Roman Ernstbold mit Hirnriss

Frank Schulz wird von der Banalität der Verhältnisse in den Humor getrieben

Zehn Jahre sind es jetzt her, da erzählte ein fideler Schluckspecht namens Bodo Morten uns von seinen Skatfreunden aus der Hamburger Glucke. Von Heiner, Satschesatsche und von Kolk, dem Postboten, der seit seiner kurzen Affäre mit einer vampiresken Blondine entschieden zum Delirium tendierte. Auch führten Bodos Erzählwege häufig hinüber ins Alte Land, auf die "geliebte Geest", wo Kolk und er im selben Kuhdorf aufgewachsen sind. Und gewiss hätte dieser aus- und abschweifende Kauz noch mehr verzapft, wenn ihm nicht sein Autor nach 300 Seiten wohlweislich den Hahn abgedreht hätte. Kolks blonde Bräute hieß der hinreißende Debütroman, mit dem der 1957 in Hagen bei Stade geborene Frank Schulz seinerzeit die "Hagener Trilogie" eröffnete. Zehn Jahre später macht er mit dem nun vorliegenden Mittelteil ein ganz großes Fass auf. Allein schon nach Maßgabe des Umfangs (760 teils klein bedruckte Seiten) dürfte Morbus fonticuli das Opus magnum sein. Dass der Trilogiearbeiter von Anfang an weit Besseres im Sinn hatte, als einen flink und flott geschriebenen Dreier abzuliefern, ließ sich bereits dem leicht irreführend mit "Kneipenroman" etikettierten Erstling entnehmen. Die eigentliche, die besondere Qualität seines Prosaschaffens freilich entdeckt sich dem Leser so recht erst jetzt auf der langen und wohl längsten Strecke des Gesamtprojekts.

Frank Schulz ist ein Meister der Komik. Kein Pointen spuckender Witzbold, das nun am allerwenigsten, sondern eher schon ein witziger Ernstbold. Ein Realist, den die umwerfende Banalität der Verhältnisse in den Humor treibt. Um die Misere ins Komische zu wenden, zieht er alle Register seines Faches: Scherz, Satire, Ironie, Kalauer, Parodie, Nonsens et alia. Darüber hinaus hat er ein fledermausfeines Gehör für die Stillagen und Tonfälle der Alltagssprache. Entsprechend kann er Figuren aus der sprachlichen Wirklichkeit entstehen lassen, auf dass sie mit ihren grotesken Hervorbringungen und verbalen Peinlichkeiten sich derart lächerlich machen, dass man aua! schreien möchte. Entfernte Verwandte dieser Helden des gewöhnlichen Irrsinns finden sich in den frühen Romanen Eckhard Henscheids, von dessen Erzähltechnik der Kollege aus Hamburg einiges gelernt hat.

Auf seine bizarre Lautschrift des norddeutschen Platt, vordem noch seitenweise praktiziert, hat Schulz diesmal weitgehend verzichtet. Dafür aber hat Bodo Morten nun seinen großen Auftritt. Ging es im ersten Band vornehmlich um die Eskapaden Kolks, so darf unser Ich-Erzähler sich jetzt das eigene Katastrophenleben vor Augen führen. Zu diesem Zweck hat er von Herbst 94 bis Frühjahr 95 die erinnerungsaufwirbelnden Möglichkeiten des Alkohols konsequent genutzt und "drei geheime Notizbücher" verfasst. Sie bilden den Hauptteil des Romans und lassen den Leser darüber spekulieren, warum Bodo im Juni 95 zu einem Fall für die Nervenärzte wurde. So viel nämlich wissen wir aus seinen "Vorbemerkungen": Zehn schlimme Tage lang galt er als vermisst, bis seine Frau und die Hamburger Freunde ihn endlich in einem Waldstück bei Stade, nahe dem Dorf, "wo ich geboren bin", aufspüren konnten und anschließend gleich in die Geschlossene bringen mussten, weil der Arme angeblich an "Morbus fonticuli" litt - eine, wie er im Schlusskapitel fachmännisch expliziert, zivilisationsbedingte, von der Neuroendokrinologie bislang unerforschte "Fontanellenkrankheit". In abgeschwächter Form kennt sie jeder von uns. Es handelt sich, wir ahnten es, um den berühmten Sprung in der Schüssel (auch Macke, Tick oder Spleen genannt).

Der Schriftsteller hockt im Schnapsschädel

Das Herzstück der ausgeklügelten Textkonstruktion indes sind Bodos Notiz- respektive Tagebücher, die die Inkubationszeit seines Morbus fonticuli nicht nur mit Detailversessenheit und esprit gaulois rekapitulieren, sondern auch selbstkritisch kommentieren. Denn mit seinen 38 Lenzen ist dieser ewig angekratzte und in ständigem Kleinkrieg mit sich und seiner Umwelt lebende Nichtsnutz keineswegs so beschränkt, wie es scheint. Der da penibel seinen Tageskonsum an Fusel, Bier und Filterzigaretten vermerkt, hat es faustdick hinter den Ohren. Er weiß genau, was mit ihm los ist und woran er in Wirklichkeit leidet: Jahrelang nämlich hat er ein heimliches Doppelleben geführt.

Er war dem "spektakulären Hintern" von Bärbel, einer schwer durchtriebenen "Exfloristin", verfallen, und mit seinem Fimmel für "Bärbels Kulthintern" hat Bodo sich auf jede nur denkbare Weise in den Sumpf "gebärbelt": Studium verbummelt, als Lohnschreiber beim Hamburger Anzeigenblättchen Elbe Echo angefangen, sich zum Redaktionsleiter hochgeschlafen (Anzahl der Redakteure: 2), schließlich Rauswurf (weil Chefredakteur ohne Führerschein schlecht fürs Verlagsimage), arbeitslos gemeldet, noch mehr gezwitschert und weitergebärbelt. Das plötzliche Verschwinden unseres Helden koinzidiert natürlich nicht zufällig mit dem bevorstehenden Zusammenbruch seines "Paralleluniversums".

Das alles wird mit urwüchsiger Fabulierlust und hemmungsloser Direktheit, stets aus Sicht des präzise beobachtenden Protagonisten, sukzessive aufgefächert. Umso köstlicher darf sich amüsieren, wer rechts und links der Handlungsstränge die vielen kleinen Verweise und Anspielungen entdeckt, die Bodo in seine Aufzeichnungen streut. Wie er von Friedrich Theodor Vischer über Nietzsche, Nabokov bis Deleuze die Moderne gleichsam quer zitiert, dies zeugt schon von profunder Belesenheit. Wie er desgleichen Milieu und Schauplätze von Zeitungsredakteuren, Vorstadtprolls oder Schönheitsköniginnen ("Miss Süderelbe") bis ins Feinste auszuleuchten versteht, das wiederum zeigt, welche erstaunliche Imaginationskraft doch so ein "Morbus fonticuli" freizusetzen vermag.

Wenn unser vermeintlicher Nur-Tagebuchschreiber schließlich die Bemerkung fallen lässt, er werde noch enden "wie Fallada, Falleri und Fallera ..." - spätestens dann hat man begriffen, dass auch hier der Kalauer wieder tiefer saß. Denn in diesem schelmischen Schnapsschädel hockt wahrhaftig ein Schriftsteller. Sein spezifischer Hirnriss markiert exakt die Nahtstelle von Genie und Wahnsinn. Was jedenfalls als "Versuch" begann, sich notierend seiner "Vergangenheit zu vergewissern", ergibt am Ende eine furiose Mischung aus Schelmen-, Heimat-, Sitten- und Sozialroman, ein humoristisch-realistisches Monumentalwerk halt - bevölkert von Figuren, die zwar einerseits extrem die Lachnerven reizen, uns aber andererseits schon deshalb zu Herzen gehen, weil sie nie komischer sein wollen als das Leben selbst.

Frank Schulz: Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien
Roman; Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2004, 767 S., Broschur, 10 Euro

 
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