Gleichberechtigung : Ihr seid ja ganz schön verkrampft

Das Prinzip 50/50 selbst umzusetzen ist nicht halb so schwer, wie sich gegen die manifesten Vorurteile anderer Paare zu wehren.

Mein Freund und ich haben beschlossen, dass wir den Haushalt, das Geldverdienen und die Betreuung unseres kleinen Sohns streng nach dem 50/50-Prinzip teilen: Ich mache die eine Hälfte, er die andere. Wie ich in den letzten Folgen dieser Serie beschrieben habe, ist das nicht immer einfach – aber im Ergebnis ungeheuer befriedigend. Und vor allem ja eigentlich das geeignete Beziehungsmodell einer Gesellschaft, der die politische, berufliche und private Gleichstellung der Frau als hohes Gut gilt. In der Wirklichkeit jedoch ecken wir mit unserem Beziehungsmodell ziemlich oft an. Etwa bei Eltern, die ihr Kleinkind nicht auch nur eine einzige Stunde am Tag aus den Augen lassen würden. Ich dagegen habe drei Monate nach der Geburt wieder angefangen zu arbeiten. (Das Wort "Rabenmutter" habe ich in den Augen jener Menschen, denen ich davon erzähle, schon häufiger gesehen.)  

"Seit acht Monaten war ich zum ersten Mal wieder beim Friseur. Mein Mann rief ständig an, weil er die Kleine nicht beruhigen konnte," seufzte eine Frau in der Mutter-Kind-Gruppe, bei der ich neulich war. "Aber es geht ja nicht anders, die Kleine braucht mich ja." Sie erzählt, wie unbeholfen sich ihr Mann mit dem Kind anstellt und dass sie, die Mutter, rund um die Uhr gebraucht wird. Zustimmung von allen Seiten. Nur ich sage: "Es geht auch anders" und erkläre der Gruppe unser 50/50-Prinzip. Und dass es sehr gut funktioniert. Ungläubige Blicke. Was mein Freund denn beruflich machen würde. Ja, er ist Akademiker und kann sich seine Arbeit teilweise selbst einteilen. Und ja, nicht jedes Paar ist so flexibel, die meisten Festangestellten haben sicher viel weniger Spielraum, als sie sich wünschen. Aber trotzdem: Unser Beziehungsmodell ist nicht vom Himmel gefallen und nicht das Ergebnis einer glücklichen Fügung für zwei Bessergestellte. Wir haben das geplant.

Mein Freund erlebt die Skepsis der anderen Seite. Wenn er seinen Männerfreunden erzählt, dass ein Tag mit Kind anstrengender sein kann als ein stressiger Tag im Büro, erntet er schräge Blicke. "Was macht ihr denn so anders als wir?" wurde er neulich von einem Bekannten gefragt, einem Unternehmensberater, der am Wochenende seiner Frau ein bisschen mit den Kindern hilft. Bei uns hilft keiner, wir teilen. Wenn der Mann im Haushalt hilft, bleibt die ganze Verantwortung an der Frau hängen. Wer hilft, beruhigt mal das schreiende Kind, nimmt es im Café mal auf den Schoß oder geht am Wochenende mal auf den Spielplatz. Teilen bedeutet, dass beide Experten für ihr Kind sind. 

Solche Gespräche unter Vätern sind selten. Anders als in Gesprächen unter Müttern wird die Aufteilung von Kindererziehung und Hausarbeit kaum thematisiert. Weil eh klar ist, wer was erledigt? Weil es unangenehm ist, wenn deutlich wird, dass Männer immer noch das Privileg genießen, sich um unbezahlte Hausarbeit und Kindererziehung nicht kümmern zu müssen?

Ein anderes Mal hat mein Freund einem befreundeten Paar, das Nachwuchs erwartete, von unserem 50/50-Prinzip berichtet. Das Paar blickte sich an, und sie erwiderte: "Wir sind da nicht so." Heißt übersetzt: Ihr seid ja ganz schön verkrampft, wir nehmen das alles ganz locker. Natürlich ist sie es, die sich nun um das Baby kümmert, während er nach vier Wochen wieder Vollzeit in seinen Job zurückgekehrt ist. Er ist übrigens Freiberufler.

Kommentare

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das ist mit vorsicht zu genießen.

in meinem umfeld ist ein paar, sie selbständig, er nahm elternzeit.
er nutzte die elternzeit durchweg, um schwarz zu arbeiten und jeden abend in der kneipe zu hocken und überließ sie der doppelbelastung.

draußen erzählte er immer, was er für ein toller vater sei, doch fragte man sich immer, wann er die zeit dafür gehabt haben wollte, denn man sah ihn von früh bis spät durchgehend nur auf baustellen oder beim saufen.