Leserartikel

FernbeziehungVerliebt zu zweit durchs Netz

Leser M. Dewald und seine Freundin verbringen oft einen gemütlichen Sonntag zusammen. Und das obwohl sie eine Fernbeziehung führen. Skype und Facebook machen's möglich. von Manuel Dewald

Meine Freundin ist seit drei Monaten über 12.000 Kilometer von mir entfernt in Chile. Zum Glück gibt es hin und wieder Tage, an denen wir es schaffen, einfach nichts miteinander zu tun. Der einzige Haken: Ihr Tag beginnt vier Stunden später als meiner.

Die Gelegenheiten zum gemeinsamen Nichtstun sind selten. Wir müssen ein Zeitfenster finden, in dem wir beide Zeit haben. Dabei ist die Zeitverschiebung meist ein großes Hindernis. Wenn sie an einem gemütlichen Sonntag aufsteht, ist bei mir schon früher Nachmittag. Bin ich verabredet, stehen die Treffen mit Freunden schon bald an.

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Was der Mensch in einer Beziehung auf weite Entfernung also braucht, ist Geduld. So sitze ich an meinem Computer und warte darauf, dass der kleine grüne Kreis neben dem Namen meiner Freundin im Facebook-Chat erscheint und sie endlich online ist.

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie selbstverständlich es für mich geworden ist, überall und immer Zugang zum Internet zu haben. Meine Freundin hat dies zurzeit nicht. Als sie zu ihrer Reise aufbrach, musste ich lernen, damit umzugehen. Von einem Tag auf den anderen konnte ich nicht mehr jederzeit mit ihr kommunizieren, sondern musste abwarten: manchmal eine, selten auch zwanzig Stunden bis eine Rückmeldung aus Chile kam.

Mittlerweile hat sich ein Rhythmus eingependelt, mit dem wir beide sehr gut leben können. Wir haben sehr viel Kontakt, wissen immer über die Begebenheiten im jeweils anderen Land und Leben Bescheid. Dem Internet sei Dank: Die Weihnachtspost, welche ich Anfang Dezember für 145 Cent mit blauem Priority-Aufkleber losschickte, ist bis heute nicht angekommen.

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Kurz nachdem sie bei Facebook online gemeldet ist, kündigt Skype mir auch schon ihren Anruf an. Unsere häufigste Frage lautet zwar in zahlreichen Variationen "wie bitte?", aber im Großen und Ganzen funktioniert die Unterhaltung problemlos. Nach einer halben Stunde sind alle aktuellen Begebenheiten von beiden Seiten erzählt, der eigentlich entspannte Teil des Sonntags kann beginnen.

Wir tun einfach nichts, surfen gemütlich im Internet, schicken uns gelegentlich witzige oder interessante Links. Vor allem freuen wir uns, dass man sich einfach unterhalten kann: Wann immer einem etwas einfällt, kann man es dem anderen gleich erzählen.

Irgendwann muss sie dann zum Einkaufen auf den Markt. So ist das gemütliche Beisammensein für heute beendet. Aber das macht nichts. Es reicht aus, um die Zeit bis zum nächsten Mal zu überbrücken. Und mit jedem Tag kommt die Zeit näher, auf die wir beide seit drei Monaten warten: Der gemeinsame Urlaub in Südchile, der ihren langen Auslandsaufenthalt in zwei Hälften von aushaltbarer Länge teilt.

Obgleich scheinbar jeder, dem ich meine Geschichte erzähle, auf Anhieb von einer missglückten Fernbeziehung in seinem Bekanntenkreis zu berichten weiß: Zweifel haben wir beide keine.

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Leserkommentare
    • snoek
    • 12. Januar 2013 23:05 Uhr
    17. Relativ

    Aber zeit ist ja auch sehr relativ.

  1. Just, als ich Ihren Artikel las, rief mein Freund auf Skype an - aus Kanada. Vor zweieinhalb Jahren haben wir uns auf einer Konferenz in den USA kennengelernt, seitdem ging es zwischen Kanada (Osten) und Deutschland hin und her. Und jetzt gibt es viel zu besprechen, denn er zieht her! In 14 Tagen werde ich ihn mitsamt dem Wichtigsten und Liebsten Hab und Gut in Deutschland in Empfang nehmen.
    Gemeinsames mehr oder weniger gemütliches Kaffeetrinken auf Skype kenne ich daher zur Genüge. Vorlesen, Kleider zeigen, oder - wie heute - Möbel aussuchen muss halt auch auf der Mattscheibe gehen. Aber irgendwann reicht's auch, und er hat sich kürzlich zu dem mutigen Schritt entschlossen.
    Liebe Fernpaare, haltet durch und lasst Eure Liebe allen Unkenrufen zum Trotz wachsen!

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  2. Ob es uns gefällt, voneinander getrennt zu leben, ist nicht die Frage. Und ich glaube nicht, dass eine Beziehung an zu wenig physisch gemeinsamer Zeit scheitert. Vielmehr scheitert sie an der Art, mit "zu wenig Zeit" umzugehen. Mein Freund und ich haben in über zwei Jahren transatlantischer Beziehung Dinge in Sachen Kommunikation gelernt, die manche Paare, die am selben Ort leben, nicht begreifen: Am Telefon oder auf Skype kann ich nicht erwarten, dass mein Partner meine Gedanken liest, oder dass "doch klar ist", was ich will und fühle. Ich muss *sagen*, was Sache ist. Und darauf kann ich eine Beziehung aufbauen, sei sie nah oder fern.

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  3. 21. Traurig

    Wie kann man sich soetwas antun? Das kann man doch nicht mehr Beziehung nennen. Das zerreißt einen ja innerlich. Da würde ich lieber Schluß machen und mir eine neue Freundin suchen... oder Single bleiben.

    • Włodi
    • 09. April 2013 14:06 Uhr

    Es ist nicht immer einfach, eine Fernbeziehung zu führen, trotzdem entscheiden sich viele Menschen, solche zu pflegen. Auf jeden Fall stellt eine Fernbeziehung Paare auf eine harte Probe. Die Entfernung ist das größte Problem. Man kann sich nicht so of treffen, umarmen oder face to face sprechen. Sehr oft machen Paare, alles Mögliche, um sich zu treffen. Sie stöbern durch alle Angebote der billigen Flüge, um einmal pro Monat die Nähe der zweiten Person zu empfinden. Ich glaube, dass solche Paare trotz allem glücklich sind. Das ist schön. Außerdem hat sich der Status von Fernbeziehungen geändert. Wir leben in Zeiten von Facebook und Skype, deshalb ist es gar nicht mehr so schwierig, auch über große Distanzen eine Beziehung zu führen. Dank Skype und Facebook, die kostenlos sind, kann man sich Nachrichten schicken, Fotos und Videos senden und quasi unter vier Augen sprechen. Skype gibt viele Möglichkeiten. Man kann nicht nur miteinander sprechen, sondern auch sich, folglich auch Emotionen, Gestik und Mimik sehen. Ich nehme an, dass die Basis jeder Beziehung ein Gespräch ist. Leider vergessen viele das. Zur Zeit ist die sexuelle Beziehung für die Mehrheit wichtiger als Vertrauen zueinander. Man kann miteinander nicht offen sprechen. Die Menschen fürchten sich vor ihren Emotionen, deswegen finde ich, dass eine Fernbeziehung Paare lernt, ein gutes Gespräch führen und kommunizieren. Wenn man sich gut kennt, kann man alle Hindernisse überwinden. Ein Gespräch ist Clou an der Sache.

  4. Ich kann mich nicht vorstellen, wie die Menschen in solch einer Beziehung langfristig aushalten können. Ich meine damit natürlich nicht die Tatsache, dass es sich um eine Fernbeziehung handelt, da ich mir dessen bewusst bin, dass diese Beziehungen gut funktionieren können, sondern dass sie sich nur vier Stunden pro Woche unterhalten, und zwar immer am Sonntag.

    Hier steckt, meiner Meinung nach, die größte Gefahr für solche Beziehungen: Liebe kann Distanz überwinden, aber wenn man sie nach Zeitplan führt, dann tötet man sie bestimmt. Es ist verständlich, dass die Beiden Entscheidung getroffen haben, ein Zeitfenster für Zusammensein festzulegen.

    In der heutigen hektischen Welt fällt es jedem Paar schwer, viel Zeit miteinander zu verbringen – wegen der Karriere, anderen Pflichten, Freunde u.ä. Und die Zeitvergabe macht es noch schwieriger.
    Es ist aber genauso dieses Zeitfenster, das solchen Fernbeziehungen die größten Probleme bereiten kann. Die eine Gefahr ist, dass dieses Zeitfenster nicht genügend wird; bei der in dem Artikel geschriebenen Paar scheint aber nicht, dass es der Fall sein könnte. Die andere, und viel realere Gefahr besteht darin, dass das Zusammensein in diesem Zeitfenster zu einer ermüdenden Aufgabe wird. Dann wird es so, dass man fühlt, man muss sich doch freuen, da es die einzelne Weile ist,
    die man mit dem Partner oder der Partnerin verbringen kann. Und wenn sich man zu zwingen versucht, glücklich zu sein, dann wird bestimmt keine Beziehung klappen.

  5. Die Fernbeziehung bringt ohne Frage eine Fülle von Hindernissen mit sich und verlangt viel mehr Verzichte als die traditionelle Form der Beziehung. Die Liebe auf Distanz hat aber auch eine Reihe von Sonnenseiten, deren wir uns oftmals nicht bewusst werden. Wenn die zwei verliebten Personen selten die Möglichkeit haben, sich zu treffen, bleibt ihre Liebe immer „frisch“ und spannend. Sie genieβen jedes Moment, das sie gemeinsam verbringen, und stets versuchen, diese besondere Zeit bestmöglich zu nutzen. Deshalb neigen sie seltener dazu, sich zu streiten. In solcher Beziehung ist es auch schwieriger, in die Routine zu geraten.

    Warum sprechen viele davon, dass die Fernbeziehung nicht funktionieren kann? Weil man, was der Autor des Textes betont hat, viel Geduld dazu braucht. Heutzutage fällt uns besonders schwer, auf etwas zu warten. Wir sind zu den Anhängern der einfachen Lösungen geworden.

    Obwohl ich der Meinung bin, dass die Beziehung auf weite Entfernung funktionieren kann, finde ich, dass man in einer solchen Beziehung nicht ewig bleiben kann. Es ist mir klar, dass das Fundament der Liebe nicht der physische Kontakt, sondern die seelische Nähe bildet. Manchmal aber kommt man mit eigenen Emotionen nicht zurecht und braucht man, sich an dieser zweiten Person einfach zu kuscheln. Und wenn man solche Möglichkeit jahrelang nicht hat, hört man auf zu glauben, dass das alles überhaupt Sinn macht.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Reise | Beziehung | Computer | Facebook | Geschichte | Glück
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