Gleichberechtigung : Vier Hände sind nicht genug für ein Kind

Die Autorin Stefanie Lohaus teilt sich Kinderbetreuung und Haushalt nach dem Prinzip 50/50. Und stellt dabei fest: Zwei Erwachsene sind für ein Kind zu wenig.

In den vergangenen Wochen habe ich hier darüber berichtet, wie sich mein Freund und ich uns die Kinderbetreuung, den Haushalt und das Geldverdienen nach dem Prinzip 50/50 teilen. Was ich dabei verschwiegen habe: Manchmal fühlte sich unser Modell an, als teilten wir 100/100.

Der Kleine zahnt, hat eine dicke Erkältung mit Fieber, an Schlaf ist kaum zu denken. Dazu winkt die Deadline für einen Artikel und ein Stapel Hausarbeiten will schnell korrigiert werden. In Situationen wie dieser reiben wir uns die dunkel umrahmten Augen, schaukeln das Würmlein und wünschen uns ein ganzes Dorf, um unser Kind großzuziehen. Oder wenigstens Großeltern, die nicht 500 Kilometer weit entfernt wohnen. Denn seien wir ehrlich: Unser 50/50-Modell verteilt die Last zwar anders als in der traditionellen Kleinfamilie, aber eben auch nur auf vier Schultern.

Was wir uns dann oft fragen: Kann eine Kind-und-Eltern-gerechte Betreuung überhaupt allein in der Kernfamilie stattfinden? 

Immer war ein freier Arm zur Stelle

Die bürgerliche Kleinfamilie, wie wir sie kennen, ist ja tatsächlich ein relativ junges Modell. Ihre Verbreitung begann im 19. Jahrhundert und erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde Vater-Mutter-Kind in Deutschland zur vorherrschenden Familienform. Davor galt das Prinzip des "ganzen Hauses". Ein Ort, in dem die Familie gemeinsam mit Verwandten und Arbeitskräften eine Lebensgemeinschaft bildete. In dem die anfallenden Arbeiten auf mehrere Personen verteilt wurden. Diese Gemeinschaften waren allerdings geprägt von patriarchalen Strukturen, in denen ein männliches Familienoberhaupt das Sagen hatte und körperliche Züchtigungen zum Alltag gehörten.

Stefanie Lohaus

Stefanie Lohaus ist Herausgeberin des Missy Magazines und arbeitet als Redakteurin, freie Journalistin sowie Medienentwicklerin. Sie lebt mit Partner und Kind in Berlin.

Zurück in die Vergangenheit wollen wir also um Himmels Willen nicht, nein. Aber warum orientieren wir uns nicht viel stärker an Familienformen, in denen sich die Last auf mehr als vier oder – wie bei vielen Alleinerziehenden – auf zwei Schultern verteilt?  

Ein Besuch bei der Großmutter in der Osterzeit ließ meinen Freund und mich nachdenklich werden. Gemeinsam mit meiner Mutter fuhren wir zu seiner Mutter und verbrachten eine herrlich entspannte Woche: Immer war ein freier Arm zur Stelle, um den Kleinen zu schaukeln, zu beschäftigen, zu füttern oder zu wickeln. Das Kind lief beinahe wie von selbst mit und trotzdem konnte jeder von uns sein Ding machen: schreiben, korrigieren, stricken oder Bridge spielen. Es macht einen großen Unterschied, ob sich zwei oder vier Personen abwechselnd um Kind und Haushalt kümmern. Ich selbst wurde ganz selbstverständlich sehr früh und viel von meinen Großeltern betreut – weil es Kitas oder Kinderläden nicht gab. Heute entfernt die zunehmende Mobilität Familien räumlich voneinander, so dass helfende Großelternhände immer seltener werden. Und die Kitas fehlen in vielen Gegenden noch immer.

Kommentare

46 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Altbewährtes...

evtl. ist das 100/0 oder 0/100 Modell ja gar nicht so schlecht.
Dass dies nicht sonderlich Wirtschaftskonform ist ist klar, da ja nur 50% arbeiten und die immer noch so viel Geld brauchen, damit 100%+Kinder leben können.
Aber wenn es sozial akzeptiert wäre und der Staat weiter ermöglichen würde? Dann könnte dies evtl. für die eigene Work-Life-Ballance und für das Kindeswohl eine alternative sein, die gar nicht so schlecht ist.