Gleichberechtigung: Jetzt bin ich aber dran!
Ausschlafen, Ausgehen, Arbeiten: Wenn man sich die Kindererziehung 50/50 aufteilt, muss man alles absprechen. Das Konfliktpotenzial ist riesig. Die Vorteile aber auch.
Wenn man sich das eigene Leben wie eine riesige Sandburg vorstellt, dann ist ein Kind die große Welle, die alles wegspült. Der Sand ist zwar noch da, aber nur noch als amorphe Masse. Stück für Stück fängt man an, daraus eine neue Sandburg zu bauen.
Die Frage ist: Wie aufbauen? Alleine oder gemeinsam? In klassischen Beziehungsmodellen ist es ihre Sandburg, die durch die Geburt komplett weggespült worden ist, während bei ihm vielleicht ein paar Türmchen wegbrechen, dafür aber auch neue hinzukommen. Soll heißen: Er geht nach wenigen Wochen wieder zur Arbeit und nimmt seinen Alltag auf, am Wochenende geht es mit Frau und Kind an die Ostsee. Für sie besteht der Alltag dagegen ab sofort aus Kind füttern, Kind wickeln und Kind bespaßen.
Bei uns ist das anders. Unsere Sandburgen sind beide ähnlich ramponiert, keine ist komplett verschwunden. Wir wollen sie gemeinsam wieder aufbauen. Was bedeutet, dass unsere Leben plötzlich viel stärker ineinander verwoben sind. Es gibt eigentlich nichts, das wir ohne Absprache mit dem Partner tun können. Egal ob es ausgehen, ausschlafen, duschen, telefonieren, arbeiten oder lesen ist: Jede Tätigkeit ohne Kind braucht die Zustimmung des anderen, der sich in der Zwischenzeit kümmert.
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Streit gibt es vor allem, wenn beide zu Hause sind und ihre freie Zeit unterschiedlich einteilen möchten. Als Freiberufliche versuche ich unter der Woche jede freie Minute in meinen Job zu investieren. Er dagegen wünscht sich mehr Familienzeit mit uns. Dann werde ich manchmal hibbelig und schiele alle fünf Minuten auf mein Handy. Ich könnte die Zeit doch so gut nutzen, schließlich ist er ja da und kann auf unseren Sohn aufpassen. Er ist genervt, weil er seine freien Momente für Hausarbeit nutzt, während ich vor dem Rechner lande, um zu arbeiten.
- Das Prinzip 50/50
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Viele junge Paare wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft. Doch wenn das erste Kind kommt, fallen die meisten zurück in traditionelle Rollenverteilung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen in der ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern, unzureichender Kinderbetreuung, starren Karrieremodellen oder dem in Deutschland immer noch verbreiteten Vorurteil, eine gute Mutter sollte zu Hause bei den Kinder bleiben. Unsere Autorin Stefanie Lohaus und ihr Partner haben sich vorgenommen, nicht in diese Gleichberechtigungsfalle zu tappen. Wie sie ihre Vorsätze in die Tat umsetzen, beschreibt Lohaus in unserer Serie Das Prinzip 50/50.
Teil 1: Wir wollen beide beides. Kind und Beruf für jeden von uns.
Teil 2: Viele Aufgaben können sich junge Eltern teilen. Das Stillen nicht.
Teil 3: Ausschlafen, Ausgehen, Arbeiten: Mit Kind muss man plötzlich alles absprechen.
Teil 4: Die Hölle, das sind die anderen: Reaktionen auf unser Rollenmodell - Die Autorin
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© Franziska SinnStefanie Lohaus ist Herausgeberin des Missy Magazines und arbeitet als Redakteurin, freie Journalistin und Medienentwicklerin. Sie lebt mit Partner und Kind in Berlin.
- Gleichberechtigung mit Kind
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Im Jahr 2007 hat die Bundesregierung das Elterngeld als familienpolitisches Instrument eingeführt, das die gleichberechtigte Betreuung von Neugeborenen durch beide Elternteile stärken soll. Es wird für maximal 14 Monate nach der Geburt gezahlt und kann von den Eltern flexibel aufgeteilt werden. Das Minimum je Elternteil sind zwei Monate, das Maximum zwölf Monate.
Im Juni 2012 zeigten Zahlen des Statistischen Bundesamts, dass die "Väterquote" – also die Zahl der Väter, die sich nach der Geburt eines Kindes freinehmen – steigt. Im Jahr 2008 nahmen 20,8 Prozent der Väter das Elterngeld für mindesten zwei Monate in Anspruch, im Jahr 2010 bereits 25,3 Prozent.
Der genauere Blick in die Zahlen zeigt jedoch: Die durchschnittliche Vaterzeit sinkt kontinuierlich. 2008 waren es noch 3,7 Monate, 2010 nur noch 3,3. Beschränkt man sich nur auf die erwerbstätigen Väter, lag der Durchschnitt im Jahr 2010 sogar nur bei 3,1 Monaten Vaterzeit.
Auch gibt es einen klaren Trend zu lediglich zwei Monaten Vaterzeit. 2007 nahmen 65,4 Prozent der Väter zwei Monate, 2010 schon 76 Prozent. In derselben Zeit halbierte sich der Anteil derer, die ein ganzes Jahr Auszeit nahmen, von 12,9 Prozent auf 6,5.
Der Demografiejournalist Björn Schwentker hat errechnet, wie lange der deutsche Durchschnittsvater mit Elterngeld zu Hause bleibt: 0,85 Monate. Diese Zahl ist so klein, weil die große Mehrheit der Väter gar keine Elterngeldzeit nimmt. Die Bundesdurchschnittsmutter dagegen kommt auf 11,23 Monate Elterngeldzeit. Die Statistiken zeigen also: Die Zahl der Väter, die echte Gleichberechtigung in der Familie ausprobieren wollen, nimmt trotz Elterngeld nicht zu.
Zu dem logistischen Aufwand, zwei Terminkalender und drei Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen, kommt die permanente Müdigkeit. Das zerrt an den Nerven. Romantische Momente finden gar nicht mehr statt, es sei denn, man schwärmt für gemeinsames Einschlafen vor dem Fernseher um halb zehn.
Doch unsere Streitereien sind wichtig, weil sie Dinge auf den Tisch bringen, die sonst im Verborgenen schwelen. Meistens geht es nämlich nur vordergründig um die Kleinigkeiten des Alltags, in Wahrheit aber um die eigenen Bedürfnisse und die gegenseitige Wertschätzung.
Immerhin weiß mein Freund genau, wie es sich anfühlt, wenn ich morgens total übermüdet im Job antreten muss. Und ich bin ihm nicht böse, wenn er mir nach einem anstrengenden Tag zu Hause abends den Kleinen wortlos in den Arm drückt und sich erst mal ein Bier aufmacht.










die ersten Monate mit einem Kind sind anstrengend. Wenn Ich den Kurzbericht jedoch so durchlese, so machen Sie es noch nervenaufreibender als es sein müsste. Irgendwie klingt Ihr Text nach permanentem Planen: Erst wenn ein Termin mit allen dreien abgestimmt ist, kann er wirklich stehen. Das wird mehr Energie kosten als auf Dauer verfügbar ist.
Mit einigen Jahren Abstand von der Situation kann ich raten:
- Nutzen Sie für Ihre freiberufliche Tätigkeit nicht die Zeit, die sie ergattern können, sonst frisst Ihr Beruf Ihre gesamte Freizeit auf, und auch noch die Ihres Partners. "Buchen" Sie stattdessen Ihre Arbeitszeit (genauso wie es Ihr Partner fest plant).
- Suchen Sie gemeinsam nach einem Weg für einige gemeinsame, kinderlose Stunden. Regelmäßig. Nennen Sie es Beziehungsarbeit, wenn dies diesen Punkt für Sie erleichtert. Damit gewöhnen Sie Ihren Spross an ein Babysitter und haben einfach eine kleine Pause zu zweit.
- Seinen Sie beide verlässlich füreinander.
Und eine Frage, die ich mir nicht verkneifen kann: Wenn Sie so optimal gemeinsam für Ihr Kind sorgen wollen, sollte eigentlich auch eine Heirat nach außen und innen Verlässlichkeit zeigen können... Aber ich weiß, ich bin da hoffnungslos konservativ ;-)
Liebe/r timeisout,
Ihre Einschätzung, dass ein Baby nebenbei läuft, teile ich absolut nicht. Es sei denn es handelt sich um die 10 Prozent Wunderkinder, die sich schon mit drei Monaten stundenlang selbst beschäftigen können. Von denen ich aber leibhaftig noch kein einziges kennengelernt habe, im Gegenteil. Ich kenne dafür haufenweise Geschichten von Menschen, die es noch nicht mal schaffen die Spülmaschine einzuräumen, während sie ein Baby betreuen.
Beste Grüße
Stefanie Lohaus
Liebe/r camaro_xl,
das kommt an dieser Stelle vielleicht zu kurz, aber wir sind sehr zufrieden mit unserer Beziehung und auch sehr froh, die Entscheidung getroffen zu haben, uns die Arbeit auf diese Art und Weise zu teilen. Im letzten Teil der Kolumne über das Stillen ging es genau um die Unplanbarkeit, der man sich eben dann immer wieder neu stellen muss. Wir sind der Überzeugung, dass wir so wesentlich entspannter sind, weil wir beide die Balance zwischen unseren verschiedenen Bedürfnissen gefunden haben, wir wissen, dass wir anders unglücklich wären. Ich finde das viele Reden und Streiten auch gar nicht problematisch, weil ich denke, dass wir so viel mehr Austausch haben als andere Paare, die das nicht müssen und dann abends um 9 müde ins Bett fallen. Wir wissen zumindest voneinander was wir fühlen und denken und achten unsere gegenseitigen Bedürnisse.
Von daher: Ja, es ist – wie vieles heute komplizierter als früher –, weil es weniger Regeln und mehr Wahlfreiheit gibt, aber ansonsten kann Ihre Oma beruhigt sein und auch die ganzen Menschen, die fürchten, wir würden uns bald trennen.
Beste Grüße
Stefanie Lohaus
Lieber martinjankowski,
hier gibt es einen interessanten Beitrag zu dem Thema bzw. dem Konflikt
Liebe vs. Gleichberechtigung. Ich bin übrigens der Meinung, dass sich das sehr wohl verträgt. Es geht doch eigentlich nur darum, die gegenseitigen Bedürfnisse zu achten.
http://www.zeit.de/lebens...
Ich bin gerade schwanger und habe mit meinem Partner genau das Gleiche vor. Leider stößt das aber in der Gesellschaft und unserer näheren Umgebung auf ähnliches Unverständnis wie in den Kommentaren hier.
In unserem Freundeskreis leben alle das klassische Modell: Mutter daheim, Vater nimmt wenn es hoch kommt die zwei Partnermonate. Ihr Leben ändert sich völlig, seins bleibt weitgehend so wie es ist. Bei Partnerschaften, in denen er fast das Doppelte verdient, macht das irgendwie noch Sinn. Bei anderen Paaren, Lehrern oder Polizisten auf der gleichen Besoldungsstufe, macht es für mich keinen. Und doch beobachte ich auch dort genau die gleichen Muster und frage mich, warum ist das so? Warum lassen sich meine Freundinnen Aussagen gefallen wie „Du bist die Mutter, ich bringe das Geld nachhause“ und wiederholen diese auch noch zustimmend???
Warum denken sie nur an die nächsten Wochen und Monate und nicht an das lange Leben, dass es nach der Kindererziehung noch geben wird und in dem sie die Nachteile, die sich aus ihrer „Wahl“ ergeben, nie mehr los werden? Weniger Einkommen, weniger Aufstiegschancen weniger Anerkennung? Von den Folgen im möglichen Trennungsfall ganz zu schweigen. Einer Studie zufolge bereuen 4 von 10 Frauen Dauer und Ausmaß ihrer Elternzeit. Lesen das werdende und neue Mütter gar nicht? Oder wollen sie es nicht wahr haben?
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