GleichberechtigungPapa kann auch stillen

Viele Aufgaben können sich junge Eltern teilen. Das Stillen nicht. Trotzdem kann man auch hier "Das Prinzip 50/50" anwenden, schreibt Stefanie Lohaus. von Stefanie Lohaus

Alles gerecht nach dem Prinzip 50/50 zu teilen, das war unser Vorsatz, als wir Eltern wurden. Beide verdienen Geld, beide schmeißen den Haushalt, beide betreuen das Kind. Doch es gibt ein paar Dinge, die nur ich als Mutter kann: stillen zum Beispiel. Das Stillen ist einer der Gründe, warum sich bei vielen Paaren in den ersten Monaten nach der Geburt die klassische Rollenverteilung manifestiert. Obwohl sie es eigentlich anders machen wollten.

Kein Wunder: Die Nahrungsaufnahme ist neben dem Schlafen fast das einzige, was ein Neugeborenes den lieben langen Tag macht. Und zwar alle ein bis drei Stunden. Schwer, sich als Mutter längere Zeit vom Kind zu entfernen. Papa dagegen kann natürlich weggehen – warum sollten auch beide zu Hause hocken?

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Als "Diktatur" über die Frau sieht die französische Philosophin und Frauenrechtlerin Elisabeth Badinter den wieder erstarkten Diskurs über die natürliche Mutterschaft, wonach stillen, selbstgekochter Brei und Stoffwindeln das einzig Wahre sind. Was dazu führt, dass sich Frauen aus Angst, keine gute Mutter zu sein, rund um die Uhr um Kind und Haushalt kümmern.

© ZEIT ONLINE

Auch wenn unser 50/50-Prinzip beim Stillen nicht ganz aufging, beschlossen mein Freund und ich eine Art Arbeitsteilung: Ich bin für Nahrungsaufnahme zuständig, mein Freund für die Abgabe, also für's Windelnwechseln. Damit auch er das Baby allein betreuen konnte – und ich mal länger als zwei Stunden das Haus verlassen –, pumpte ich regelmäßig Milch ab, die er dann mit der Flasche füttern konnte.

Weil das ziemlich gut klappte, sagte ich sechs Wochen nach der Geburt zu, in Leipzig einen Vortrag zu halten. Zur Vorbereitung auf den Auftritt kümmerte sich mein Freund mehrere Abende lange alleine um unseren Sohn, ich kam nur zum Stillen dazu. Nach Leipzig reisten wir zu dritt. Ich stillte, redete und stillte wieder.

Das Prinzip 50/50

Viele junge Paare wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft. Doch wenn das erste Kind kommt, fallen die meisten zurück in traditionelle Rollenverteilung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen in der ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern, unzureichender Kinderbetreuung, starren Karrieremodellen oder dem in Deutschland immer noch verbreiteten Vorurteil, eine gute Mutter sollte zu Hause bei den Kinder bleiben. Unsere Autorin Stefanie Lohaus und ihr Partner haben sich vorgenommen, nicht in diese Gleichberechtigungsfalle zu tappen. Wie sie ihre Vorsätze in die Tat umsetzen, beschreibt Lohaus in unserer Serie Das Prinzip 50/50.

Teil 1: Wir wollen beide beides. Kind und Beruf für jeden von uns.
Teil 2: Viele Aufgaben können sich junge Eltern teilen. Das Stillen nicht.
Teil 3: Ausschlafen, Ausgehen, Arbeiten: Mit Kind muss man plötzlich alles absprechen.
Teil 4: Die Hölle, das sind die anderen: Reaktionen auf unser Rollenmodell

Die Autorin
Stefanie Lohaus

© Franziska Sinn

Stefanie Lohaus ist Herausgeberin des Missy Magazines und arbeitet als Redakteurin, freie Journalistin und Medienentwicklerin. Sie lebt mit Partner und Kind in Berlin.

Gleichberechtigung mit Kind

Im Jahr 2007 hat die Bundesregierung das Elterngeld als familienpolitisches Instrument eingeführt, das die gleichberechtigte Betreuung von Neugeborenen durch beide Elternteile stärken soll. Es wird für maximal 14 Monate nach der Geburt gezahlt und kann von den Eltern flexibel aufgeteilt werden. Das Minimum je Elternteil sind zwei Monate, das Maximum zwölf Monate.

Im Juni 2012 zeigten Zahlen des Statistischen Bundesamts, dass die "Väterquote" – also die Zahl der Väter, die sich nach der Geburt eines Kindes freinehmen – steigt. Im Jahr 2008 nahmen 20,8 Prozent der Väter das Elterngeld für mindesten zwei Monate in Anspruch, im Jahr 2010 bereits 25,3 Prozent. 

Der genauere Blick in die Zahlen zeigt jedoch: Die durchschnittliche Vaterzeit sinkt kontinuierlich. 2008 waren es noch 3,7 Monate, 2010 nur noch 3,3. Beschränkt man sich nur auf die erwerbstätigen Väter, lag der Durchschnitt im Jahr 2010 sogar nur bei 3,1 Monaten Vaterzeit.

Auch gibt es einen klaren Trend zu lediglich zwei Monaten Vaterzeit. 2007 nahmen 65,4 Prozent der Väter zwei Monate, 2010 schon 76 Prozent. In derselben Zeit halbierte sich der Anteil derer, die ein ganzes Jahr Auszeit nahmen, von 12,9 Prozent auf 6,5.

Der Demografiejournalist Björn Schwentker hat errechnet, wie lange der deutsche Durchschnittsvater mit Elterngeld zu Hause bleibt: 0,85 Monate. Diese Zahl ist so klein, weil die große Mehrheit der Väter gar keine Elterngeldzeit nimmt. Die Bundesdurchschnittsmutter dagegen kommt auf 11,23 Monate Elterngeldzeit. Die Statistiken zeigen also: Die Zahl der Väter, die echte Gleichberechtigung in der Familie ausprobieren wollen, nimmt trotz Elterngeld nicht zu.

Die Veranstalterin, die kurz ins Zweifeln gekommen war, als sie erfahren hatte, dass ich gerade Mutter geworden war, war zufrieden. Ich war glücklich, etwas für meinen Intellekt und mein Portemonnaie getan zu haben. Mein Freund war stolz auf sich, weil er es geschafft hatte, das Baby ganz allein zu betreuen.

Leserkommentare
  1. 1. Toll!

    Schöner Artikel!
    Auch weil er dokumentiert, dass Gleichberechtigung nicht umsonst zu haben ist. Dass es richtig Mühe macht, sich in unseren immer noch alten Strukturen aufzumachen und etwas ganz Großartiges zu wagen!

    Erster Flockenbrei oder Gries schmeckt übrigens in Muttermilch gekocht ganz fantastisch!

    5 Leserempfehlungen
  2. ...Stillen und Flasche gleichzeitig ist eben keine Kombination, auf deren Funktionieren man sich verlassen sollte.

    Mal sehen, wie lange das Prinzip 50/50 noch funktioniert. Ich bin skeptisch.

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  3. 3. 50/50

    In der direkten Nachbarschaft habe ich auch so ein 50/50-Frischgebackenes Elternpaar. Da scheint es allerdings nicht so gut zu funktionieren, denn mit inzwischen 8 Monaten höre ich den Kleinen stündlich brüllen wie am Spieß, wenn seine Mutter weg ist. (Damit es klar ist, das Weinen stört mich nicht, wenn nicht aus Mitleid.) Erkenntniswert hat wohl beides nicht. Weder das Einzelbeispiel aus dem Artikel, noch das aus meiner Nachbarschaft.

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  4. der Zeit- Kundschaft.
    Empfehlen Sie das "Modell" doch mal der Verkäuferin und dem Straßenbauer oder der Lehrerin und dem Polizisten.

    20 Leserempfehlungen
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    Reicht Ihnen auch Altenpflegerin im Schichtdienst und selbstständiger Systemadministrator?

    Unsere Kleine ist schon fast 12, hat sich super entwickelt und meine Frau hat sich mit ihr schwanger beworben und den Job bekommen.
    Nach der Mutterschutzzeit hat sie direkt die 40h-Woche abgedeckt.
    Mit abgepumpter Milch, Stoffwindeln und Tragetuch "bewaffnet" hab ich meine Tätigkeit weiterverfolgt.

    War nie ein Problem, da ein wenig Geschrei in den Tiefen der IT nicht wirklich stören (zudem hatte das Computerrauschen auch immer eine beruhigende Wirkung ;-) )

    Als es dann wegen steigender Aktivität zum Problem zu werden drohte, war die Kleine schon so weit, sich in den Kernzeiten bei einer Tagesmutter auszutoben.

    Dem Verhältnis zu seinen Eltern hat nichts davon geschadet, im Gegenteil. Genervte und gestresste Eltern hat die Kleine selten zu Gesicht bekommen.

    Eins ist klar: Etwas Kreativität und Flexibilität muss man für so eine Gestaltung schon mitbringen. Aber wo im Leben braucht man das nicht?

    • metek
    • 28. März 2013 12:27 Uhr

    ich werde selbst im September Vater und finde es ermutigend zu lesen, dass solche Überlegungen, die in der Theorie ja immer ganz toll klingen, auch tatsächlich funktionieren.
    Wenngleich man Menschen in bestimmten Arbeitsverhältnissen solche Freiheiten wie komtempläre Betreuung nicht immer zumuten kann. Da ist es dann vielleicht wirklich mal an der Zeit, dass Politiker und Funktionäre der Arbeitswelt solche wie das oben beschriebene Modelle für alle ermöglichen - nicht nur Freiberufler mit frei einteilbaren Arbeitszeiten.

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    • quax74
    • 28. März 2013 12:28 Uhr

    Wir haben Zwillinge und die Muttermilch hatte nicht für beide gereicht. Milchpulver, Stillen, Abpumpen und das alles mal 2. Irgendwann ist dann das Abpumpen weggefallen. Wir waren nervlich am Ende.

    1.5 Jahre später: ich arbeite 100% und mache 90% Haushalt. Meine Frau arbeitet 50% und macht an 80% der Abende in der Woche ihr eigenes Programm.

    Manchmal ergeben sich einfach "Verhältnisse" und das ist gut so. Jeder, wie er/sie selber glücklich wird. Wir mussten da vorher nichts großartig diskutieren oder ausmachen.

    2 Leserempfehlungen
  5. in einem archaischen bewusstseinszustand befindet, dh. er sieht sich als einheit mit der mama (nicht als ein eigenes ich), auch was geruch, bewegung, stimme, haut angeht, kann eine emanzipierte 50/50 schwierig fuer das kind werden. der papa ist noch nicht das direkte objekt der aufmerksamkeit, eher eine ueberlebensnotlösung, zb die mama stirbt. auch die trennung von der mama beim schlafen im von der mutter getrennten kinderbett, oder der kinderwagen, ist auch umdiskutiert. natuerlich können betimmte eventuell entstandene traumen auch durch andere möglichkeiten der nähe von mutter oder vater bestimmt kompensiert werden vom werdenden kind.

    auch scheint es bewiesen, dass der ganze prozess des stillens dem kind grosse widerstandskraft gibt, und nicht nur das einlassen der muttermilch mit dem sterilen 'mutterlosen' fläschchen

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    Bei uns ergab sich die glückliche Situation, dass meine Eltern Rentner sind und meine Mama sich damit auch oft um unsere Tochter kümmern konnte und ich so etwas mehr Freiraum hatte.
    Ich konnte nach 5 Monaten wieder stundenweise arbeiten und Oma war derweil mit der Kleinen am Anfang spazieren und später habe ich sie zu ihr gebracht. Mein Mann hat in den Monaten 1-3 mit mir zusammen und später noch einmal 8-10 allein Elternzeit genommen.
    Es hat alles super geklappt. Die Kleine wusste, dass Mama wieder kommt, die Krippeneingewöhnung verlief problemlos und sie hat keine Traumata davon getragen!
    Wenn es mit dem Stillen nicht klappt, was häufig vorkommt, werden die Kinder auch hervorragend mit Fläschchen groß.
    Hören Sie auf werdenden Eltern mit Ihren Behauptungen Angst zu machen.

    [...]
    Ein Kind(!) mit Zähnen muss nicht mehr gesäugt bzw. gestillt werden. Und wird trotzdem ein gesundes und zufriedenes Kind sein, wenn sich beide Elternteile liebevoll darum kümmern.

    Ich finde, die Idee "50/50" hat was - nicht zuletzt für die Väter, die einfach auf diese Weise mehr von ihrem Kind haben und erleben.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

    Meine Tochter - heute 3 - geht seit 1 1/2 Jahren in die Kita. Sie geht gerne dorthin und ist überdurchschnittlich weit in ihrer Entwicklung - auch was soziale Kompetenz betrifft. Der Kontakt mit anderen Kindern ist überhaupt nicht zu überschätzen!
    Ich gehe Vollzeit arbeiten, mein Mann holt die Kleine um 17 Uhr ab, sie gehen zusammen einkaufen und kochen dann.
    Die enge Bindung zwischen den beiden ist toll!

  6. "Die Nahrungsaufnahme ist neben dem Schlafen fast das einzige, was ein Neugeborenes den lieben langen Tag macht." man könnte denken ich bin lehrer, aber dies stimmt so nicht. aber was solls. es gibt wirklich keine wichigere themen als das zo so was bringt. man muss es uns schlecht gehen.

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  • Schlagworte Gleichberechtigung | Baby | Haushalt
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