Seit einigen Wochen berichte ich hier, wie mein Freund und ich uns Kinderbetreuung und Haushalt nach dem Prinzip 50/50 teilen. Seither entspinnt sich eine lebhafte und auch notwendige Debatte über das Für und Wider unseres Modells. Was mir aber doch merkwürdig vorkommt: Es geht in der Diskussion fast ausschließlich darum, wie sehr mein Freund mich in der mir von Geschlechts wegen zugeschriebenen Rolle als Hausfrau und Mutter entlastet. Dass auch ich ihn in seiner Verantwortung als "männlicher Brotverdiener" entlaste, indem ich mindestens 50 Prozent zum gemeinsamen Einkommen beitrage, scheint kaum jemandem positiv aufzufallen. 

Dabei lastet die Verantwortung, allein für Frau und Kind zu sorgen, bei einem traditionellen Familienmodell schwer auf dem Rücken junger Väter. Die Auswertung einer Langzeitstudie mit 12.000 Teilnehmern aus Deutschland ergab, dass der Druck, die erhöhten Unterhaltskosten für ein Kind zu verdienen, vor allem auf den männlichen Partnern lastet. Viele Väter schieben Überstunden, kaum ist ihr Kind auf der Welt. Eine Studie aus den USA ermittelte, dass der Druck, plötzlich für das Einkommen mehrerer Personen verantwortlich zu sein, bei jedem zehnten Vater sogar postnatale Depressionen auslöst, eine psychische Erkrankung, unter der vor allem jungen Mütter leiden.

Diesen Druck spürt mein Freund nicht, weil ich genau so viel zum Familieneinkommen beitrage wie er. Er ist freier und flexibler in seinen beruflichen Entscheidungen als jemand, von dessen Gehalt alles abhängt. Nur des Geldes wegen muss er keinen Job annehmen oder behalten, den er gar nicht machen will. Für mich wiederum bedeutet unser Deal genau das auch andersherum: Ich kann nicht ausschließlich meinen Vorlieben nachgehen und nehme auch Jobs an, die mir weniger zusagen, weil sie gut bezahlt sind.

Wichtig ist uns die langfristige Perspektive. Wir wollen beide nicht den Rest unseres Arbeitslebens in Teilzeit verbringen. Denn bislang bieten nur wenige Arbeitgeber interessante und vielseitige Teilzeitstellen an und auf Dauer wäre uns auch das Einkommen zu gering. Es geht vielmehr darum, die Zeit, in der unser Sohn sehr klein ist, gemeinsam zu gestalten und gleichzeitig beruflich nicht den Anschluss zu verlieren. Im Verhältnis zur gesamten Erwerbsbiographie ist die Phase, in der ein Kind rund um die Uhr betreut werden muss, nämlich ziemlich kurz. Natürlich sind die ersten Jahre sehr anstrengend, aber deswegen packen wir es gemeinsam an. Danach können wir im Beruf immer noch viel erreichen.

Wir wissen natürlich nicht, ob diese Rechnung aufgehen wird. Das wissen Paare mit traditioneller Rollenverteilung, in der die Frau mehrere Jahre lang aus ihrem Beruf aussteigt, aber auch nicht. Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit kann jeden treffen – und dann ist es wahrscheinlich besser, wenn der Partner einspringen kann.

Zeitweise bedrückt uns beide das Gefühl, in einer Warteschleife zu hängen, in der wir beruflich zwar keine Rückschritte, aber auch keine großen Fortschritte machen können. Auch können wir uns gerade keine Fernreisen, kein Auto und keine Eigentumswohnung leisten. Doch sonst kommen wir mit zwei halben Jobs gut zurecht. Der Fokus liegt momentan eben mehr auf dem Familienleben. Auch schön. Und wir müssen kein Geld für Babysitter oder Putzfrau ausgeben.