Blog "40 Days of Dating"Versuchsanordnung der Liebe

Zwei New Yorker erzählen auf der Website "40 Days of Dating" mit Witz und spielerischem Design vom Versuch, sich zu verlieben. Am Ende bleibt die Frage: Kriegen die sich? von 

Kann aus Freundschaft Liebe werden? Die beiden Grafikdesigner Jessica Walsh und Timothy Goodman

Kann aus Freundschaft Liebe werden? Die beiden Grafikdesigner Jessica Walsh und Timothy Goodman  |  © Santiago Carrasquilla & Joe Hollier

Ob nun alles erledigt sei, will Jessica wissen und macht sich zum Sprung bereit. Timothy nickt: Ja, es ist erledigt. Vorbei. Die beiden, die für die meisten Zuschauer längst zu Jess und Tim geworden sind, haben gerade noch von ihrem Wochenende in Disney World erzählt, von Streit und Tränen, sie haben auch gelacht, und nun stehen sie auf und gehen. Sie nach links, er nach rechts. Das Ende einer Liebe?

Das am Freitag veröffentlichte Video, in dem sich die beiden jungen New Yorker noch einmal gegenüber sitzen, ist zumindest Teil des vorerst letzten Eintrages auf der Internetseite Forty Days of Dating. Und es ist damit der Schlusspunkt eines in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Experimentes darüber, was das heute eigentlich sein könnte, die Liebe.

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Denn davon haben Timothy Goodman, der ständig neue Frauen trifft und sich auf keine Beziehung ernsthafter einlassen kann, und Jessica Walsh, die dazu neigt, sich schnell sehr fest an einen neuen Partner zu binden, vollkommen unterschiedliche Vorstellungen. Dass bisher keiner der beiden wirklich glücklich geworden ist mit seinem Lebens- und Liebesentwurf, haben sich die befreundeten Grafikdesigner über Jahre hinweg erzählt. Nun wollten sie es miteinander probieren.

Im Frühjahr 2013, als beide mal wieder zur gleichen Zeit Single waren, kam Timothy und Jessica die Idee zu ihrem Projekt: Sie sehen sich 40 Tage lang jeden Tag, reden und unternehmen Pärchendinge, verabreden sich in der Zwischenzeit nicht mit anderen Männern oder Frauen, gehen ein Mal pro Woche zu einer Paartherapeutin und dokumentieren das einige Monate später, Tag für Tag, auf einer Website, alles aufgearbeitet mit viel Liebe zur Gestaltung.

Das Ergebnis dieser Versuchsanordnung konnte jeder in den vergangenen Wochen online verfolgen, eine anrührende Fortsetzungsgeschichte, deren Form angesiedelt ist irgendwo im Grenzbereich zwischen Fernsehserien wie New Girl oder Girls, MTVs Reality-TV-Klassiker The Real World und einem Fortsetzungsroman von Miranda July, der im New Yorker Hipster-Universum spielt.

Banale Fragen und ein doppelter Blick

Erzählt wird die Geschichte einer Annäherung auf Forty Days of Dating, indem Timothy und Jessica jeden Tag denselben Fragenkatalog beantworten. Habt ihr euch gesehen, ist etwas Besonderes passiert, hast du etwas über dich oder den anderen gelernt, wie siehst du das Projekt, solche Dinge. Banale Fragen vielleicht, die die beiden Protagonisten aber mit Witz, Erzähltalent und Beobachtungsgabe jeweils aus ihrer Sicht beantworten und mit phantastisch verspielten Illustrationen, Fotos und Videos anreichern. So entsteht ein doppelter Blick, bei dem sich die Perspektiven in vielen Situationen äußerst unterhaltsam unterscheiden. Späteinsteiger sollten das unbedingt chronologisch lesen.

Dank ihrer Mischung aus Design und Drama entwickelte die Seite über die vergangenen Wochen eine derartige Sogwirkung, dass das Ende der Geschichte von Guardian bis Washington Post ein Echo findet. Über die 40 Tage, in denen das Projekt zwischendurch auch kurz vor dem Aus steht, entfalten sich Familiengeschichten und individuelle Psychologien, die ehrlich sind, wo fiktionale Soaps und Liebeskomödien nur alte Klischees zementieren.

Freunde treten auf, die vor dem Experiment warnen, Timothy und Jessica nähern sich an, und natürlich geht es neben der Analyse des modernen großstädtischen Paarungsverhaltens auch darum, ob, wann und wie die beiden sich denn nun kriegen. Und ob das gut ausgeht, wenn sie zum romantischen Ausflug, ja tatsächlich ganz typisch amerikanisch, ins Disney World fliegen.

Nun ist in Liebesdingen schwer zu bestimmen, was am Ende gut ist, und es soll auch nicht zu viel verraten werden, nur dies: Die Geschichte geht aus, und zwar auf eine Weise, die den Wunsch hinterlässt, es möge hier bitteschön nichts erledigt sein und von Jess und Tim unbedingt die nächste Staffel, das nächste Kapitel oder der nächste Fragebogen folgen. Einige Menschen haben sich hier tatsächlich verliebt.

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Leserkommentare
  1. Ich hätte es ja schöner gefunden, wenn dieses Experiment nicht gerade der New Yorker Top-Designerszene entsprungen wäre. "Jessica" ist nämlich nicht irgendeine Grafikdesignerin, sondern die Geschäftspartnerin von Stefan Sagmeister und somit ziemlich weit oben in der Branche. Als die beiden die gemeinsame Firma verkündeten, haben sie sich nackt fotografieren lassen. Sie wissen, wie man PR macht.

    So schön die Idee im Kern ist, mir kommt dieses gesamte Projekt von Anfang an so vor wie eine sehr ausgeklügelte PR-Arbeit zweier Designer. Die vom Autor gelobte "Liebe zur Gestaltung" hat einen klaren Nutzen: Das nicht nur die Startseite wie ein Portfolio aussieht, sondern auch die einzelnen Tage sind durch jede Menge Grafikdesign und Videos "aufgepeppt". Die Story wirkt für mich wie ein Vehikel, um die Produkte an den Mann zu bringen.

    Mit ihrem Netzwerk können Walsh und Goodman natürlich auch eine entsprechende Aufmerksamkeit generieren. Die ganzen Artikel beweisen es ja.

    2 Leserempfehlungen
    • NinaG
    • 07. September 2013 19:03 Uhr

    # Ist es plausibel, dass dieses "Experiment" echt ist?

    Ja. Beide Protagonisten sind tief in der Werbebranche verankert. Sowohl die beschriebenen Denkweisen, als auch die Art der Veröffentlichung halte ich daher für glaubhaft. Die Blogs vieler anderer Designer/Werber sind genauso ästhetisch ansprechend gestaltet und multimedial angereichert - auch und oft besonders wenn sie privater Natur sind. Ebenso kenne ich die Branche gut genug um zu wissen, dass es denkbar wäre, dass diese Leute auf die Idee zum Experiment gekommen sind und das Ergebnis veröffentlicht haben.

    # Ist es plausibel, dass dieses "Experiment" nicht echt ist?

    Ja. Es wäre durchaus vorstellbar, dass dies ein Werbegag, eine Masche zum Image-Ausbau, oder sogar eine Art Pitch-Teilnahme nach dem Motto "schaut, wie viel Aufmerksamkeit wir mit einem Blog erregen" oder "schaut wie glaubhaft wir eine fiktive Story darstellen können" ist.

    # Ist das für den Leser wirklich relevant?

    Für mich zumindest nicht. Da ich beide Personen nicht persönlich kenne, ist es schlussendlich irrelevant, ob die Sache fiktiv oder real ist. Wichtig ist für mich, dass mich das Blog über Stunden hinweg gut unterhalten hat, teilweise zum Nachdenken brachte, mich amüsierte und traurig machte. Diesen Zweck hat es erfüllt und somit bedanke ich mich bei den Machern, völlig unabhängig vom Hintergrund.

  2. Dies sind drei sehr unterschiedliche Dinge. Liebe geht jedenfalls nicht ohne Selbstlosigkeit. Dies wurde evtl. in der "Versuchsanordnung" vergessen.

  3. Danke für die Hintergrundinformationen. Leider gehen Sie auf die Frage "Kriegen die sich" nicht ein und darum geht es doch, hier, wie im real life, oder?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Liebe | Blog | Design | Single
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