Seit Woody Allen wissen wir, dass die moderne Liebe nur so lange hält, wie Neurose und Leidenschaft sie lassen. Der Anbruch des Frühlings ist eine besonders kritische Zeit. Einigen Prominenten kam gerade Neurose oder Leidenschaft dazwischen, François Hollande etwa und Heidi Klum. Man kennt das ja.

Nun müsste uns ein Liebesaus oder ein Partnerwechsel ja eigentlich nicht aufs Gemüt schlagen. Wir könnten mit dem fluiden Zustand der Liebe im 21. Jahrhundert ganz einverstanden sein. Wie die neue Arbeitswelt prägen Flexibilität und das Ja zum Neuanfang auch die Beziehungswelt. Wir könnten endlich mit dem Lebensabschnittsgefährten, diesem hölzernen Wort aus den Neunzigern, unseren Frieden machen. Ist doch auch besser so, um die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung in Beruf und Privatleben voll auszuschöpfen. Warum sprechen wir nicht so über die Liebe: Susanne, Du warst eine spannende Herausforderung, ich habe viel gelernt, aber ich möchte mich für die Zukunft neu orientieren. Oder: Schatz, ich nehme ein Sabbatical von uns.

Was dagegen spricht? Dass wir dringend den Partner fürs Leben suchen. Alles andere ist schon so flüchtig, komplex und unsicher. Von Platon stammt die Idee mit dem Kugelmenschen, der von den Göttern in zwei Teile getrennt dazu verdammt ist, sein Leben lang seine verlorene zweite Hälfte zu finden. Und bei den Eltern hat es doch auch geklappt mit der lebenslangen Liebe, oder zumindest bei Oma und Opa. Die Hoffnung auf ein Für-Immer ist so groß, dass allen Scheidungsquoten zum Trotz opulent geheiratet wird und die Anzahl der Mitglieder von Dating-Apps explodiert. Wir wollen das perfect match, obwohl wir wissen, dass nur Märchen auf den Satz enden: Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Wir wollen perfekte Abhängigkeit

"I was feeling insecure, you might not love me anymore." Seit John Lennon 1971 diese Zeile sang, hat sich nicht viel getan. Dass wir unser Seelenheil von den Gefühlen eines einzigen Menschen abhängig machen, ist, wenn wir ehrlich sind, eigentlich nicht mehr ganz zeitgemäß. In allen Lebensbelangen drängt das Ich nach Emanzipation, von den Eltern, der Festanstellung, den Essgewohnheiten, sogar von uns selbst wollen wir uns befreien bei der Meditation und im Schweigekloster. Nur in der romantischen Liebe richtet sich unser Optimierungswille nicht auf Befreiung. Was wir wollen, ist die perfekte Abhängigkeit. Einen Menschen, der uns vervollständigt.

Der Soziologe Niklas Luhmann hält Liebe nicht für ein Gefühl, sie sei ein Medium. Der Kommunikationscode Liebe gibt die Regeln vor, nach denen man Gefühle entwickeln und ausdrücken, simulieren und anderen unterstellen kann. Liebe ist laut Luhmann ein Verhaltensmodell, das man schon beherrscht, bevor man es je am eigenen Leib erfahren hat. Weil wir von Kindheit an Liebe lernen. Von den Eltern natürlich. Aber auch und vor allem von Filmen, Liedern und Romanen. Das kitschige, melancholische oder übersteigerte Liebesideal von Dirty Dancing, Morrissey und Anna Karenina hat sich in unseren Kommunikationscode eingeschrieben.

Fest verankert in unseren Köpfen hält aber vor allem ein bestimmtes Bild der romantischen Liebe uns davon ab, uns in die Strömung zu werfen und uns neue, zeitgemäßere Ideale zu suchen: Es ist die Sehnsucht nach dem Jennifer-Aniston-Moment auf der Brooklyn Bridge, nach dem Heiratsantrag am Ufer der Seine After Midnight oder gern auch Before Sunrise.