem neuen Partner überein und kostet diese Übereinstimmung weidlich aus. Das sind jene Paare, die sich in einem Restaurant ununterbrochen in die Augen schauen, miteinander sprechen, sich berühren. Wenn es zu ersten Auseinandersetzungen kommt, verzichten sie leichter auf  eigene Ansprüche und Bedürfnisse. Später, wenn eine persönliche Grenze erreicht ist oder sich einer zu einseitig dem anderen angepasst hat, wird es zu einem Konflikt kommen. Sie streiten sich. Das muss übrigens keineswegs bedeuten, dass sie miteinander sprechen. Es gibt Paare, die streiten, indem sie sich anschweigen. Manche schweigen sich sogar ziemlich laut an. Jetzt kommt es darauf an, aus der Situation herauszufinden. Das geht nach Schnarch nur, wenn sich beide bewegen. Zugespitzt könnte man über die Schnarch’sche Therapie sagen: Lasst uns streiten! Aber richtig.

Leserkommentare
    • lonetal
    • 19. November 2012 17:02 Uhr

    /Zitat
    Reizvoll am Ansatz des Sexualforschers aus Colorado ist, dass er es für völlig normal hält, sich in einer Beziehung zu streiten.
    Zitat/

    In den 1960/70ern gab es unter der Überschrift "Konfliktpädagogik"auch bei uns einen breiten Ansatz zur Entwicklung einer weiterführenden sozialen Streitkultur. Er wurde wie so viele andere weiterführende Ansätze unter übelster Polemik bis Hetze - auch durch die ZEIT - publikumswirksam niedergeprügelt.

    Seitdem herrscht in der Öffentlichkeit das Motto "Kinder brauchen Grenzen" in den Familien statt Streitkulurt innerfamiliärer Machtkampf mit 'Siegern' und 'Verlierern': nix mehr mit Öffnung des Herzens und anderer Teile der Anatomie.

    Eine Leserempfehlung
  1. aber die psychologie hat es doch schon aufgegeben in der tiefe die menschen zu harmonisieren und ihre natuerlichen u.a. archetypen auszubauen. stattdessen wird den patienten rucksackweise oberflächliche verhaltenswerkzeuge verkauft

  2. " Ich-Botschaften hält er nicht viel: Was zum Kuckuck, schnaubt Schnarch, sei denn an dem Satz "Ich denke, du spinnst!" besser als an dem Satz "Du spinnst!" Verletzt fühle man sich nach beiden" - Das Beispiel zeigt ja auch keine Ich-Botschaft. Die wäre eher so gehalten: 'Mich verwirrt dein Gesagtes'. oder 'In dem Gesagten fühle ich mich wie in einem Netz aus vielen Fäden' (um dem Spinnen mal näher zu kommen :D).
    Also die Kurzfassung des Artikeltextes lautet: Kompromiss, weg von der Perfektion, Disziplin/Kontrolle. Oder?
    Aber: der Satz: 'Ich verstehe Dich' impliziert doch echtes Verstehen. Reicht es, den Satz zu sagen oder muss ich echt verstehen, auch wenn ich es nicht verstehe und um der Partnerschaft willen sage, ich verstünde.

    Desweiteren sagt der Artikel, wie andere vor ihm, aus, dass gute Partnerschaft anerzogen werden könnte. Ist dem denn wirklich so? Kann sich jeder selbsterziehen zu dem einen Glück, dass verheißen wird, wenn man sich nur richtig verhielte? Gibt es Ein Richtig?

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    • lonetal
    • 19. November 2012 18:29 Uhr

    Sie schreiben: "'Ich verstehe Dich' impliziert doch echtes Verstehen. Reicht es, den Satz zu sagen oder muss ich echt verstehen, auch wenn ich es nicht verstehe und um der Partnerschaft willen sage, ich verstünde."

    Die Grundvoraussetzung ist Ehrlichkeit und Redlichkeit: Nur Floskeln zu benützen ist bei einem Streit in der Regel destruktiv, es sie denn, sie suchen gezielt eine Brücke, um sich mit dem anderen zu verständigen. Die Technik nennt sich "aktives Zuhören" und kann sehr oft aus einer Sackgasse herausführen.

    Sie schreiben: "Des weiteren sagt der Artikel, wie andere vor ihm, aus, dass gute Partnerschaft anerzogen werden könnte. Ist dem denn wirklich so?"

    Nein, gute Partnerschaft kann nicht anerzogen werden, man kann nur lernen, gute Partnerschaft zu leben. Dafür allerdings gibt es eine Reihe hilfreicher kommunikativer Techniken.

    • Dalim
    • 21. November 2012 23:15 Uhr

    Ich muss gestehen, dass ich sehr positiv überrascht bin! Ja, es wurde noch nicht wirklich bis in die Tiefe geblickt, aber da sehe ich in diesem Fall auch gar nicht die Aufgabe von Frau Husmann.
    Dieser Themenkomplex betrifft uns alle, doch die Mehrheit kommt mit den eigenen Gefühlen nicht klar und hat meist nicht mal eine Ahnung, was genau empfunden wird. Umso amüsanter finde ich es, dass gerade ein Forscher aus den U.S.A., dem Land, in dem so viele noch das Licht beim Sex ausmachen, mit stolzer Brust für seine Erkenntnisse eintritt.
    Ich habe auf der <a href="http://www.blog.ainrecords.de/leben-liebe-sex-streitkultur/" title="Auf der Suche nach (W)AiN mit Dr. David Schnarch">Suche nach (W)AiN</a> kurzerhand einen Blog-Beitrag zu diesem Artikel veröffentlicht und hoffe, dass der ein oder andere vielleicht zu der Erkenntnis kommt, das es durchaus "richtig und falsch" gibt - wenn auch nur subjektiv.

  3. Dem kann ich mich nur anschließen.

    Streiten ist schön und gut, aber meine Erfahrung ist, dass in einer Beziehung ein Streit oft in einem Machtkampf ausartet. Wenn es so weit ist, dann ist die Beziehung zu Ende.

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    • ST_T
    • 19. November 2012 18:38 Uhr

    Die Frage ist nur, wie die Partner miteinander dabei umgehen.

  4. "Er widerspricht aufs Schönste dem psychologischen Tipp, Gefühle stets an- und auszusprechen, indem er sagt: "Die Ehe verbessert sich durch die zwei oder drei Dinge, die Sie sich jeden Tag nicht sagen." Auch von den vielbeschworenen Ich-Botschaften hält er nicht viel: Was zum Kuckuck, schnaubt Schnarch, sei denn an dem Satz "Ich denke, du spinnst!" besser als an dem Satz "Du spinnst!" Verletzt fühle man sich nach beiden."

    So gestelzt redet doch, vor allem im Streit, sowieso keiner. Dann kann der Berater immer sagen: "Haben sie etwa gesagt: Du spinnst? Dann konnte aus dem Streit natürlich nichts werden. Der Beratene fühlt sich schuldig, und fragt sich wieso Psychotherapeuten überhaupt Beziehungsprobleme haben, wenn sie doch alles genau wissen.

    Essentiell sind hingegen laut Schnarch ein zugleich solides und flexibles Selbst, innere Ausgeglichenheit und kontrolliertes Verhalten, aber Schnarch verklausuliert es ganz gut, man muss auch aber ein differenziertes Paar sein.

    Deshalb stimmt auch das Spricht wort: 'Dumm f... gut.' nicht. Im Gegenteil, man sollte sogar so differenziert sein, dass man auch nicht auf den Schwindel mit den Ich-Botschaften hereinfällt. Man muss also schlauer sein, als manche Berater.

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    • lonetal
    • 19. November 2012 18:22 Uhr

    Sie schreiben: "Im Gegenteil, man sollte sogar so differenziert sein, dass man auch nicht auf den Schwindel mit den Ich-Botschaften her-einfällt."

    Wenn sie Ich-Botschaften für einen Schwindel halten, werden sie sich schwer tun, mit Streiten. Ohne Ich-Botschaften wird fast jeder Streit sehr schnell zu einen Machtkampf, der am Ende nur Verlierer und einen Scherbenhaufen zurück lässt.

    Der Satz "Ich denke, du spinnst" ist übrigens keine Ich- , sondern eine Du-Botschaft. Ich-Botschaften sagen etwas aus über die eigene Befindlichkeit, nicht über die des Anderen. Du-Botschaften wirken meist verletzend, immer aber kontraproduktiv.

    Ohne einen Zusammenhang zu kennen, könnte eine situationsangemessene Ich-Botschaft etwa lauten: "Ich bin jetzt völlig verwirrt und weiß nicht, was du meinst" - nur, um den Unterschied zu verdeutlichen.

    Doch, so kann man sich auch in einem Streit ausdrücken, wenn man mal den Unterschied kapiert hat. Übrigens behält man dabei zusätzlich auch noch die Kontrolle - zumindest über sich - und verletzt den anderen nicht.

    • TDU
    • 19. November 2012 17:27 Uhr

    Zu seiner Verletzlichkeit und Wut stehen, "böse" sein können, nicht den verletzten Gockel mit den sauberen Händen zu spielen als Mann. Auch mal bitten können. Wenn Frau liebt, lässt sie das nicht unberührt.

    Richard Burton und Elisabeth Taylor wären wohl die besten Lehrer, glaubt man den Klatschspalten.

    • wauzi
    • 19. November 2012 17:35 Uhr
    7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    ...es lohnt sicht.

    Das größere Hindernis, sind die 500-600 Seiten von "Psychologie der Leidenschaft". Aber wie gesagt. Es lohnt sich ;)

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

  5. ...es lohnt sicht.

    Das größere Hindernis, sind die 500-600 Seiten von "Psychologie der Leidenschaft". Aber wie gesagt. Es lohnt sich ;)

    Antwort auf "[...]"

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