Es sollte der Anfang meiner großen Karriere werden. Ich wollte aufsteigen wie Phönix aus der Asche und endlich meinen vorbestimmten Platz unter den berühmten Freidenkern einnehmen. Am Tag des Vorstellungsgesprächs sollte sich eine Nische auftun zwischen den inthronisierten Ikonen wie Egon Erwin Kisch und Peter Scholl-Latour. Meine Zukunft strahlte mir entgegen wie ägyptisches Gold in der Sonne.

Der Grund des Übermuts: Das erste Praktikum bei einer renommierten deutschen Rundfunkanstalt Deutschlands war nur noch eine Stunde entfernt, die Startrampe in meine Medienkarriere nur noch ein Vorstellungsgespräch weit weg. Der erste Tag meines Arbeitslebens wäre die Startrampe in die Medienkarriere. Eine Hürde, die im eifrigen Vorüberziehen auf dem Weg zum Ziel genommen werden konnte. An der Abteilungstür prangten die beeindruckenden Worte "Bildung und Wissen" und ich fühlte mich prädestiniert für dieses Ressort. Meine aufkommende Anfänger-Euphorie paarte sich geradezu mit revolutionärem Idealismus.

Im Rückblick erkennt man schnell: Meine Visionen waren nichts als Selbstüberschätzung, die wohl größte Gabe der Jugend. Blind vor Eifer legte ich es darauf an, in diesem ersten Streckenabschnitt um jeden Preis zu brillieren. Das Motto lautete: Bildung einfach gemacht. Eine Woche zuvor kaufte ich alle denkbaren Zusammenfassungen von Romanen und philosophischen Traktaten, sozialwissenschaftlichen Abhandlungen, Lyrikbänden, Geschichtswerken. Neben dem Frühstücksteller lagen Zeitungen, die Neuigkeiten aus dem politischen Metier porträtierten, wirtschaftliche Zusammenhänge kommentierten sowie künstlerische Vorstellungen inszenierten. Trotzdem sollte ich auf dem Weg zu Ruhm und Ehre straucheln.

Denn einmal unter den strengen Augen des potenziellen Arbeitgebers Platz genommen, begann der gefürchtete Spießrutenlauf. Aus dem Chefsessel schossen die Fragen nach den vorangegangenen Tätigkeiten und beruflichen Stärken. Das aber eher en passant. Bald folgte die für die Tätigkeit in einem Wissenszentrum zentrale Frage: "Viel diskutiert und oft nichts dahinter – welche Werke zählen für sie zur Allgemeinbildung?"

Die Antwort schien so selbstverständlich wie die Frage. Im ersten Augenblick. Ich hatte ein Meer von Büchern überflogen, allerdings im Schnelldurchgang. Mein Selbstbewusstsein sagte mir, dass die elementaren Brocken aus den größten Meisterstücken wohl hängen geblieben sein müssten. Ich kannte sie eben alle. In der finalen Runde wollte ich eine besonders ausgefallene Antwort geben. Die Größe des Ruhmes brauchte ein starkes Fundament, einen bleibenden Eindruck eben. Ich begann aufzuzählen: Adorno und Aristoteles, Kant und Marx, Max Weber und Voltaire.