Jodie FosterWer lesbisch ist, muss nicht politisch sein

Jodie Foster hat sich bei den Golden Globes nicht offiziell geoutet. Feige? Nein, denn die sexuelle Identität verpflichtet nicht zum Aktivismus, findet Sven Stockrahm. von 

Die Schauspielerin Jodie Foster während ihrer Dankesrede auf der Verleihung der Golden Globe Awards 2013 in Beverly Hills

Die Schauspielerin Jodie Foster während ihrer Dankesrede auf der Verleihung der Golden Globe Awards 2013 in Beverly Hills  |  © Paul Drinkwater/NBCUniversal via Getty Images

Ist sie es nun? Oder nicht? Wenn ja, warum sagt sie es nicht? Wenn nicht, warum bestreitet sie es nicht? Jodie Foster ist der Albtraum eines jeden Klatschreporters. 47 Jahre im Showgeschäft und was weiß der Boulevard über ihr Intimstes? Praktisch nichts: zwei Söhne, Vater oder Väter unbekannt, vielleicht zwei Frauen an ihrer Seite, eine davon Elternteil ihrer Kinder.

Kein Wunder also, dass nicht nur der Schauspiel-Elite während der Golden-Globe-Verleihung der Atem stockte, während Foster in ihrer Dankesrede nervös zu werden schien. Gerade noch hatte sie geschrien "Ich bin 50", als sie den Staubfänger mit aufgesetzter Erdkugel für ihr Lebenswerk entgegennahm.

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Nun fühle sie einen plötzlichen Drang etwas kundzutun: "Ähm, ich werde es einfach sagen, laut und stolz, ja – ich brauche dabei eure Unterstützung – ich bin … ähm … Single!" Lacher und Applaus im Publikum. Natürlich hatten alle erwartet, sie oute sich. Endlich, dachten sicher die selbst ernannten Society-Experten und Sybille Weischenbergers dieser Welt. Obwohl Fosters Sexualität wohl eines der offensten Geheimnisse in Hollywood ist, hat sich die Schauspielerin nie direkt dazu geäußert Frauen zu lieben, es weder bestätigt noch dementiert.

Auch jetzt denkt Foster zum Glück nicht daran, diese Uneindeutigkeit ganz aufzulösen. Eine Rede über ihr Coming-out werde dies nicht, fährt sie fort. Das hätte sie schon vor Jahren "in der Steinzeit" erledigt. Und es allen gesagt, die sie getroffen hätte. Die brillante Schauspielerin wunderte sich vielmehr. Alle würden heute von einem Promi erwarten, dass er sein Privatleben preisgebe – sei es per Pressekonferenz, eigenem Parfum oder einer Reality-Show zur besten Sendezeit.

Fosters charmante, intelligente und wohl durchdachte Rede ist keine über ihre Sexualität, der Frau geht es um ihre Privatsphäre. Um ihr Leben, das niemanden etwas angeht, der nicht Teil davon ist.

Vielen scheint dies zu wenig zu sein. Allen voran dem Journalisten und Buchautor Chandler Burr. Auf Facebook schrieb er, es gebe nur ein mögliches Coming-out. Nicht gegenüber Familie und Freunden, sondern gegenüber der Welt, "um eben dieser zu helfen, auf entschiedene Weise voranzugehen für Homosexuellenrechte". Und um jene, die "gegen uns sind, zu zwingen mit der Tatsache zurechtzukommen, dass wir existieren". Foster solle sagen: "Ich bin lesbisch!"

Jodie Foster muss sich nicht zur Galionsfigur machen lassen

Einige Aktivisten fordern also, Jodie Foster müsse Vorbild sein, loud and proud – laut und stolz. Heranwachsenden zeigen, dass die sexuelle Identität nichts ist, das man verheimlichen oder wofür man sich schämen muss.
Sie solle sich dazu bekennen, normal zu sein.


Warum eigentlich? Weil es eben doch noch nicht normal ist lesbisch zu sein? Weil Homosexuelle ihr Recht auf Privatsphäre für die politische Sache opfern müssen? Was für ein Unfug. Nur weil Foster berühmt ist, muss sie nicht gleich zur Galionsfigur einer Bewegung werden, so ehrenwert deren Ziele auch sind. Folgte man diesem Prinzip, müssten Frauen auch per se für eine Frauenquote in Unternehmen sein, weil sie eben Frauen sind.

Menschen auf ihre Sexualität, ihre politische Einstellung, ihre Nationalität, ihre Hautfarbe oder was auch immer zu reduzieren, nützt gesellschaftlichen Umbrüchen wenig. Es braucht Kämpfer für die Rechte Benachteiligter, doch niemand muss sich dazu machen lassen.

Sie sei eine öffentliche Person, seit sie drei Jahre alt war, sagte Foster. Habe gekämpft für ein Leben, das sich real, normal und ehrlich anfühle – gegen alle Widerstände. So jemand schätzt Privatsphäre über alle anderen Dingen.

Leserkommentare
  1. Privatsache. Wenn man jedoch die Öffentlichkeit nicht darüber informieren will, was ein gutes Recht ist, dann kann man sich wohlinszenierte Anspielungen auch sparen. Statt sich in gedrechselten Zweideutigkeiten zu ergehen, sollte sie lieber eindeutig Farbe bekennen oder aber das Thema völlig aussparen. Alles andere ist Kinderkram. So, wie Foster es getan hat, hat sie weder den Lesben noch sich einen Dienst erwiesen. Letzteres deshalb nicht, weil sie die Spekulationsmaschine dadurch erst richtig angeheizt hat. Fortan wird sie wohl bei fast jedem Interview darauf angesprochen werden. So kann man natürlich auch im Gespräch bleiben. Ob Foster dies jedoch beabsichtigte und letztlich nur einen solchen vermeintlichen PR-Coup landen wollte, scheint mir fraglich. Oder?

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    Eben weil sich das berufliche Leben stark in der Öffentlichkeit abspielt, und oft auch zeitraubend ist.

    Wenn man seinen Parnter verstecken will, um kein Outing durchzuführen muß man dann halt

    - bei Preisverleihungen den Partner zuhause vorm TV parken
    - Auf monatelangen Tourneen oder Dreharbeiten keinen Besuch haben oder in als Kusine, guten Freund etc. verleungen (da fängt dann schon das Lügen an).
    - Bei Interviews lügen, oder kategorisch alles ablehnen. Das ist dann schwierig, wenn man sich z.B. auch öffentlich in der Jugendarbeit engagiert und als Vorbild dargestellt wird.
    - Vor Kollegen strenge Funkdisziplin wahren - weil von denen zur Klatschpresse ist der Weg nicht lang.
    - Lästige Sternchen abwehren die einen für einen Karrierenachbrenner halten und legitime Beute da man Single ist.
    - Man kann (wenn man homosexuell ist) nicht einfach mal mit / ohne Party auf eine Szeneveranstaltung zu gehen, ohne von x Leuten erkannt zu werden. Ein kurzes Outing hilft hier auch, die Klatschreportermeute dann abzuhalten die der "Sensation" dann nachspüren.

    Alles in allem ist es wesentlich einfacher, ein paar Worte zum Privatleben zu verlautbaren und dann meinetewegen den Rest für sich zu behalten. Allerdings gibt es in Hollywood oft Verträge, die "Familienunterhaltungstaugliches" Privatleben vorschreiben. Dann ist ein Alibi-Mann/Frau für die Öffentlichkeit angesagt, und viel Versteckspielen.

    • snoek
    • 15. Januar 2013 13:33 Uhr

    Sich outen? Das ist ja so Achtziger. Niemand muss sich heute mehr outen und so wie das Foster tut ist das genau richtig. So geht normal. Und Normalität ist das Ziel dieser Reise.

    An dieser Stelle möchte ich Carolin Emcke danken, die mit ihrem Artikel „Wie wir begehren“, der hier vor einiger Zeit erschien, bei mir ein Umdenken ausgelöst hat. Ich bin nicht schwul. Ich bin frei.

  2. Judie Foster begeistert mich seit Jahrzehnten als Schauspielerin, die extrem glaubwürdig verschiedenste Charaktere verkörpert, die in Extremsituationen landen, in denen sie sich selbst so vermutlich nie befindet. An ihrer Konstitution allein ist schon die Arbeitshaltung und Disziplin abzusehen, mit der sie das durchzieht. Und diesbezügliche Öffentlichkeitsarbeit macht sie ja beruflich andauernd, was gesellschaftlich viel bewirken kann. Wenn Interessenvertreter sie mit der Wir-Perspektive vereinnahmen wollen, wirkt das schon anmaßend auf mich und es dürfte ihr praktisch gar nichts bringen, wenn sie sich noch in Kleinigkeiten verzettelt.

    Antwort auf "Wortklauberei"
  3. Eben weil sich das berufliche Leben stark in der Öffentlichkeit abspielt, und oft auch zeitraubend ist.

    Wenn man seinen Parnter verstecken will, um kein Outing durchzuführen muß man dann halt

    - bei Preisverleihungen den Partner zuhause vorm TV parken
    - Auf monatelangen Tourneen oder Dreharbeiten keinen Besuch haben oder in als Kusine, guten Freund etc. verleungen (da fängt dann schon das Lügen an).
    - Bei Interviews lügen, oder kategorisch alles ablehnen. Das ist dann schwierig, wenn man sich z.B. auch öffentlich in der Jugendarbeit engagiert und als Vorbild dargestellt wird.
    - Vor Kollegen strenge Funkdisziplin wahren - weil von denen zur Klatschpresse ist der Weg nicht lang.
    - Lästige Sternchen abwehren die einen für einen Karrierenachbrenner halten und legitime Beute da man Single ist.
    - Man kann (wenn man homosexuell ist) nicht einfach mal mit / ohne Party auf eine Szeneveranstaltung zu gehen, ohne von x Leuten erkannt zu werden. Ein kurzes Outing hilft hier auch, die Klatschreportermeute dann abzuhalten die der "Sensation" dann nachspüren.

    Alles in allem ist es wesentlich einfacher, ein paar Worte zum Privatleben zu verlautbaren und dann meinetewegen den Rest für sich zu behalten. Allerdings gibt es in Hollywood oft Verträge, die "Familienunterhaltungstaugliches" Privatleben vorschreiben. Dann ist ein Alibi-Mann/Frau für die Öffentlichkeit angesagt, und viel Versteckspielen.

    3 Leserempfehlungen
    • Xarx
    • 15. Januar 2013 13:14 Uhr

    Ich teile ihre Meinung, dass private Dinge wie Sexualität, Lebenspartner_inn etc. im Grunde vollkommen irrelevant sind.

    Allerdings stimme ich nicht mit ihrem letzten Absatz überein.
    "Je normaler sich eine bestimmte Gruppe verhält, desto normaler wird sie auch wahrgenommen. Daher macht Frau Foster alles richtig- sowohl als Star als auch als Lesbe."

    Diese Aussage würde im Zusammenhang mit den zahlreichen Protesten aktuell in Frankreich bzw. anderer homophober Aussagen implizieren, dass homosexuelle Menschen als Gruppe sich im Grunde nicht "normal" verhalten und daraufhin deswegen von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Aber genau das ist schließlich nicht der Fall. Die Gesellschaft (zumindest Teile davon) denken bloß, dass Menschen mit anderer Sexualität nicht normal sind, da sie nicht in ihr beschränktes Weltbild passen.
    Fazit also: einige homosexuelle Aktivisten betonen ihre Sexualität eben weil andere Menschen sie automatisch deswegen ausgrenzen vollkommen unabhängig von ihrem eigenen Verhalten.

    Mal ganz davon abgesehen: was ist schon normal? ;)

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Who cares?"
    • snoek
    • 15. Januar 2013 13:33 Uhr
    16. .....

    Sich outen? Das ist ja so Achtziger. Niemand muss sich heute mehr outen und so wie das Foster tut ist das genau richtig. So geht normal. Und Normalität ist das Ziel dieser Reise.

    An dieser Stelle möchte ich Carolin Emcke danken, die mit ihrem Artikel „Wie wir begehren“, der hier vor einiger Zeit erschien, bei mir ein Umdenken ausgelöst hat. Ich bin nicht schwul. Ich bin frei.

    4 Leserempfehlungen

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