Gleichberechtigung : Zwei halbe Jobs sind besser als ein ganzer

Die Arbeitsteilung in einer 50/50-Beziehung ist keine Einbahnstraße. Wenn Frauen 50 Prozent zum Einkommen beitragen, profitieren beide Partner und das Kind.

Seit einigen Wochen berichte ich hier, wie mein Freund und ich uns Kinderbetreuung und Haushalt nach dem Prinzip 50/50 teilen. Seither entspinnt sich eine lebhafte und auch notwendige Debatte über das Für und Wider unseres Modells. Was mir aber doch merkwürdig vorkommt: Es geht in der Diskussion fast ausschließlich darum, wie sehr mein Freund mich in der mir von Geschlechts wegen zugeschriebenen Rolle als Hausfrau und Mutter entlastet. Dass auch ich ihn in seiner Verantwortung als "männlicher Brotverdiener" entlaste, indem ich mindestens 50 Prozent zum gemeinsamen Einkommen beitrage, scheint kaum jemandem positiv aufzufallen. 

Dabei lastet die Verantwortung, allein für Frau und Kind zu sorgen, bei einem traditionellen Familienmodell schwer auf dem Rücken junger Väter. Die Auswertung einer Langzeitstudie mit 12.000 Teilnehmern aus Deutschland ergab, dass der Druck, die erhöhten Unterhaltskosten für ein Kind zu verdienen, vor allem auf den männlichen Partnern lastet. Viele Väter schieben Überstunden, kaum ist ihr Kind auf der Welt. Eine Studie aus den USA ermittelte, dass der Druck, plötzlich für das Einkommen mehrerer Personen verantwortlich zu sein, bei jedem zehnten Vater sogar postnatale Depressionen auslöst, eine psychische Erkrankung, unter der vor allem jungen Mütter leiden.

Diesen Druck spürt mein Freund nicht, weil ich genau so viel zum Familieneinkommen beitrage wie er. Er ist freier und flexibler in seinen beruflichen Entscheidungen als jemand, von dessen Gehalt alles abhängt. Nur des Geldes wegen muss er keinen Job annehmen oder behalten, den er gar nicht machen will. Für mich wiederum bedeutet unser Deal genau das auch andersherum: Ich kann nicht ausschließlich meinen Vorlieben nachgehen und nehme auch Jobs an, die mir weniger zusagen, weil sie gut bezahlt sind.

Stefanie Lohaus

Stefanie Lohaus ist Herausgeberin des Missy Magazines und arbeitet als Redakteurin, freie Journalistin sowie Medienentwicklerin. Sie lebt mit Partner und Kind in Berlin.

Wichtig ist uns die langfristige Perspektive. Wir wollen beide nicht den Rest unseres Arbeitslebens in Teilzeit verbringen. Denn bislang bieten nur wenige Arbeitgeber interessante und vielseitige Teilzeitstellen an und auf Dauer wäre uns auch das Einkommen zu gering. Es geht vielmehr darum, die Zeit, in der unser Sohn sehr klein ist, gemeinsam zu gestalten und gleichzeitig beruflich nicht den Anschluss zu verlieren. Im Verhältnis zur gesamten Erwerbsbiographie ist die Phase, in der ein Kind rund um die Uhr betreut werden muss, nämlich ziemlich kurz. Natürlich sind die ersten Jahre sehr anstrengend, aber deswegen packen wir es gemeinsam an. Danach können wir im Beruf immer noch viel erreichen.

Wir wissen natürlich nicht, ob diese Rechnung aufgehen wird. Das wissen Paare mit traditioneller Rollenverteilung, in der die Frau mehrere Jahre lang aus ihrem Beruf aussteigt, aber auch nicht. Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit kann jeden treffen – und dann ist es wahrscheinlich besser, wenn der Partner einspringen kann.

Zeitweise bedrückt uns beide das Gefühl, in einer Warteschleife zu hängen, in der wir beruflich zwar keine Rückschritte, aber auch keine großen Fortschritte machen können. Auch können wir uns gerade keine Fernreisen, kein Auto und keine Eigentumswohnung leisten. Doch sonst kommen wir mit zwei halben Jobs gut zurecht. Der Fokus liegt momentan eben mehr auf dem Familienleben. Auch schön. Und wir müssen kein Geld für Babysitter oder Putzfrau ausgeben.

Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Pragmatismus ist auch so ein 'ismus'...

...und damit natürlich eine ganz gefährliche Sache. Und die Gewinnmaximierung erst...da zeigt sich doch der böse Kapitalist im häuslichen Wohnzimmer, wenn er (oder sie) an sowas denkt.
Ihre Experimentierfreudigkeit in allen Ehren, aber sehen Sie nicht, dass Ihr Modell ausgesprochen blauäugig, ja, sogar verantwortungslos ist? Sofern ein spürbarer Gehaltsunterschied zwischen den Partnern besteht und das Einkommensniveau des Einkommensschwächeren nicht ohnehin schon so hoch ist, dass ein guter Lebensstandard für die Familie gehalten werden kann, bedeutet Ihr Vorschlag finanzielles Abrutschen. Verantwortungsvolle Eltern werden das nicht in Kauf nehmen. (Das hat mit dem Modell der Autorin des Artikels nun nichts zu tun, sondern bezieht sich rein auf den Kommentar).
Und wenn Eltern es doch tun? Auf's Geld verzichten zum Wohle des Erprobens eigener Talente? Nicht zum Wohle des KIndes wohlgemerkt, denn um selbiges ging es ja in Ihrem Kommentar nicht so sehr. Leben sie dann geistig erfüllt in Armut? Oder laufen zum Amt? Oder bereuen einfach nur bitterlich ihre Spinnereien?
Anbei...so ein Kind ist idealiter kein Versuchsobjekt...sprich...es ist nicht dazu da, dass ein Mann seine verborgenen Talente als Erzieher entdeckt. Die wird er ohnehin bemühen müssen, wannimmer er mit seinem Kind kommuniziert. Es geht nicht um's Ausprobieren, das ist die Realität, kein Experiment. Es geht darum, am Ende des Tages möglichst viel richtig gemacht zu haben.