Pick-Up-ArtistsDer Zweifel an der Natur des Mannes

Die Autorin Clarisse Thorn hat Profi-Aufreißer begleitet. Ihr Buch zeigt: "Pick-up-Artists" machen weniger Angst um Frauen, als um den Zustand der männlichen Sexualität. von 

© Eden Books

Wer liest, was zur Erscheinung des Buchs der jungen amerikanischen Feministin Clarisse Thorn in Deutschland und über das Phänomen, mit dem es sich beschäftigt, geschrieben wurde, wird den Eindruck nicht los, dass Frauen in Gefahr sind. Fiese Kerle? Unterwegs mit Aufreißern heißt Thorns Werk, für das sie drei Jahre lang mit Männern in Clubs, Bars, Cafés und dem ein oder anderen Appartement verbracht hat, die sich selbst als Aufreiß-Künstler, Pick-Up-Artists (PUA), bezeichnen. 

"Angriff der Profiaufreisser" betitelt die Frauenzeitschrift Grazia einen Artikel dazu, Neon bittet die Autorin um Tipps, wie Frauen einen PUA erkennen können und die FAS schilderte im September mit Bezug auf verschiedene Experten welche psychischen Schäden der Sex mit einem selbsternannten Profi-Aufreißer nach sich ziehen kann. Das Ganze umweht der feine Grusel des Sektenhaften. Auch in Deutschland tauschen sich abertausende Mitglieder der Community auf Websites wie dem Pick-Up-Forum aus, verabreden sich zum nächsten Streifzug oder errechnen gemeinsam die Anzahl der Treffen, nach denen eine "sexuelle Eskalation" unbedingt eingetreten sein sollte. Besteht Grund zu Sorge? Mütter, holt Eure Töchter rein?

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Seit im Jahr 2005 die Pick-Up-Artist-Bibel The Game des Ex-Musikjournalisten Neill Strauss erschien, verschob sich die merkwürdige Subkultur in den Mainstream, Strauss wurde mit dem Buch und seinen Seminaren zum Millionär. Das Aufreißen als Volkssport geht so: Die Attraktivität einer Frau wird auf einer Skala von 1 bis 10 eingestuft. Bekommt sie einen Wert >5 muss der PUA durch Sprüche, gezielte Körpersprache und geschickt angewandte Küchenpsychologie versuchen, sie um den Finger zu wickeln und gefügig zu machen. Punkte aus der Community gibt es für geglückte Annäherungen, Küsse und natürlich Sex. Die dumpfe Attraktivitätseinstufung der PUAs verstößt gegen jedes Gebot eines aufgeklärten Umgangs der Geschlechter miteinander, von den nachfolgenden Manipulationsversuchen ganz zu schweigen. Gelten sie also zurecht als eine soziopathische männliche Minderheit?

Als Clarisse Thorn an diesem Mittwochabend in einer Bar in Berlin Mitte Platz nahm, blickte sie in 60 fragende, mehrheitlich weibliche Gesichter und gibt direkt Entwarnung: "Pick-Up-Artists sind Männer, die sehr viel Zeit mit anderen Männern verbringen, um darüber zu sprechen, wie man am besten mit Frauen spricht." Die 28-Jährige kassiert nach zwei Minuten den ersten Lacher – ihre Männerfreunde aus der PUA-Szene wären stolz. Von den sieben Kategorien, in die Thorn die PUAs, die ihr begegneten, unterteilt, stelle nur eine wirklich ein Problem dar: Die "Darth Vaders" wollen sich für erfahrenes Leid an Frauen rächen oder ergötzen sich schlicht an der eigenen Dominanz. Der Rest der Bande ist eher soziologisch interessiert, wirklich schlimm verklemmt oder hat vor allem Spaß daran, die Gruppentreffen mit den anderen Jungs zu organisieren.     

"Gib' ihr das Gefühl, so gut wie wieder weg zu sein."

Neben Thorn und der Verlegerin sitzt ein schlanker Mittzwanziger mit weichen Gesichtszügen über hohen Wangenknochen und nickt zu all dem. Niels aus München ist selbst Aufreiß-Profi und -Coach und extra zur Buchvorstellung angereist. Gemeinsam mit einer Co-Trainerin unterrichtet er deutsche Männer in der amerikanischen PUA-Kunst, je nach Bedarf und Kaufkraft in Einzel- oder Gruppenseminaren.

Autorin Clarisse Thorn

Autorin Clarisse Thorn   |  © Eden Books

Thorn erzählt von ihren Begegnungen in der Szene, von Männern, die selbst bei ihr – der selbstbewussten Feministin und Sex-Aktivistin – nicht von ihren rhetorischen Tricks lassen konnten. Niels sitzt daneben wie ein Mathematikstudent, der stolz den Theorien lauscht, die er gerade erst selbst durchdrungen hat. Zur Veranschaulichung führt er zwischendurch einige Annäherungsversuche vor und spricht dazu in schönster Du-musst-dein-Leben-ändern-Manier: "Du musst lernen, deine Emotionen zu kontrollieren. Beug' Dich im Gespräch nicht zu ihr herunter, bleib aufrecht. Gib' ihr das Gefühl, so gut wie wieder weg zu sein."    

Je länger die beiden so reden, desto deutlicher wird: Der Erfolg von Aufreiß-Coaches wie Neill und Niels ist das Versagen alter Kennenlern- und Bindungsmodelle. In einer auf Leistung und Aussehen getrimmten Gesellschaft, ist der Misserfolg beim anderen Geschlecht ein kaum zu ertragender persönlicher Makel. Der Frust darüber entlädt sich in einem pseudowissenschaftlichen Expertensprech, das mal an Baseballkommentar und mal an die Mantras der New Economy erinnert. "Es geht darum, weniger in die Frau zu investieren, als sie in Dich." Die positivistischen Denkmuster der PUAs sind zutiefst amerikanisch. Erfüllende Sexualität und Anerkennung wird errechnet wie die Kalorienzahl auf der Diet-Coke.

Leserkommentare
  1. "Problematisch sei, so Thorn, dass viele Männer in der PUA-Community dem Glauben verfallen seien, mit so vielen Frauen zu schlafen wie möglich, sei ihre eigentliche Natur, ihre urmännliche Bestimmung. "

    Vieleicht machts auch einfach nur ... äh .. Spass?

    Sollte vielleicht auch einmal ein Stück weit angedacht werden.

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    mit Frauen schlafen sollte auch Spaß machen - aber ob es dazu dauernd wechselnder Frauen bedarf?
    Eine wirkliche Beziehung dürfte so doch wohl kaum zustande kommen.

    Ich bin schwul und dementsprechend würde mir Sex mit Frauen sicher keinen Spaß machen, aber wenn Männer mit Männern.. kommt halt die "wahre Natur" unseres Geschlechts heraus. Sex und Gefühle können für Männer zusammengehören, müssen aber nicht. Bei den meisten Frauen ist das halt einfach anders. Warum auch immer. Das macht den Mann aber noch lange nicht zum archaischen Beutegreifer und die Frau zum edlen Geschöpf, was aufpassen nicht Opfer verruchter Begierden zu werden. So klingt das ja immer zwischen den Zeilen wenn sich Frauen darüber mokieren angebaggert zu werden.

    Wieso brezeln sich Frauen dann, besonders im Nachtleben, so auf? Um NICHT angebaggert zu werden? Haha. Schaut der Baggerer gut aus und hat man Interesse an ihm ist es ein "Flirt", ist er ein langweiliger Molch ist es "Belästigung" bis "Sexismus". Und bei allem hat in Wahrheit immer die Frau die Zügel in der Hand, wie eh und je. Dass auch Emanzipation nicht dazu führen würde, dass diese die "Waffen der Frau" aus der Hand geben, war ja abzusehen. Frauen wollen nicht nur Gleichberechtigung sondern gleich "Alles", wenn der sensible und treusorgende Hausmann und Vater ihnen im Restaurant die Tür aufhält und die Jacke abnimmt ist das dann wieder recht und kein "verstaubtes Rollenbild" etc. (das ist es nur wenn man daraus keinen Vorteil hat).

    Letztlich sind Frauen bei der Balz genauso berechnend und egoistisch wie Männer. Sie verpacken das ganze halt nur tugendhafter. Soweit mal meine Beobachtungen "von Außen".

    "Vieleicht machts auch einfach nur ... äh .. Spass?"

    Dann könnte man sich doch aber diese ganze pseudo-wissenschaftliche Notenvergabe und Diskussion wer jetzt mit mehr "Punkten" gevögelt hat sparen und ... nun ja ... schlicht Spaß haben. Oder nicht?

    • hareck
    • 26. April 2013 13:05 Uhr

    Waren "Profis" nicht eigentlich Leute, die von dem, was sie tun, leben?
    Und Frau Thorn ist also eine "Sex-Aktivistin"? Wenn einem da mal nicht die Fantasie durchgeht....

    "Die dumpfe Attraktivitätseinstufung der PUAs verstößt gegen jedes Gebot eines aufgeklärten Umgangs der Geschlechter miteinander"
    Wahrscheinlich verstoßen 99% aller Männer genau gegen dieses Gebot. Und 70% aller Frauen. Wer schätzt denn nicht sofort die Attraktivität seines Gegenübers ein?

    Aber ansonsten interessant. Für mich als Mann durchaus beruhigend, dass die "Profis" eigentlich auch nur eine verkappte Männerselbsterfahrungsgruppe sind.
    Oder liegt die Harmlosigkeit hier vielleicht doch eher im feministischen Auge der Betrachterin?

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  2. mit Frauen schlafen sollte auch Spaß machen - aber ob es dazu dauernd wechselnder Frauen bedarf?
    Eine wirkliche Beziehung dürfte so doch wohl kaum zustande kommen.

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    Antwort auf "Alternative Erklärung"
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    Deshalb: http://www.zeit.de/wissen...

    Es geht nicht um eine Beziehung. Und ich sehe auch nicht, wieso man vor derlei Männer warnen sollte. Es sollte - beiden - Spaß machen und hat abseits von möglicherweise falschen Hoffnungen keinerlei negative Konsequenzen.

    • Lyaran
    • 26. April 2013 13:36 Uhr

    Wenn es eine ausreichend große Gruppe unter den Frauen gibt die auf soetwas reinfallen ist es doch ok.
    Oder die Frauen drehen den Spieß um und graben die Männer an. Oder wollen wir jetzt doch wieder dieses Beute/Jäger Schema in dem die Frauen immer Beute sind?

    Also solange die Frauen antriebslos an den Bars rumhängen sollte sich keine darüber Aufregen wenn die Macker Sprüche trainieren.

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  3. Deshalb: http://www.zeit.de/wissen...

    Es geht nicht um eine Beziehung. Und ich sehe auch nicht, wieso man vor derlei Männer warnen sollte. Es sollte - beiden - Spaß machen und hat abseits von möglicherweise falschen Hoffnungen keinerlei negative Konsequenzen.

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  4. Das bedeutet, dass sie überhaupt nicht berühren, dass sie nicht lange anschauen, dass sie keine Witze, Sprüche oder Bemerkungen machen, die sich in irgendeiner Weise auf Geschlechter- oder Aussehensspezifika beziehen. Das Problem ist, dass das nicht wirklich gut ankommt bei den Damen, außer man will nichts mit ihnen zu tun haben und nur wenigst möglich Ärger bekommen. Jedenfalls ist das die Verhaltensweise, die jungen Männern heute als Handlungsmaxime nahegelegt wird (#Aufschrei).
    Dass man sich dann in Gruppen gegenseitig stark macht, ist für viele eine Rettung. Das Frauen darüber jammern und Angst haben, erstaunt mich etwas - sie spielen freiwillig mit, oder?
    Was mich jedenfalls die ganze Zeit schon an der Diskussion stört, dass es immer nur um das Handeln der Männer geht - ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass Frauen sich immer nur als Objekt wahrnehmen, die ohnehin nichts bewirken können...

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    "Das Problem ist, dass das nicht wirklich gut ankommt bei den Damen."

    Da haben sie dem Mann den Mann ausgetrieben, nur um dann festzustellen, dass das was da noch übrig bleibt bestenfalls zum asexuellen Kumpel reicht.

    Im großen Durchschnitt ist das Weib an sich größtenteils irrational und weiß eben nur, was Sie NICHT will. Das ist biologisch bedingt und wird sich auch in 5000 Jahren nicht ändern.

    Wer sich als Mann von diese Rumgelaber beeinflussen lässt, zieht eben die A-Karte.

    Ich hatte mich ähnlich verhalten bis ich erkannt habe, dass dieser Idee eben ein höchst irrationaler, unerfüllbarer Wunsch zu Grunde liegt.

    Ich kann nur jedem (Weibern wie Männern) empfehlen, diesen ganzen Humbug ad acta zu legen und sich unabhängig und frei durch die Welt zu bewegen, seine Schlüsse aus eigenen, reellen Erfahrungen zu ziehen und jeden Menschen (ja, jeden) zur Seite zu schieben, der einem irgendwie befehlen will, wie man zu leben hat.

    Frauen mit einer Geisteshaltung wie die Autorin des Artikels tun geradezu so, als ob die PUAs mit unfairen Mitteln kämpfen und Frauen sich nicht dagegen wehren könnten. Frauen werden zu passiven Objekten, während Männer diejenigen sind die aktiv über das "sexuelle Wohl" der Frau entscheiden können. Dem entspricht auch das veraltete und unaufgeklärte Bild der Frauen, das Männer diejenigen seien MÜSSEN, die den ersten Schritt machen. Über andere "antiquierte" Rollenbilder (z.B. der Beschützer) will ich gar nicht erst groß schwadronieren.
    Ironischer Weise machen sich die PUAs genau diese Mechanismen, die von Frauen selbst meist vehement verteidigt werden (hatte deshalb mal eine rege Diskussion mit meiner Freunding), zu nutzen, um bei Frauen erfolgreich zu sein.
    Kommentator Nils Wilke hat das bereits in Kommentar #8 angeprangert.

    ps: Ich bin zwar selbst nicht "praktizierender" PUA, aber lese mir gerne mal in einem Forum ein paar Tipps durch. Denn vieles hat tatsächlich Hand und Fuß und ist meist sehr einleuchtend. Es kommt halt nur auf die Intention an, mit der man sein Wissen einsetzt. "Mit großer Macht kommt große Verantwortung" oder so ähnlich :-)

  5. Wenn Frau Exner also beklagt "wie weit für manche Männer der Weg noch ist, zu einer aufgeklärten und angstfreien Sexualität". Dann stellt sich die Frage, wie es denn um die "aufgeklärte und angstfrei Sexualiät" moderner, selbstbewusster Frauen? Denn bei einem ist die weibliche Emanzipation und das Infragestellen von Rollenbildern noch nicht angekommen - beim Initiieren des ersten zwischengeschlechtlichen Kontakts. Das soll gefälligst der Mann machen, während sich 99% der Damen weiter zieren. Würden Männer "Geschlechtergerechtigkeit" praktizieren und sich ebenfall zieren, würden wir aussterben.

    Das wäre doch mal ein Thema, Frau Exner! Wann legen die Damen ihr "archaisches" Rollenverständnis ab und praktizieren eine "aufgeklärte und angstfreien Sexualität", indem sie nicht nur mit ihrem Popo vor der Bar rumwacken sondern auch einmal selbst aktiv werden? Dann könen sich einige Männer auch dämliche Kurse sparen.

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  6. Wennz draussen dunkel ist, ist eine eigentlich wie die andere und das Gefühl dabei ist auch immer dasselbe. Wer nie mehr als einmal mit derselben Frau schläft, sollte mal beim Psychiater vorbeischauen.

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    Und man schläft nie zweimal mit derselben Frau, allenfall ist es die Frau gleichen Namens, aber auf jeden Fall zu einem späteren Zeitpunkt.
    Außer keiner von beiden bewegt sich in Sachen Sex auch nur ein Stückchen vom Fleck, dann wird aus dem Fluss doch schell ein brackiger Tümpel.

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  • Schlagworte Sexualität | Berlin | München
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