| Politikerinnen-Porträts

Kennen wir uns?

Die Bundeskanzlerin bewirbt sich um eine dritte Amtszeit, Frauen prägen in allen Parteien den Wahlkampf. Doch Raum für Weiblichkeit ist an der Spitze wenig. Stil und Schönheit gelten in Deutschland als verdächtig. Der Fotograf Joachim Baldauf hat für ZEIT ONLINE elf deutschen Spitzenpolitikerinnen für einen kurzen Moment ihre Funktion entzogen.

Idee und Text: Maria Exner

Renate Künast, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Renate Künast, 57, Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Bündnis 90/Die Grünen

Bluse: privat

Diese Bluse mit dem steifen Kragen ist sehr typisch für Sie.

Stimmt. In Gebärdensprache werden die Namen bekannter Personen mit nur einer bestimmten Geste dargestellt. Wissen Sie, wie die Geste für Renate Künast aussieht? So!

Sahra Wagenknecht, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Sahra Wagenknecht, 44, stellvertretende Bundesvorsitzende, Die Linke

Top von Escada

Warum tragen Sie die Haare so selten offen?

Weil mir meine Frisur mit den hochgesteckten Haaren gefällt. Und weil ich im normalen Politalltag auch einfach keine Zeit habe, meine Haare aufwendig in Form zu föhnen. Privat trage ich sie manchmal offen, aber wenn es gut aussehen soll, ist das ein ziemlicher Aufwand.

Ursula von der Leyen, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Ursula von der Leyen, 54, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, CDU

Bluse von Schumacher

Welche Debatten über Frauen in Spitzenpositionen würden Sie gern abschaffen?

Die Debatte, ob Frauen Spitzenjobs überhaupt wirklich wollen, ist absurd. Viele Männer wollen ebenfalls keine Topmanager sein, trotzdem muss sich kein Mann rechtfertigen, wenn er Karriere machen will.

Katrin Göring-Eckardt, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Katrin Göring-Eckardt, 47, Bundestagsvizepräsidentin und Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013, Bündnis 90 / Die Grünen

Bluse von Tiger of Sweden

Woher haben Sie das Armband mit den kleinen Heiligenbildchen?

Es ist ein kleines Geschenk eines Zeitungsverkäufers im Urlaub. Es soll mich beschützen.

Katharina Nocun, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Katharina Nocun, 27, politische Geschäftsführerin, Piratenpartei

Kleid von Escada

Wie wollen Sie fotografiert werden, lieber ernst oder lieber lächelnd?

Lieber ernst. Ich lächle eigentlich nie auf Fotos.

Katja Kipping, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Katja Kipping, 35, Bundesvorsitzende und Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013, Die Linke

Outfit: privat

Was würde Die Linke sagen, wenn Sie die Haarfarbe wechseln würden? Zu Schwarz?

Schwarz passt nicht zu meinem Teint. Bei solchen Fragen konsultiere ich auch lieber meine Freundinnen oder meine WG.

Manuela Schwesig, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Manuela Schwesig, 39, Arbeitsministerin in Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende Bundesvorsitzende, SPD

Top von Escada

Was ärgert Sie an der Wahrnehmung von Frauen in der Politik?

Bei einem Fototermin wurde ich mal gebeten, auf die Charakterisierung jung, hübsch, ostdeutsch zu reagieren. Da habe ich mir einen Eimer über den Kopf gezogen. Aber noch mehr ärgert es mich, wenn ich von Männern gefragt werde: Wer kümmert sich eigentlich gerade um Ihr Kind?

Ilse Aigner, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Ilse Aigner, 48, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, CSU

Outfit: privat

Welchen Vorteil haben Sie als Bayerin im politischen Berlin?

Ich kann herrlich auf Bayrisch schimpfen – außer mir versteht das ja keiner.

Wie antworten Sie auf ein anzügliches Kompliment?

Verheb di ned!

Julia Klöckner, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Julia Klöckner, 40, stellvertretende Bundesvorsitzende, CDU

Outfit: privat

Einmal Weinkönigin – immer Weinkönigin?

Deutsche Weinkönigin ist man nur für ein Jahr. Und bei mir ist das schon 17 Jahre her. Im Ernst: Eng verbunden mit dem Titel sind Eigenschaften wie Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit. Die sind geblieben. Auch mein Faible für den Wein.

Andrea Nahles, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Andrea Nahles, 43, Generalsekretärin der SPD

Outfit: privat

Würden Sie für unser Porträt die Brille abnehmen?

Leute, nein, das geht leider nicht. Ich mag mich zwar auch ohne Brille, aber dann erkennt mich ja keiner wieder.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, fotografiert von Joachim Baldauf für ZEIT ONLINE

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 62, Bundesministerin der Justiz, FDP

Outfit: privat

Bei welcher Beschäftigung sehen Sie so entspannt aus wie auf unserem Porträt?

Frühmorgens beim Schwimmen oder beim Wandern in den Bergen. Da kann ich so richtig abschalten und den Kopf freikriegen.

Guck doch mal hin

Von Maria Exner

Mode und Stil als Ausdruck eines persönlichen Geschmacks gelten in Deutschland als verdächtig. Wenn das Wort Schönheit fällt, gerät sofort die Glaubwürdigkeit in Gefahr. Nicht auszudenken die Reaktion, wenn sich hierzulande eine Spitzenmanagerin in der Vogue in Model-Pose zeigen würde, wie kürzlich die Yahoo-Chefin Marissa Mayer in den USA. Nur im Anzug, in der Uniform des arbeitenden Mannes, und im artig knielangen Business-Kostüm wähnen sich Frauen in Führungspositionen sicher vor Angriffen.

Wie schwer es ist, als Frau in der deutschen Öffentlichkeit zu agieren, zeigt nicht zuletzt die häufig despektierliche Berichterstattung über Kleidung und Frisur von Spitzenpolitikerinnen. Wenn Angela Merkel zu einer Opernpremiere ein ausgeschnittenes Kleid trägt, Ursula von der Leyen sich die blonden Zöpfe abschneidet, Claudia Roth wallende Ballonröcke und Sahra Wagenknecht eine Kette am schwarzen Samtband trägt, wird das im Boulevard begackert und in den seriösen Medien kommentiert. Wie anders könnten sie agieren, wäre ihre Weiblichkeit ihnen Stärke statt Schwäche, die sie jederzeit angreifbar macht.

Dabei sind Politikerinnen Beispiele für Frauen in Führungspositionen, die Deutschland braucht, um das Versprechen der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau einzulösen. Nie zuvor war ein Wahlkampf so stark von Frauen geprägt. Zurzeit regieren eine Bundeskanzlerin, vier Ministerinnen und vier Ministerpräsidentinnen, drei große Parteien treten mit einer Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl an. Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Ilse Aigner, Kristina Schröder, Andrea Nahles, Katrin Göring-Eckardt, Katja Kipping. Sie alle sind Ausnahme und Regel zugleich: Ausnahme, weil in Deutschland im Durchschnitt weniger als ein Viertel der Führungspositionen von Frauen besetzt wird, bei Firmen mit mehr als 100 Mitarbeitern sind es sogar nur zehn Prozent. Die Regel, weil dank der Frauenquote der Grünen, Linken und der SPD und dem Quorum der CDU heute jede dritte Abgeordnete im Bundestag eine Frau ist.

Warum funktioniert in der Berufspolitik, wogegen sich die Wirtschaft sträubt? Warum fordern junge Frauen in Deutschland nicht vehement ein, was Renate und Ursula und Sabine haben: Einfluss, Erfolg und Anerkennung?

Gleichberechtigung spielt trotz all der Wahlkämpferinnen in der öffentlichen Debatte keine Rolle

Kurz bevor der Wahlkampf so richtig losging, da sprachen Politikinsider bei Sommerfesten im Berliner Regierungsviertel vom Frauenthema, das ab jetzt die politische Auseinandersetzung bestimmen würde. Das Frauenthema sei das einzige, zu dem Angela Merkel und die CDU wirklich noch Position beziehen wollten, denn unter den unentschiedenen Wählerinnen gäbe es Stimmen zu gewinnen. Doch die Auseinandersetzung darüber, wie Frauen zu ihrem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben kommen, wie Kinder und Karriere unter einen Hut gebracht, der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern ausgemerzt, der Anteil weiblichen Führungspersonals erhöht werden kann, blieb aus. Gleichberechtigung spielt trotz all der Wahlkämpferinnen in der öffentlichen Debatte keine Rolle.

Man kann sagen, dass es falsch verstandener Feminismus sei, zu glauben, eine Frau müsse sich auch für Frauen einsetzen. Ilse Aigner tut gut daran, sich um die deutsche Landwirtschaft zu kümmern und Andrea Nahles ist eine Managerin, die für ihre Partei in allen Strömungen Stimmen fängt. Gerade die Ministerinnen in den Ressorts Arbeit und Justiz und eine Bundeskanzlerin beweisen, dass Frauen über die ihnen einst zugeschriebenen weiblichen Kompetenzen hinausgewachsen sind.

Der neutrale Blick auf die Funktion hat allerdings eine Kehrseite. Hinter der Position im politischen Apparat bleibt die Frau unsichtbar. Sie macht einfach ihren Job – ebenso gut wie ein Mann. Und könnte folglich auch gleich einer sein. Die Missachtung des Eigenen – Stil, Schmuck, Haare, Mode – sind der Preis, den Politikerinnen zahlen. Denn wenn sie oben angekommen sind, dürfen sie kaum noch Frau sein.

Der Fotograf Joachim Baldauf hat in seinen Porträts für ZEIT ONLINE elf deutschen Spitzenpolitikerinnen für einen kurzen Moment ihre Funktion entzogen. »Wir machen heute kein Politikerinnen-Porträt, sondern das Porträt einer Frau«, sagte er zu Ursula von der Leyen genauso wie zu Katharina Nocun. Dazu gehörte auch so wenig Make-up wie nötig, die Mode so klar wie möglich. Die Protagonistinnen ließen es zu und opferten diesem Projekt eine wertvolle Stunde Wahlkampfzeit.

Entstanden sind Bilder von elf Frauen zwischen 27 und 62, die Zielstrebigkeit und politisches Talent einen und Charakter und Überzeugungen trennen. Kraftvoll, fröhlich, entschlossen oder in sich gekehrt, bestätigen diese Porträts kein Klischee von Weiblichkeit. Sie bieten lediglich an, einmal hinter die politische Personalie zu blicken und Menschen zu treffen. Nahbar oder cool und gleichzeitig ein Symbol dessen, was für alle Frauen in Deutschland möglich sein sollte.