GleichberechtigungJetzt bin ich aber dran!

Ausschlafen, Ausgehen, Arbeiten: Wenn man sich die Kindererziehung 50/50 aufteilt, muss man alles absprechen. Das Konfliktpotenzial ist riesig. Die Vorteile aber auch. von Stefanie Lohaus

Wenn man sich das eigene Leben wie eine riesige Sandburg vorstellt, dann ist ein Kind die große Welle, die alles wegspült. Der Sand ist zwar noch da, aber nur noch als amorphe Masse. Stück für Stück fängt man an, daraus eine neue Sandburg zu bauen.

Die Frage ist: Wie aufbauen? Alleine oder gemeinsam? In klassischen Beziehungsmodellen ist es ihre Sandburg, die durch die Geburt komplett weggespült worden ist, während bei ihm vielleicht ein paar Türmchen wegbrechen, dafür aber auch neue hinzukommen. Soll heißen: Er geht nach wenigen Wochen wieder zur Arbeit und nimmt seinen Alltag auf, am Wochenende geht es mit Frau und Kind an die Ostsee. Für sie besteht der Alltag dagegen ab sofort aus Kind füttern, Kind wickeln und Kind bespaßen.

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Bei uns ist das anders. Unsere Sandburgen sind beide ähnlich ramponiert, keine ist komplett verschwunden. Wir wollen sie gemeinsam wieder aufbauen. Was bedeutet, dass unsere Leben plötzlich viel stärker ineinander verwoben sind. Es gibt eigentlich nichts, das wir ohne Absprache mit dem Partner tun können. Egal ob es ausgehen, ausschlafen, duschen, telefonieren, arbeiten oder lesen ist: Jede Tätigkeit ohne Kind braucht die Zustimmung des anderen, der sich in der Zwischenzeit kümmert. 

© ZEIT ONLINE

Streit gibt es vor allem, wenn beide zu Hause sind und ihre freie Zeit unterschiedlich einteilen möchten. Als Freiberufliche versuche ich unter der Woche jede freie Minute in meinen Job zu investieren. Er dagegen wünscht sich mehr Familienzeit mit uns. Dann werde ich manchmal hibbelig und schiele alle fünf Minuten auf mein Handy. Ich könnte die Zeit doch so gut nutzen, schließlich ist er ja da und kann auf unseren Sohn aufpassen. Er ist genervt, weil er seine freien Momente für Hausarbeit nutzt, während ich vor dem Rechner lande, um zu arbeiten.

Das Prinzip 50/50

Viele junge Paare wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft. Doch wenn das erste Kind kommt, fallen die meisten zurück in traditionelle Rollenverteilung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen in der ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern, unzureichender Kinderbetreuung, starren Karrieremodellen oder dem in Deutschland immer noch verbreiteten Vorurteil, eine gute Mutter sollte zu Hause bei den Kinder bleiben. Unsere Autorin Stefanie Lohaus und ihr Partner haben sich vorgenommen, nicht in diese Gleichberechtigungsfalle zu tappen. Wie sie ihre Vorsätze in die Tat umsetzen, beschreibt Lohaus in unserer Serie Das Prinzip 50/50.

Teil 1: Wir wollen beide beides. Kind und Beruf für jeden von uns.
Teil 2: Viele Aufgaben können sich junge Eltern teilen. Das Stillen nicht.
Teil 3: Ausschlafen, Ausgehen, Arbeiten: Mit Kind muss man plötzlich alles absprechen.
Teil 4: Die Hölle, das sind die anderen: Reaktionen auf unser Rollenmodell

Die Autorin
Stefanie Lohaus

© Franziska Sinn

Stefanie Lohaus ist Herausgeberin des Missy Magazines und arbeitet als Redakteurin, freie Journalistin und Medienentwicklerin. Sie lebt mit Partner und Kind in Berlin.

Gleichberechtigung mit Kind

Im Jahr 2007 hat die Bundesregierung das Elterngeld als familienpolitisches Instrument eingeführt, das die gleichberechtigte Betreuung von Neugeborenen durch beide Elternteile stärken soll. Es wird für maximal 14 Monate nach der Geburt gezahlt und kann von den Eltern flexibel aufgeteilt werden. Das Minimum je Elternteil sind zwei Monate, das Maximum zwölf Monate.

Im Juni 2012 zeigten Zahlen des Statistischen Bundesamts, dass die "Väterquote" – also die Zahl der Väter, die sich nach der Geburt eines Kindes freinehmen – steigt. Im Jahr 2008 nahmen 20,8 Prozent der Väter das Elterngeld für mindesten zwei Monate in Anspruch, im Jahr 2010 bereits 25,3 Prozent. 

Der genauere Blick in die Zahlen zeigt jedoch: Die durchschnittliche Vaterzeit sinkt kontinuierlich. 2008 waren es noch 3,7 Monate, 2010 nur noch 3,3. Beschränkt man sich nur auf die erwerbstätigen Väter, lag der Durchschnitt im Jahr 2010 sogar nur bei 3,1 Monaten Vaterzeit.

Auch gibt es einen klaren Trend zu lediglich zwei Monaten Vaterzeit. 2007 nahmen 65,4 Prozent der Väter zwei Monate, 2010 schon 76 Prozent. In derselben Zeit halbierte sich der Anteil derer, die ein ganzes Jahr Auszeit nahmen, von 12,9 Prozent auf 6,5.

Der Demografiejournalist Björn Schwentker hat errechnet, wie lange der deutsche Durchschnittsvater mit Elterngeld zu Hause bleibt: 0,85 Monate. Diese Zahl ist so klein, weil die große Mehrheit der Väter gar keine Elterngeldzeit nimmt. Die Bundesdurchschnittsmutter dagegen kommt auf 11,23 Monate Elterngeldzeit. Die Statistiken zeigen also: Die Zahl der Väter, die echte Gleichberechtigung in der Familie ausprobieren wollen, nimmt trotz Elterngeld nicht zu.

Zu dem logistischen Aufwand, zwei Terminkalender und drei Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen, kommt die permanente Müdigkeit. Das zerrt an den Nerven. Romantische Momente finden gar nicht mehr statt, es sei denn, man schwärmt für gemeinsames Einschlafen vor dem Fernseher um halb zehn.

Doch unsere Streitereien sind wichtig, weil sie Dinge auf den Tisch bringen, die sonst im Verborgenen schwelen. Meistens geht es nämlich nur vordergründig um die Kleinigkeiten des Alltags, in Wahrheit aber um die eigenen Bedürfnisse und die gegenseitige Wertschätzung.

Immerhin weiß mein Freund genau, wie es sich anfühlt, wenn ich morgens total übermüdet im Job antreten muss. Und ich bin ihm nicht böse, wenn er mir nach einem anstrengenden Tag zu Hause abends den Kleinen wortlos in den Arm drückt und sich erst mal ein Bier aufmacht.

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Leserkommentare
  1. wenn ich so etwas lese kommt es mir so vor, als ob sich McKinsey jetzt auch um die Kleinfamilie kümmert. Ist das eine Beziehung von der hier geschrieben wird oder eine BGB-Gesellschaft?
    Ich hoffe für dieses Paar das die Beschreibungen nur überspitzt dargestellt sind, ansonsten dürfte die Sache nicht lange gut gehen-von Liebe zum Kind und zwische den Partnern ist keine Rede..und dafür dürfte bei dem engen Terminplan auch kein Platz sein.))
    Schöne neue Welt...

    4 Leserempfehlungen
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    Bitte sagen Sie mir nicht, dass Ihnen erst jetzt auffällt, dass man planen muss, wenn man ein Baby bekommt! Natürlich muss man planen, so oder so und zwar fast alles und immer. Wie stellen Sie sich das denn vor? Kind bei Partner abgeben und es sich gut gehen lassen? Schöne alte Welt, hm?

    Natürlich muss man planen!
    Und sich bewusst zu sein, dass in einer Partnerschaft verschiedene Bedürfnisse aufeinandertreffen, die aufeinander abgestimmt werden müssen, ist doch mehr als positiv. Besser als verklärt romantisch vor sich hinzuleben und irgendwann festzustellen, dass man eigentlich gar nicht zusammenpasst und unterschiedliche Vorstellungen hat.

  2. 2. Autsch

    Bitte sagen Sie mir nicht, dass Ihnen erst jetzt auffällt, dass man planen muss, wenn man ein Baby bekommt! Natürlich muss man planen, so oder so und zwar fast alles und immer. Wie stellen Sie sich das denn vor? Kind bei Partner abgeben und es sich gut gehen lassen? Schöne alte Welt, hm?

    2 Leserempfehlungen
    • ktkrch
    • 04. April 2013 16:47 Uhr

    Wir befinden und ca. in der gleichen Situation. Ich Studentin, er Doktorand (von zu Hause aus arbeitend) und unser 5Monate alter Sohn. Aber ich nehme unseren Kleinen so gut es geht überall mit hin. Auch sollte man Zeit zusammen verbringen als nur zu schauen, dass Kind zu Partner abzuschieben um Zeit für sich zu haben.

    Verbringen sie Zeit mit ihrem Kind und ihrem Partner zusammen sonst hatten sie wohl bald mal einen Partner.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich meinte dauerhaft... Ich meinte auch eher die Verantwortung abgeben. Ich meinte: WIR kriegen ein Kind, aber DU darfst drauf aufpassen.

  3. Ich meinte dauerhaft... Ich meinte auch eher die Verantwortung abgeben. Ich meinte: WIR kriegen ein Kind, aber DU darfst drauf aufpassen.

    Antwort auf "Auch von mir Autsch "
  4. alltägliche Leben.
    Na wenigstens reicht es noch für eine Artikelfolge mit leicht aufgepusteten Banalitäten. Noch eine Generation zur+ück schwurbelte man nicht von logistischem Aufwand der 2 Terminkalender und 3 Bedürfnisse.
    Aber vielleicht ist es das Problem, dass man jede "freie" Minute für den Job nutzen will. Was ist an dieser Zeit "frei"?
    Und dann dieses "Egal ob es ausgehen, ausschlafen, duschen, telefonieren, arbeiten oder lesen ist: Jede Tätigkeit ohne Kind braucht die Zustimmung des anderen, der sich in der Zwischenzeit kümmert." Mann kann es auch übertreiben mit der Qual die man angeblich hat. Man muss sein Kind nicht permanent im Arm haben und bespaßen, die Hälfte der genannten Sachen geht so ganz normal nebenbei.

    6 Leserempfehlungen
  5. Frau Lohaus,

    ich weiß auch, daß es mit Kindern heutzutage teilweise anstrengend ist. Aber ich muss Ihnen sagen, daß ich Ihren letzten Artikel nach dem Erscheinen meiner Oma vorgelesen habe (87 Jahre). Die hat nur mit dem Kopf geschüttelt und mir mit einem Lächeln ins Gesicht gesagt: "Ihr jungen Leute habts schon schwer...".
    Sicher sind viele Dinge anders als früher und auch die beidseitige Erwerbstätigkeit spielt dabei eine Rolle. Aber "Planung" können Sie eigentlich vergessen - Kinder können von einen auf den anderen Augenblick krank werden (bzw. man empfindet es so) oder ähnliches passiert. Versuchen Sie, jeden Augenblick, den Sie mit der Familie haben, zu geniessen (auch wenn es manchmal "schwer fällt", weil sie total übermüdet sind).
    Und Zeit für Romantik werden Sie dann haben, wenn die ersten Zähne da sind....:=) oder das Kind mal bei Oma/Opa abgeben können.
    Viel Glück weiterhin!

    MfG
    FT

    4 Leserempfehlungen
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    Liebe/r timeisout,

    Ihre Einschätzung, dass ein Baby nebenbei läuft, teile ich absolut nicht. Es sei denn es handelt sich um die 10 Prozent Wunderkinder, die sich schon mit drei Monaten stundenlang selbst beschäftigen können. Von denen ich aber leibhaftig noch kein einziges kennengelernt habe, im Gegenteil. Ich kenne dafür haufenweise Geschichten von Menschen, die es noch nicht mal schaffen die Spülmaschine einzuräumen, während sie ein Baby betreuen.

    Beste Grüße
    Stefanie Lohaus

    Liebe/r camaro_xl,

    das kommt an dieser Stelle vielleicht zu kurz, aber wir sind sehr zufrieden mit unserer Beziehung und auch sehr froh, die Entscheidung getroffen zu haben, uns die Arbeit auf diese Art und Weise zu teilen. Im letzten Teil der Kolumne über das Stillen ging es genau um die Unplanbarkeit, der man sich eben dann immer wieder neu stellen muss. Wir sind der Überzeugung, dass wir so wesentlich entspannter sind, weil wir beide die Balance zwischen unseren verschiedenen Bedürfnissen gefunden haben, wir wissen, dass wir anders unglücklich wären. Ich finde das viele Reden und Streiten auch gar nicht problematisch, weil ich denke, dass wir so viel mehr Austausch haben als andere Paare, die das nicht müssen und dann abends um 9 müde ins Bett fallen. Wir wissen zumindest voneinander was wir fühlen und denken und achten unsere gegenseitigen Bedürnisse.

    Von daher: Ja, es ist – wie vieles heute komplizierter als früher –, weil es weniger Regeln und mehr Wahlfreiheit gibt, aber ansonsten kann Ihre Oma beruhigt sein und auch die ganzen Menschen, die fürchten, wir würden uns bald trennen.

    Beste Grüße
    Stefanie Lohaus

  6. ... dass bei diesem kindischen 50:50 Gezerre die meisten Partnerschaften im Lebensjahr 4 des Kindes heute auseinandergehen. (Mal sehen, wie es bei Frau Lohaus wird, aber ich bin hier - aus Erfahrung - skeptisch.) Wer will schon auf Dauer seine Familie als permanente Kampfzone um akademisch-zeitgeistig grundierte Geschlechtergerechtigkeit? Damit es gemeinsam wirklich klappt, braucht es vor allem Liebe - und die ist (und verträgt) nun mal keine dauerhafte Gerichtsverhandlung.

    6 Leserempfehlungen
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    "Wer will schon auf Dauer seine Familie als permanente Kampfzone um akademisch-zeitgeistig grundierte Geschlechtergerechtigkeit?"
    Bedeutet das: wir verhandeln nicht, denn es steht fest, dass der Mann festlegt und die Frau folgt? Ich zumindest kann mich an Verhandlungen erinnern, auch wenn der Erfolg nicht immer feststand...Es ist sicher nicht der Partnerschaft zuträglich, wenn sich einer als das Opfer fühlen muss..

    Lieber martinjankowski,

    hier gibt es einen interessanten Beitrag zu dem Thema bzw. dem Konflikt
    Liebe vs. Gleichberechtigung. Ich bin übrigens der Meinung, dass sich das sehr wohl verträgt. Es geht doch eigentlich nur darum, die gegenseitigen Bedürfnisse zu achten.

    http://www.zeit.de/lebensart/partnerschaft/2013-04/paarbeziehungen-sozio...

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  • Serie Das Prinzip 50/50
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alltag | Bier | Geburt | Arbeit | Ostsee
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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