Gleichberechtigung : Busen-Mensch und Schaukel-Mensch

Stefanie Lohaus ist Mutter geworden und möchte dennoch eine gleichberechtigte Partnerschaft. Ob und wie das geht, schreibt sie in unserer neuen Serie "Das Prinzip 50/50".

50/50. Unter diesem Motto steht nun mein Leben, die kommenden 18 Jahre. Mindestens. Denn mein Partner und ich haben uns entschlossen, unser Leben nicht nur miteinander zu teilen, sondern auch alle Aufgaben zu teilen. Wir wollen alle Aufgaben und Notwendigkeiten wie Haushalt und Geldverdienen so verteilen, dass jeder die Hälfte übernimmt.

Bisher war das in unserer Beziehung kein Thema, es war einfach so. Ich verdiente mein Geld, er verdiente seines. Miete, gemeinsame Anschaffungen für die Wohnung oder das Auto teilten wir durch zwei.

Bis ich schwanger wurde. Plötzlich stand unser selbstverständliches Miteinander zur Disposition. Mit Kind würden wir stärker zusammenrücken, eine Lebensgemeinschaft bilden, die Zukunft planen. Wer passt auf das Kind auf, bis wir einen Kitaplatz haben? Wer verdient das Familieneinkommen? Wer hat Zeit, die berufliche Karriere zu forcieren? Viele Paare entscheiden sich an dieser Stelle bewusst oder unbewusst für die klassische Rollenverteilung der Familie, aus der sie selbst stammen: Er bleibt im Beruf und lebt sein Leben mehr oder weniger weiter wie bisher, während sie alles umkrempelt und von nun an 24/7 zu Hause bleibt.

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Aus diesem Grund gelten Kinder in unserer Gesellschaft als der Gleichberechtigungskiller schlechthin. Reihenweise lässt sich beobachten, wie Frauen, die zuvor mit ihrem Partner eine gleichberechtigte Beziehung lebten, angesichts der 52 Zentimeter fleischgewordenen Glücks ihre beruflichen Interessen und finanzielle Unabhängigkeit sehenden Auges in den Wind schießen.

"Ich bleibe zu Hause, weil wir auf sein Einkommen nicht verzichten können", seufzt die eine. "Ich habe doch kein Kind bekommen, um es von jemand anderes erziehen zu lassen", sagt die andere. Klar, es gibt viele Gründe. Er verdient halt mehr, das Kind – vor allem ein Baby – braucht die Mutter. Der Chef übt Druck auf ihn aus, damit er seine Elternzeit auf ein Minimum verkürzt; er hat sich doch nicht jahrelang durchs Jura-Studium gequält, um sich seine Karriere jetzt mit Teilzeitarbeit zu versauen. Ihre Hormone lassen sie zum Muttertier mutieren, sie mochte ihren Job eh nicht so, es gibt keine Kitaplätze in der Gegend…

Wir wollen es anders machen. Beide beides. Kind und Beruf für jeden von uns. Und mit Beruf ist nicht gemeint, dass einer von uns ein bisschen was dazu verdient, während der andere Karriere macht. Oder dass Papa mal zu Hause mit dem Baby hilft, Mama aber die Verantwortung trägt und als einzige weiß, was das bedeutet. Sondern, dass wir beide unsere beruflichen Perspektiven erweitern können, dass keiner von uns gezwungen ist, eine Babypause einzulegen, die so lang ist, dass sie automatisch die Karriere beendet. Gleichzeitig wollen wir beide Bezugsperson für unser Kind sein. Kein Vater oder keine Mutter, die ihr Kind maximal zum Gute-Nacht-Kuss oder am Wochenende sehen.

Weil uns klar war, dass dieses leider immer noch ungewöhnliche Partnerschaftsmodell Konflikte bergen würde, begannen wir  früh zu überlegen, wie wir die Zeit nach der Geburt gestalten wollten. Mir war besonders wichtig, dass mein Freund die Betreuung unseres Kindes von Anfang mit übernimmt. Deshalb sollte er in den ersten acht Wochen nach der Geburt, in denen ich im Mutterschutz war, möglichst auch zu Hause sein. Dahinter steckte der Gedanke: Wenn sich erst mal eingeschliffen hat, dass ich das Kind nicht nur stille, sondern auch sonst rundum versorge, wird es schwieriger sein, das später wieder zu ändern.

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Abwägung zwischen Karriere und Karriere

Meine Partnerin und ich hatten beide dieselben Startvoraussetzungen und dieselbe Zeit, uns in unseren beruflichen Umfeldern zu etablieren. Um eine Karriere (als Mutter) mit Beteiligung des Mannes zu erhalten, muss aber erstmal etwas da sein, das man auch Karriere nennen kann.

Nach 10 Jahren Partnerschaft sah das so aus: Sie verdient knapp 50% von meinem Gehalt und ist Fachexpertin, ich bin ltd. Angestellter mit Personal- und Umsatzverantwortung. Klar, die Voraussetzungen als Frau sind nicht gleich, es ist (war) schwerer aufzusteigen und mehr Gehalt zu bekommen. Und ja, es nicht nur um Geld, sondern in erster Linie um "Lebensperspektiven" und Motivation, Haken dran, das muss man in die "Rechnung" mit einfließen lassen und ggf. nicht das "Umsatzmaximum" anstreben sondern einen Preis für den Erhalt dieser Perspektiven (beim Mann) in Kauf nehmen. Mache ich gerne. Aber nur in einem vernünftigen Umfang.

Denn ich habe auch gesagt (vor dem Kind), dass ich es weder vernünftig noch fair fände, wenn ich meine Laufbahn mit irgendeiner 50%-Teilzeit oder 6-Monate-Elternzeit-Lösung massiv torpediere (in meiner ROlle geht das schlicht nicht ohne "Totalverlust"), damit meine Partnerin ihre stagnierte Expertenlaufbahn (die in der Rolle sowieso nur noch horizontal laufen wird, auch weil sie das so will) weiter stagnieren lassen kann.

Wenn meine Partnerin mehr oder weniger genauso gut verdienen würde / vertikal unterwegs wäre, könnte ich auch mit 50% und Hausmann leben, echt jetzt :)

@Fr. Lohaus Re: 60. Beruf als Selbstverwirklichung

Frau Lohaus,

bitte entschuldigen Sie, wenn ich hier kurz dazwischengrätsche, aber sie schrieben:

"für einen Vater in anderer Hinsicht viel ändert, habe ich nie angezweifelt, aber darum geht es hier nicht."

Aber sollte es nicht AUCH darum gehen, was und wie sich etwas für den Vater ändert? Sonst ist doch die ganze Betrachtung ziemlich einseitig, oder?

"kann ich guten Gewissens sagen, dass die meisten Frauen davon überrascht ist, wie anders ihr Leben plötzlich ist – und das viele das auch negativ oder mindestens teilweise negativ bewerten."

Aber wenn die Frauen von ihrem Kinderwunsch im Nachhinein negativ bewerten, muss das nicht mit unpassenden Realitäten zu tun haben. Evtl. könnten (!!) es auch falsche Vorstellungen über die Konsequenzen sein, oder? Wie siehts denn in dieser Hinsicht bei Ihrem Freund aus? Trifft der sich auch mit jüngeren Vätern (Kollegen, Freunde, Bekannte usw.) und tauscht dort Meinungen und Perspektiven aus? Siehts dort auch so negativ aus?

MfG

Her mit den Erfahrungen! :)

Wieso sollten wir nicht darüber reden? So können mögliche Ängste abgebaut werden. Ich finde es besser solche Berichte zu lesen. Sollen wir nicht heute möglichst früh und toll Karriere machen, uns selbst verwirklichen, viele Erfahrungen leben, unabhängig und flexibel (räumlich und zeitlich) sein, als Frau auch nicht den Anschluss zu verlieren..(um nur mal nen Ausschnitt zu geben). Ich finde es da schon spannend wie andere Paare damit umgehen in der heutigen Zeit ne Familie zu gründen und welche Erfahrungen sie dabei machen.
Und gern gesehen sind da auch die Erfahrungen derer, die, wie Sie, das Ganze ebenfalls gelebt bzw. erlebt hat. Ich empfinde das als bereichernden Austausch.