PaarbeziehungenDie heikle Symmetrie der Liebe

Moderne Paare treibt die Sehnsucht nach Verschmelzung – genau wie die nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung. Ein Gespräch mit der Soziologin Cornelia Koppetsch von Angelika Brauer

Frage: Frau Koppetsch, als Soziologin beobachten Sie die gesellschaftlichen Strukturen, die das Leben zu zweit bestimmen. Gibt es einen zentralen Konflikt, der den Paaren heute zu schaffen macht?

Cornelia Koppetsch: Ja, es ist der innere Widerspruch, der dadurch zustande kommt, dass zwei gegensätzliche Leitmotive gleichzeitig wirksam sind: das der romantischen Liebe und das der gleichberechtigten Partnerschaft. Da prallen zwei Handlungslogiken aufeinander. Während in der Liebe das freiwillige Geben im Vordergrund steht, ohne zu rechnen oder aufzurechnen, folgt die Partnerschaft dem ökonomischen Modell einer Teamarbeit mit dem Anspruch symmetrischer Leistungen.

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Frage: Sie sprechen von einem inneren Widerspruch: Wie finden Sie den heraus?

Koppetsch: Wir führen Interviews mit den Paaren. Wenn man sie zum Thema Hausarbeit befragt, kann man hören: Bei uns läuft das partnerschaftlich, wir teilen uns die Arbeit auf. Aber wir wollen das genauer wissen und fragen nach: Wer putzt denn bei Ihnen die Fenster? Wer näht die Knöpfe an? Wenn man insistiert, kommen andere Dinge ans Licht. Etwa dass immer dann, wenn der Mann für längere Zeit die Hausarbeit übernimmt, im Erziehungsurlaub beispielsweise, eine Putzfrau engagiert wird, die es nicht gegeben hat, als die Frau für die Hausarbeit zuständig war. Das sind interessante Details, die den inneren Widerspruch deutlich machen.

Frage: Wenn die Paare selbst ihn nicht wahrnehmen, wieso leiden sie dann unter ihm?

Cornelia Koppetsch

Die Soziologin Cornelia Koppetsch ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt. Zuletzt erschien vor ihr Die Wiederkehr der Konformität (Campus Verlag).

Koppetsch: Sie leiden so lange nicht daran, wie sie konfliktfrei mit der Situation umgehen können. So empfinden die Frauen das Arrangement, dass sie in der Regel mehr – und zwar viel mehr – Hausarbeit machen, so lange als gerecht, wie sie den Eindruck haben, dass der Mann ohne Aufforderung auch mal mit anpackt. Wenn diese symbolische Gegenleistung ausbleibt, der Mann sich gewissermaßen nicht mehr bemüht, fängt sie die Rechnung an. In dem Augenblick gilt die Moral der symmetrischen Aufteilung: Ich mache immer das Badezimmer sauber, was machst du eigentlich?

Frage: Das klingt nach einem aussichtslosen Kampf gegen die alten Rollen und Muster.

Koppetsch: In der Regel verläuft es so: Wenn Kinder in die Beziehung kommen, macht die Frau Teilzeitarbeit, zieht dem Mann hinterher und gibt ihre eigenen Berufsentscheidungen auf. Ich finde das erstaunlich. Wir leben in einer modernen Gesellschaft mit maximaler Aufklärung über diese Dinge. Jede Frau weiß, was auf sie zukommt, wenn sie eine Familie gründet, und trotzdem läuft es in 90 Prozent der Fälle nach dem traditionellen Muster ab.

Frage: Als ob eine Art Biologismus dahintersteht.

Koppetsch: Es lassen sich wohl kaum genetische Ursachen dafür finden, dass Frauen Waschmaschinen besser bedienen können. In der beruflichen Sphäre haben sich die Geschlechterrollen ja durchaus geändert. Aber ausgerechnet im Privaten, wo man vermeintlich selber entscheiden kann, zeigt sich, dass fast alles beim Alten bleibt.

Frage: Es könnte ja sein, dass Frauen sich bewusst für die Rolle der Hausfrau und Mutter entscheiden.

Koppetsch: Sicher, so reden sie auch: "Nachdem mein Mann die neue Jeansjacke mit den roten Pullis zusammen in eine Trommel geschmissen hat und alles verfärbt war, habe ich mich entschieden, die Wäsche alleine zu machen." Aber im Ernst: Sie benutzen den Code der freiwilligen Entscheidung, um etwas zu rechtfertigen, was eigentlich in der Rolle angelegt ist, die sie wieder übernehmen, zu der sie sich aber nicht mehr bekennen können.

Frage: Weil heute das Modell der gleichberechtigten Partnerschaft gilt.

Koppetsch: Und weil dadurch der Rückweg in das traditionelle Arrangement versperrt ist, in dem die Hausfrau eine Gegengabe, nämlich Anerkennung, bekam. In unserer Zeit muss eine Frau, die zu viel Engagement in häuslichen Dingen zeigt, damit rechnen, als Putzteufel verdächtigt zu werden.

Frage: In gesellschaftlichen Zusammenhängen ist viel von Freiheit und Autonomie die Rede, aber soziale Mitmachzwänge sorgen für Unfreiheit. Es gehört jedenfalls Mut dazu, der Logik des eigenen Herzens zu folgen.

Koppetsch: Natürlich kann man sagen: Wer sich auf die Liebe rückhaltlos einlässt, der hat etwas Eigenes und Einzigartiges gewonnen. Nur ist die Frage, wie der moderne Mensch die bedingungslose Hingabe mit allen anderen Lebensbereichen vereinbaren kann.

Leserkommentare
  1. Meiner Meinung nach ist eine gute langfristige Paarbeziehung nichts anderes als eine gute Freundschaft mit mal mehr, mal weniger Sex und hat mit dem Phantasma "Romantischen Liebe" nicht viel zu tun. Und sie kann ausgesprochen liebevoll sein.

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    • 29C3
    • 03. April 2013 14:24 Uhr

    gegen eine romantische Liebe?
    <a>
    Und was soll diese Ihrer Meinung nach sein? Die meisten, die sich darüber lustig machen, haben m.E. eh keine Ahnung davon und missinterprätieren diesen Begriff immer wieder.

  2. 2. Häh??

    " der Mann für längere Zeit die Hausarbeit übernimmt, im Erziehungsurlaub beispielsweise, eine Putzfrau engagiert wird,"

    Frau Koppetsch, ich weiß ja nicht, in welchen Kreisen Sie die Befragung durchgeführt haben, aber eine Putzfrau? Ich kenne in meinen Kreisen niemanden, der sich eine Reinigungsfachkraft für seine privaten Gemächer leisten konnte oder wollte.

    ""Nachdem mein Mann die neue Jeansjacke mit den roten Pullis [..] verfärbt war, habe ich mich entschieden, die Wäsche alleine zu machen." "

    Solche Argumente kenne ich persönlich von der Kinderbetreuung ("Sieh mal her Schatz, eine Windel macht man SOOO um und nicht so wie du...."). Nach kurzer Ansage meinerseits ("Entweder ICH mache die Windel um, wie es mir und dem Kind paßt oder DU machst den Kram alleine.") war dann Ruhe.
    Und mal ehrlich: Wer heutzutage (auch als Mann...) noch ein Problem damit hat, mit der guten alten Miele umzugehen, dem ist nicht mehr zu helfen. Klappe auf, Wäsche rein, Klappe zu, Programm, Schuss! Wenn Frauen sich einreden lassen, daß Männer das nicht können, sind sie selbst schuld.
    Andersherum erwarte ich dann aber auch Ergebnisse beim Reifenwechsel im Herbst und Frühling...:=)

    "macht die Frau Teilzeitarbeit, zieht dem Mann hinterher und gibt ihre eigenen Berufsentscheidungen auf. Ich finde das erstaunlich"

    Ich finde das auch erstaunlich. Aber einfach deshalb, weil es nicht, aber auch gar nicht meinen eigenen Erfahrungen aus meinem Umfeld wiederspiegelt.

    MfG
    FT

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    ... das Waschmittel nicht vergessen. Das braucht auch die gute alte Miele. Das Waschergebnis würde sonst nicht überzeugen ;-)

  3. niveau. viele beziehungen beruhen auf abhängigkeiten ( zb, ich pappa, du mama), oder auf geschäftsgebahren und opferrollen (was ich nicht alles fuer dich gemacht habe, und was machst du?).
    Davon profitieren natuerlich die modelle der sozialpädagogik, psychologie (-analyse) und verhaltensforschung, in ihrem wälzen in kunstgesellschaftlichen miteinander.

    spannend wird es erst wenn beide partner das glueck hatten von erziehungs-konditionierungswuetigen eltern verschont geblieben zu sein. dann kommt man dem ursprung schon näher

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  4. <em>"In einer säkularisierten Gesellschaft, die Transzendenz kaum noch kennt, ist die Liebesbeziehung so ein hot spot für die Projektion aller Sehnsüchte nach Verschmelzung, nach ozeanischen Gefühlen, nach Herausbrechen aus dem Alltag."</em>

    Die Projektion von Sehnsüchten oder ozeanischen Gefühlen ist mit Sicherheit eins nicht: Transzendent.

    Das eigentlich Transzendente in einer Liebesbeziehung ist die Erkenntnis, daß der Partner keine geeignete Leinwand für Projektionen ist, daß es kein "geteiltes Wir" sondern nur zwei getrennte Ichs gibt.

    Meiner Erfahrung nach kriseln die meisten Partnerschaften, weil sie irgendwann feststellen, daß das "Gefäß der Sehnsüchte" eigenwilligerweise dazu neigt, sich den unausgeprochenen und hochgesteckten Erwartungen zu widersetzen.

    Für eine dauerhafte Partnerschaft muß man diese grundlegende Desillusionierung akzeptieren können. Dann und erst dann hat die Liebe auch die Chance, sich vom stürmischen Auf und Ab in jene dauerhafte, tiefe Verbundenheit zu wandeln, die man durchaus mit einer Freundschaft vergleichen könnte.

    9 Leserempfehlungen
  5. ... das Waschmittel nicht vergessen. Das braucht auch die gute alte Miele. Das Waschergebnis würde sonst nicht überzeugen ;-)

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    Antwort auf "Häh??"
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    Ha, unsere gute alte Miele ist gar nicht so alt. Die hat einen Vorratsbehälter für Waschmittel und einen Internetanschluss(!!).
    Aber Ihren Einwand lass ich gelten - falls das Modell älter ist...:=)

    MfG
    FT

  6. Ha, unsere gute alte Miele ist gar nicht so alt. Die hat einen Vorratsbehälter für Waschmittel und einen Internetanschluss(!!).
    Aber Ihren Einwand lass ich gelten - falls das Modell älter ist...:=)

    MfG
    FT

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bitte ..."
    • vyras
    • 03. April 2013 14:11 Uhr

    "Er zeigt sich als der Schwächere. Autonomie ist ein hohes Gut. Wer sie hat, kann die Spielregeln bestimmen."

    Eine meiner Ansicht nach verbreitetes, aber unzutreffendes Verständnis von Autonomie, die hier mit scheinbarer Bedürfnislosigkeit in einer Beziehung bzw. Dominanz in dieser Beziehung verwechselt wird. Autonomie (altgriechisch ατονομία, autonomía, „Eigengesetzlichkeit, Selbständigkeit“) bedeutet, in Übereinstimmung mit den eigenen Bedürfnissen zu leben und zu handeln. Dies kann auch bedeuten, einem Wunsch nach Gesellschaft oder Bindung Ausdruck zu verleihen.

    4 Leserempfehlungen
    • zackhh
    • 03. April 2013 14:17 Uhr

    die einfachste lösung:

    einfach locker machen und glücklich sein. zufriedenheit genießen und dankbar für alles gute im leben.

    dann klappt auch ne beziehung.

    nur sind die meisten leute so verkrampft und kämpfen mit ihrem kleinen ego...

    6 Leserempfehlungen

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