Frauen und Männer im Londoner Serpentine Lido im Jahr 1955 © Hulton Archive/Getty Images

Wenn man durch die Straßen geht, kann man sich schon wundern. Wie verbissen und ernst die meisten Menschen aussehen. Macht das Leben so wenig Spaß? Wenn mal jemand lacht, dann ist es meist ein Betrunkener oder ein Kind. Dabei sind viele Dinge, die Spaß machen, für Kinder ja gar nicht verfügbar. Alkohol. Literatur. Oder Sex.

Was genauso merkwürdig ist: Man hört ständig von diesen rührenden Paaren, die zusammen alt geworden sind und nebeneinander auf der Parkbank sitzen und Händchen halten. Nur mit eigenen Augen gesehen hat man diese älteren Paare noch selten. Stattdessen beobachtet man häufig folgende Szene: Sie treibt ihn vor sich her durch den Supermarkt, nörgelt und schimpft und fährt ihm scheinbar unabsichtlich immer wieder mit dem Einkaufswagen von hinten in die Kniekehlen. Keine Spur von Dankbarkeit, trotz der vielen, gemeinsam verbrachten Jahre.

Und schließlich eine dritte Beobachtung, die nicht weniger nachdenklich stimmt: Sie weint sich die Augen aus, weil er schon wieder so ein Hund gewesen ist. War mit einer anderen im Bett, hat Pornos geschaut, mit der Nachbarin geflirtet, was auch immer. Der Chor der Freundinnen: "Männer sind Schweine." Der Chor der Freunde: "Was soll er denn machen, wenn in der Beziehung schon seit Jahren nichts mehr läuft, er ist doch auch nur ein Mensch!"

Drei Szenarien, und nun endlich: eine Erklärung!

Das Buch Die versteckte Lust der Frauen widmet sich der bestürzenden Erkenntnis, dass Frauen in festen Beziehungen innerhalb relativ kurzer Zeit das sexuelle Interesse an ihrem Partner verlieren. Das sei völlig normal und wissenschaftlich erwiesen, schreibt der New-York-Times-Journalist Daniel Bergner in seinem nun auf deutsch erschienenen Buch. Während Männer ihre Partnerin auch nach Jahrzehnten noch sexy finden könnten, erkalteten Frauen in der Regel nach 24 bis 36 Monaten. Neuere Studien zum Sexualverhalten, auch von deutschen Wissenschaftlern, stützen Bergners These. Der Verlust der Lust in Zweierbeziehungen scheint empirisch belegt sowohl für junge Frauen im Studentenalter als auch für Frauen zwischen 30 und 45. 

Bergner untermauert diese Studien mit zahlreichen Interviews mit Psychologen, Psychotherapeuten, Primatenforschern. Die Quintessenz seiner Gespräche lautet: Frauen haben kein sonderliches Talent zur Monogamie, deutlich weniger als Männer jedenfalls. Aus gesellschaftlicher Konvention und sittlicher Erziehung heraus blieben Frauen in westlichen Gesellschaften aber trotzdem weiter in der Beziehung. In den USA wurden diese Thesen nach Erscheinen des Buches im Mai vergangenen Jahres bereits breit debattiert.   

Eine einzige große Umerziehungsmaßnahme?

Denn folgt man Bergners Überlegungen, leben massenhaft Frauen monogam, obwohl sie keine Lust mehr auf Sex mit dem betreffenden Langzeitpartner haben. Da ist Frust auf beiden Seiten natürlich zwangsläufig. Weil sexarme Beziehungen zudem mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt sind – gilt doch ein lustbetontes und sexuell befreites Leben als das Ideal der Zeit –, haben Menschen in Zweierbeziehungen eine Menge miteinander auszumachen. Auch Hollywood und Weltliteratur erzählen eine völlig andere Geschichte. Dass alles gut wird und gut bleibt, hat man die große Liebe erst gefunden. Von einem Leben der giftigen Mischung aus Missverständnissen, Schuldgefühlen und Zurückweisungen, die damit einhergehen können, ist da selten die Rede.

Dass Männer schon länger etwas in der Art geahnt haben könnten, darauf weisen die ganzen Kultur- oder eher Unkulturtechniken hin, die sich über die Jahrhunderte rund um die Stellung der Frau entwickelt haben. Verschleierung, die männliche Erbfolge, Genitalverstümmelung – das alles könnte im Licht der Erkenntnisse der Versteckten Lust der Frauen als Versuch gelesen werden, Frauen davon abzuhalten, sich einem neuen Partner zuzuwenden. 

Dabei sind monogame Gesellschaftsmodelle weltweit betrachtet in der absoluten Minderheit: 560 Gesellschaftsformen zählt der Atlas der Weltkulturen, nur klägliche 17 setzen auf die Zweiernummer. Und nun, da Frauen mehr und mehr in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sind sie es auch, die sich weitaus häufiger von ihren Männern trennen als umgekehrt. 

Im Licht von Bergners Buch betrachtet scheint unser westliches Lebensmodell einen schweren Konstruktionsfehler aufzuweisen. Er könnte Mitschuld haben an zumindest einem Teil der muffigen Gesichter und eingefahrenen Kniekehlen da draußen. Aber wird sich daran in absehbarer Zukunft etwas ändern?      

Vermutlich nicht. Es gibt Kräfte, die stärker sind als die Lust auf Sex und Abwechslung. Sie heißen Sofa, Kita-Platz und Ehegattensplitting. Wie zum Beispiel sollte man das hinbekommen mit dem Kinder kriegen, wenn Mutti alle zwei Jahre den Partner wechselt? Das klingt viel zu anstrengend. Oder nach Totalumbau.