Leserartikel

BisexualitätVersteckte Liebe und Lust

Leser John Poltermann hat seine Bisexualität lange Zeit verschwiegen. Anders als Homosexualität sei die Liebe zu beiden Geschlechtern immer noch ein Tabuthema. von John Poltermann

Seit der Pubertät habe ich mich in Männer wie Frauen verliebt. Ich war lange Zeit orientierungslos, habe versucht, rein heterosexuell zu leben und alles homosexuelle verdammt. Später versuchte ich, rein homosexuell zu leben. Es ging beides nicht, ich war unglücklich. Erst seit meinem Coming-out fühle ich mich frei, liebe und lebe, wie ich es will: Ich verliebe mich in beide Geschlechter, habe Sex mit ihnen, auch mit Grenzgängern zwischen den Geschlechtern.

Viele Bisexuelle haben Angst, sich zu outen und öffentlich zu ihrer Sexualität zu stehen. Aus Scham, aber auch Angst vor dem Verlust des aktuellen Partners, der Arbeit oder von Freunden. Es gibt viele Gründe. Dieses Versteckspiel vieler Bisexueller macht nicht glücklich: Sie müssen ein Netz aus Lügen und Geschichten aufbauen. Das führt häufig zu Depressionen und Angst vor Entdeckung.

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Eine Studie stellte 2010 fest: Bei bisexuellen Frauen ist die Suizidgefährdung 5,9-mal höher als bei heterosexuellen, bei bisexuellen Männern 6,3-mal höher als bei heterosexuellen. Diese Raten sind deutlich höher als die von Schwulen und Lesben.

Eine Ursache dafür ist das Schweigen: In den Medien und der Öffentlichkeit gibt es jede Menge Debatten über Homosexualität. Dabei wird übersehen, dass es viele Menschen gibt, die sich sexuell, emotional oder romantisch zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen. Selten hört man etwas von ihnen. Meist lieben und leben sie ihre Sexualität im Verborgenen.

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Bisexualität ist auch deshalb ein Tabuthema, weil sie so vielschichtig ist: Menschen haben verschiedene Beziehungen und/oder Sex – welcher Art auch immer – zu Menschen verschiedener Geschlechter. Bisexuelle müssen sich nicht gleichermaßen von Männern und Frauen angezogen fühlen. Es gibt Männer, die verheiratet sind oder in einer Beziehung mit einer Frau leben und – meist leider heimlich – Sex mit Männern haben. Frauen fühlen sich sexuell zu einer anderen Frau hingezogen, auch wenn sie einen Mann haben. Und dann gibt es noch jene, die sich in jeden Menschen verlieben können, egal welches soziale oder biologische Geschlecht sie haben, also auch Transgender oder Intersexuelle.

Das Spektrum von Bisexualität ist sehr groß. Genauso groß scheint auch die Scham zu sein, öffentlich darüber zu reden. Es wird Zeit für eine neue Betrachtung von Sexualität in der Gesellschaft. Menschen haben Beziehungen und Sex mit Menschen, egal welchen Geschlechts – und das ist normal. Je mehr wir Sexualität frei leben und lieben, um so glücklicher können wir werden. Seit meinen eigenen Coming-out akzeptiere ich mich so, wie ich bin: Damit habe ich Lebensfreude und Zufriedenheit im Alltag gewonnen.

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Leserkommentare
  1. Muss man unbedingt seine persoenliche Sexualitaet immer offenbaren?
    Oder steckt dahinter eine ganz andere "Lust"?

    Solange Bisexualitaet nichst strafbares ist, sehe ich keinen Sinn darin darueber zu reden.
    Sorry, wen interessiert das wirklich?

    3 Leserempfehlungen
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    Ganz ehrlich, wem interessiert es schon was ihnen NICHT interessiert?

    Sie müssen es ja nicht lesen, el hombre. Und Sie müssen es auch nicht kommentieren - das können Sie sich aussuchen.

    Für mich enthielt der Leserartikel jedenfalls Neues.

    • RSCB
    • 23. Dezember 2012 20:36 Uhr

    Allein die Suizidraten sind doch Anlass sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Hat nicht einer der Väter der Soziologie, Emile Durkheim selbst mit der Auswertung einer Selbstmordstatistik begonnen?

    Niemand will seine persönliche Sexualität "unbedingt immer" offenbaren. Wenn ich John Poltermann richtig verstehe, will er sich nur nicht mehr verstecken. Einen wesentlichen Teil der eigenen Persönlichkeit zu verstecken kostet viel Kraft, die dann anderswo fehlt. Seit er sich geoutet hat und seine Bisexualität deshalb nicht mehr versteckt, ist ihm wohler. Das heißt sicher nicht, dass er jedem gleich erstmal erzählt, dass er bisexuell ist und was er mit wem im Bett macht.

    • zeie
    • 23. Dezember 2012 22:07 Uhr

    Niemand will so etwas intimes wie seine Sexualität immer und vollständig offenbaren. Die meisten Menschen wollen - vermute ich mal - guten Sex haben - und kein Wort mehr als notwendig oder sinnvoll darüber reden und schon gar nicht persönlich in die Öffentlichkeit damit.

    Aber: Jeder Mensch braucht, gerade bei soetwas intimen und sensiblen wie Sexualtiät und Beziehungen Rollenvorbilder. Oder möchte sie zumindest haben. Jeder Mensch braucht bei so schwierigen und verletzlichen Sachen das Gefühl, nicht alleine zu sein und auch nicht einen Weg zu gehen, der fast immer mehr oder weniger unglücklich macht.
    Kein Mensch braucht das Gefühl, mit seiner Lebensform und seinen Problemen in quasie fast allein und ein meerkwürdiger Sonderling zu sein. Jeder braucht manchmal das Verständnis und die (einfühlsame) Hilfe anderer Menschen.
    Aber was wir vor allem auch noch brauchen in dieser Gesellschaft ist eine Akzeptanz von - auch unfreiwilligem und langanhaltenden - Verzicht auf Sexualität. Auch das gibt es nämlich noch.

    • krister
    • 24. Dezember 2012 8:48 Uhr

    2."Solange Bisexualitaet nichst strafbares ist, sehe ich keinen Sinn darin darueber zu reden.
    Sorry, wen interessiert das wirklich?"

    nein!
    was wer im Bett macht ist ebenso Privatsache wie an welche Götter jemand glauben möchte,solange bei beidem keine Straftaten vorliegen bzw begangen werden!und man sollte seine Mitmenschen mit diesen sehr persönlichen Dingen nicht
    berieseln,ist nur unangenehm und überflüssig und sehr daneben.

    Es kotzt einen an, wenn dauernd überall alles ausgekotzt wird.

    • pmzzo
    • 23. Dezember 2012 17:58 Uhr

    Es ist ein großer Fortschritt, dass inzwischen weitestgehend akzeptiert ist, dass es mehr als eine gültige sexuelle Orientierung gibt. Aber leider heißt das für viele Menschen nun, dass es eben zwei gültige Sexualitäten gibt. Für mehr fehlt vielen Menschen die Vorstellungskraft - und dann wird Bisexuellen eben erzählt, dass sie sich gefälligst mal entscheiden sollen (weil Bisexuelle ja entweder Homosexuelle wären, die das nicht zugeben wollen oder Heterosexuelle, die mal ein bisschen Abenteuer haben wollen) oder Asexuellen, dass ihre Orientierung gar nicht existiert (weil ja alle gesunden Menschen sexuelle Anziehung empfinden würden) oder Pansexuellen, dass sie einfach nur Begriffe erfinden würden (denn fließende Übergänge zwischen Mann und Frau gäbe es ja gar nicht). Sexualität ist etwas höchst persönliches und ich würde mir wünschen, dass die Leute, die sich nicht vorstellen können, wie es ist, eine andere (nicht-binäre) sexuelle Orientierung zu haben, den Menschen mit dieser Orientierung einfach zuhören würden, statt ihnen mehr oder weniger ungefragt ihre (notwendigerweise irrelevante) Meinung dazu aufzudrängen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ganz ehrlich, wem interessiert es schon was ihnen NICHT interessiert?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Offenbarungen"
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    nicht interessiert, der liebt auch falsch.

  3. Sie müssen es ja nicht lesen, el hombre. Und Sie müssen es auch nicht kommentieren - das können Sie sich aussuchen.

    Für mich enthielt der Leserartikel jedenfalls Neues.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Offenbarungen"
    • u.t.
    • 23. Dezember 2012 20:00 Uhr

    einige sich wieder nicht ganz in die Sache hineinversetzen. Die psychosozialen Implikationen, die auftreten, meine ich.

    Es geht sicher nicht um legale Restriktionen (die ja auch nicht bestehen), sondern um die eigene Identitätsfindung und wie die Umwelt darauf reagiert.

    Das ist natürlich alles relativ, denn in Zeiten großer Freizügigkeit und des Single- und Datingdaseins kann man sich schließlich vieles aussuchen.

    Ich stelle mir vor, dass es diejenigen schwerer haben, die zuerstmal der heterosexuellen Norm folgen (bitte, nicht missverstehen; ist aber nun mal so, dass 95% einfach einen erdrückenden "Eindruck" auf die Minderheit machen; egal, ob es mehr oder weniger tolerant zugeht; wobei Toleranz natürlich auch deutliche Grenzen hat - siehe deutsche Schulhöfe, etc.).
    "Fremdgehen" in einer zweiten, heterosexuellen Beziehung ist da noch leichter zu verarbeiten als der "Switch" zur anderen Seite.

    Ich freue mich für Sie, Herr Poltermann, dass Sie Ihren Weg gefunden haben. Es ist etwas kurzgeraten, was genauer die Problematiken waren, quasi, welchen Druck Sie erlebt haben, als Sie versuchten heterosexuell zu leben, und welchen als Sie es "rein schwul" versuchten.
    Wenn Sie dazu nochmal antworten, wäre das sehr interessant und nett, etwas zu erfahren.

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  4. Wieso hast du etwas gegen Menschen die deiner Theorie nach sowieso von alleine aussterben?!
    Was ist so schwierig daran die Neigungen der anderen Menschen zu akzeptieren? Wem schaden denn Homosexuelle bitteschön? Ich akzeptiere es doch schließlich auch, dass Menschen dazu neigen monogam zu leben und zu heiraten. Ich würde niemals auf die Idee kommen Menschen ihr sexuelles Glück zu nehmen, außer sie schaden damit anderen.

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    Antwort auf "Ich bezog ..."
    • u.t.
    • 23. Dezember 2012 20:40 Uhr

    Tolle Freizeitbeschäftigung unter Artikeln dessen Thema einen nicht interessieren zu vermerken, dass es einen nicht interessiert.

    Viel Spaß noch bei so einem spannenden Leben, lol.

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  5. Ich denke das es nicht NUR ein gesellschaftliches Problem ist, sondern auch ein logisches. Der aktuelle Partner fühlt sich nämlich vor den Kopf gestoßen, weil man ihm mit dem Outing ja sagt, das der/die einen nicht "vollständig" glücklich machen kann, denn beide Geschlechter wird der ja kaum haben.

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    Erst der 24. Kommentar hat es geschafft, mich erleichtert aufatmen zu lassen. Danke, Tim Leuther!

    Es geht hier nicht um Zurschaustellung der eigenen Sexualität, noch um die Reproduktionsfähigkeit oder um eine gesellschaftliche Annerkennung einer 'weiteren Spielart'. Es geht hier um Ehrlichkeit und Vertrauen zu sich selbst und zu anderen, besonders zum 'unvollständigen' Partner, den mann oder frau trotz allem liebt und der/die nicht verletzt werden soll. Fähigkeiten, die durch alles Angstgeschrei über Andersartigkeit in dieser Gesellschaft immer mehr versinken.

    Wenn ehrlich und vertrauensvoll GELIEBT wird, ist das Geschlecht völlig irrelevant. Die Anzahl von Personen in einer Beziehung durch Jahrtausende lange Domestizierung und Indoktrination leider schon.

    Und genau hier setzt meiner Meinung nach das Problem an. Warum fühlt mein Partner sich "vor den Kopf gestoßen", wenn ich ihm sage, ich bin bi? Weil Bisexuelle keine monogamen, langfristigen Beziehungen haben können? Dabei läuft Sich Verlieben für mich als Bisexuelle mit Mädchen und Jungen gleich ab, und wenn ich in einer Beziehung bin, ist mir das Geschlecht meiner Freundin / meines Freundes egal. Und wenn ich mich nach etwas sehne, dann vielleicht danach, dass er oder sie mal nicht immer die Socken rumliegen lässt oder mit den Chips ins Bett krümmelt - aber nicht nach anderen Geschlechtsteilen. Das ist doch absurd und es sagt viel über die Relevanz des Artikels aus, dass so immer noch gedacht wird. Bisexualität ist immer noch unterrepräsentiert (außer Captain Jack Harkness aus Doctor Who / Torchwood fällt mir spontan kein bisexueller Charakter aus Fernsehen oder Literatur ein, und der ist eher omnisexuell), und mir ist jeder Artikel willkommen, der das ändert.

    Denn Sie würden einem Heterosexuellen doch auch nicht sagen, er kann nicht Monogam sein, weil er auf andere stehen muss, der ein anderes Sexualorgan hat als er selbst, oder?

    Ich bin Bisexuel. Ich kann(!) mich an beiden Geschlechten (und auch an transexuellen) erfreuen. Ich kann mich aber auch ganz und voll einer Liebe hingeben und darin monogam sein. Genau wie jede Hete.

    Nein, Sie liegen falsch. Bisexuelle können potentiell Männer wie Frauen gutfinden, das heißt aber nicht, dass sie am aktuellen Partner das anderen Geschlecht vermissen. Beispiel: Sie (ich unterstelle jetzt mal) sind ein Mann. Sie sind heterosexuell. Stehen Sie auf jede Frau, die Ihnen über den Weg läuft? Rechtfertigen Sie sich gegenüber Ihrer Frau/Lebensgefährtin, dass Sie ein Vorleben haben, sprich, mal in eine andere verliebt gewesen sind? Nein? Finden Sie übertrieben?

    Dass man in der Lage ist, sich potenziell sowohl in Männer als auch in Frauen zu verlieben, heißt doch nicht, dass man "beides" möchte.

    Und was wäre dann eigentlich "beides"? (Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit Muschi und Schwanz, diese beiden sind doch wohl für den verliebten und gelebten Alltag sowas von egal...)

    Wo also ist das Problem mit dem bisexuellen Partner? Es geht nicht darum, "beide Geschlechter" haben zu wollen, was auch immer das heißen mag.

    Und, leider immer noch weit verbreitet: dumme Männer. "Da kann ich dann mal zukucken, wenn du mit deiner Freundin Sex hast."

    Das Leben ist kein Porno.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Liebe | Medien | Alltag | Beziehung | Debatte | Depression
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