Tagebuch Aber erfahren sollen sie es!

Das berühmte Tagebuch der Mascha Rolnikaite, das vom Leiden und Sterben der Wilnaer Juden erzählt, erscheint endlich in einer unzensierten Edition

Nirgendwo wurde der Holocaust so früh und so gründlich ins Werk gesetzt wie in Litauen. Bereits Ende November 1941, also noch bevor in Berlin die so genannte „Endlösung“ beschlossen wurde, waren in dem baltischen Staat die meisten jüdischen Einwohner nicht mehr am Leben. Mit buchhalterischer Pedanterie führte der Leiter des Einsatzkommandos 3, SS-Standartenführer Karl Jäger, in seinem Abschlussbericht vom 1. Dezember 1941 auf, an welchem Tag und an welchem Ort wie viele jüdische Männer, Frauen und Kinder umgebracht worden waren. Am Ende erscheint die Summe „137346“, und der Berichterstatter vermerkt stolz: „In Litauen gibt es keine Juden mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.“ Insgesamt verloren 94 Prozent der über 200000 litauischen Juden im Zweiten Weltkrieg ihr Leben – mehr als in jedem anderen von der Wehrmacht besetzten Land.

Bis heute gibt es keine umfassende historische Darstellung des entsetzlichen Geschehens. In Litauen war das Thema lange Zeit ein Tabu – kein Wunder, denn die deutschen Mordkommandos hatten gerade in der litauischen Bevölkerung viele eifrige Helfer gefunden.In manchen Orten fanden bereits vor dem Einmarsch der Wehrmacht Pogrome statt. Als sich Präsident Algirdas Brasauskas 1995 vor der Knesset in Jerusalem für die Beteiligung litauischer Milizen am Judenmord entschuldigte, erntete er im eigenen Land viel Kritik. Denn die meisten Litauer sehen sich immer noch ausschließlich als Opfer – nicht nur der dreijährigen deutschen, sondern mehr noch der fast fünfzigjährigen sowjetischen Besetzung. Erst seit wenigen Jahren haben jüngere litauische Historiker damit begonnen, sich dem brisanten Thema der Kollaboration zuzuwenden.

Auch hierzulande ist das, was zwischen 1941 und 1944 in Litauen geschah, erst jüngst ins öffentliche Bewusstsein getreten. Im Herbst 2000 erschienen die Aufzeichnungen der Helene Holzman über die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Kaunas, niedergeschrieben unmittelbar nach der Befreiung durch die Rote Armee Anfang August 1944 (ZEIT Nr. 47/00). Zu Recht erhielt die 1968 gestorbene Autorin dafür posthum den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München. Nun erscheint (in einer neuen Ausgabe) das Tagebuch der Mascha Rolnikaite – neben dem Tagebuch Hermann Kruks (das Joshua Sobol als Vorlage für sein Stück Ghetto aus dem Jahre 1983 diente) wohl das wichtigste Zeugnis, das sich über den Untergang der Juden in Wilna, der größten jüdischen Gemeinde Litauens, erhalten hat. Denn die 1927 geborene Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts, die heute in St. Petersburg lebt, verbindet scharfe Beobachtungsgabe und erzählerisches Talent mit dem, was man Empathie nennt, also der Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihrem Leiden eine Stimme zu geben.

Mit dem Tagebuch hat es freilich eine eigentümliche Bewandtnis, über die Marianna Butenschön in ihrem Vorwort Auskunft gibt. Von ihren ursprünglichen Aufzeichnungen konnte Mascha Rolnikaite nur einen Bruchteil ins Kriegsende hinüberretten. Nur wenige Tage nach ihrer Befreiung im März 1945 begann sie mit der Wiederherstellung des Manuskripts, und ihr kam dabei zustatten, dasssie, einem Rat ihrer Mutter folgend, alle Eintragungen auswendig gelernt und im Gedächtnis gespeichert hatte. Bereits im Mai 1945, unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Wilna, schloss sie die Niederschrift ab. An eine Veröffentlichung dachte sie zunächst aber nicht; sie wäre wohl auch in der spätstalinistischen Ära, als wieder antisemitische Stimmungen geschürt wurden, kaum möglich gewesen.

"Die Deutschen markieren uns wie Schafe"

Erst Jahre nach Stalins Tod 1953, mit der nun einsetzenden „Tauwetter“-Periode, nahm sie sich ihre Notate wieder vor, übersetzte sie vom Jiddischen ins Litauische und bot sie einem Verlag in Wilna zur Publikation an. Doch die Wächter über die reine Parteilinie beim ZK der litauischen KP machten ideologische Bedenken geltend. Die Autorin lasse die richtige marxistische Klassenposition vermissen, beurteile den Wilnauer Judenrat zu positiv, spreche immer nur von „den Deutschen“, statt von „Hitlerdeutschen“ et cetera. Erst im November 1963 konnte das Buch in einer von der Zensur genehmigten Fassung erscheinen; 1965 folgte eine Übersetzung ins Russische, 1967 eine deutsche Ausgabe für die DDR. Nun endlich liegt zum ersten Mal der ursprüngliche Text aus dem Frühjahr 1945 in einer unzensierten, von Dorothea Greve hervorragend aus dem Jiddischen übertragenen Fassung vor.

Man hat Mascha Rolnikaite die „litauische Anne Frank“ genannt, doch ist dieser Vergleich nicht ganz zutreffend. Denn es handelt sich bei ihrem Werk eben nicht um das Original-Tagebuch, sondern um eine Rekonstruktion aus dem Gedächtnis, gewissermaßen also um ein erinnertes Tagebuch. Das erklärt zum einen die durchgestaltete, literarische Qualität des Textes. Und das macht zum anderen verständlich, warum in die Schilderung des unmittelbar Erlebtem manchmal auch spätere Erfahrungen und Erkenntnisse einfließen. Leider sind solche Stellen nicht kenntlich gemacht worden, wie überhaupt die Kommentierung allzu spärlich ausgefallen ist.

Die Erzählung beginnt mit dem 22. Juli 1941, als deutsche Flugzeuge Wilna bombardieren und die Rote Armee, die Litauen seit Juni 1940 besetzt hält, sich zurückzieht. Maschas Vater, der mit der sowjetischen Besatzungsmacht zusammengearbeitet hat, gelingt die Flucht. Seine Familie bleibt zurück und muss erleben, wie nach dem Einmarsch der Wehrmacht das Leben für die Wilnaer Juden sich schlagartig verändert: Sie dürfen keine Restaurants und Cafés mehr besuchen, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, müssen Radiogeräte und Wertsachen abliefern und, was Mascha als besondere Demütigung empfindet, den Davidstern tragen: „Die Deutschen betrachten uns überhaupt nicht als Menschen, sie markieren uns wie Schafe… Ich werde damit jedenfalls nicht auf die Straße gehen – ich schäme mich, einem Lehrer oder gar einer Freundin so zu begegnen.“

Die Häscher der SS machen, unterstützt von litauischen „Hilfswilligen“, auf offener Straße Jagd auf Juden, und früh wird bekannt, was mit den Gefangenen geschieht: Sie werden in Panieri, einige Kilometer südlich von Wilna, erschossen und in Massengräbern verscharrt. Ponar – so der jiddische Name des Ortes – wird in diesem Tagebuch zum Symbol des Schreckens. Rund 70000 litauische Juden, die meisten aus Wilna, wurden hier ermordet.

Doch inmitten des unfassbaren Grauens, das die Rolnikaites täglich erleben, gibt es einen Lichtblick: Einer von Maschas Lehrern, Henrikas Jonaitis, unterstützt die Familie, wo er nur kann. Er versorgt sie mit Lebensmitteln, gibt seine letzten Rubel für sie her. Dieser selbstlose Mann steht stellvertretend für jene Litauer, die ihren bedrängten jüdischen Mitbürgern zur Hilfe kamen und dabei ihr eigenes Leben riskierten. Die gab es eben auch, und offenbar in größerer Zahl als in dem Land, von dem das große Verbrechen ausging.

Anfang September 1941 müssen die Rolnikaites ihre Wohnung räumen und ins Ghetto umziehen. Maschas Mutter wird Näherin in einer Fabrik und bekommt den begehrten Facharbeiter-Ausweis, der die Familie vorerst vor Selektionen schützt. Was der Überlebenskampf im Ghetto für die dort Eingepferchten bedeutete, das führt dieses Tagebuch eindringlich vor Augen. Die Rolnikaites müssen sich die Wohnung mit acht Familien teilen. Da die schmalen Rationen nicht ausreichen, müssen die Ghettobewohner versuchen, zusätzliche Lebensmittel durch die Kontrollen am Ghettotor zu schmuggeln – ein lebensgefährliches Unternehmen. Und immer wieder finden des Nachts Razzien statt, bei denen Menschen verhaftet werden. Jedes Mal schrickt Mascha zusammen, wenn sie das dumpfe Geräusch der Stiefel hört: „Wenn man doch nur einen einzigen Tag ohne Todesangst leben könnte!“

Seit dem 17. Jahrhundert trug Wilna den stolzen Namen „litauisches Jerusalem“. Hier hatte sich ein besonders reiches jüdisches Kulturleben entwickelt. Und selbst unter den extremen Bedingungen des Ghettos suchten dessen Insassen diese Tradition fortzusetzen. Mascha Rolnikaite berichtet, wie wichtig die Kultur als Mittel der geistigen Selbstbehauptung war. Es gab eine Bibliothek, es gab Schulen, ein Theater, zwei Chöre und ein Symphonieorchester, zu dessen Repertoire Beethovens Neunte gehörte: „Der Text zum vierten Satz ist Schillers Ode ,An die Freude!‘ Den Inhalt hat uns jemand übersetzt. Es heißt dort, alle Menschen seien Brüder. Bestimmt ist das so… Nur schade, dass die Deutschen davon nichts wissen oder wissen wollen.“

Und immer fragt sie: "Woher der wilde Hass auf uns?"

Die militärischen Rückschläge der Wehrmacht vor Moskau im Dezember 1941 wecken Hoffnungen. An der Jahreswende 1941/42 zirkulieren Flugblätter im Ghetto, die dazu aufrufen, sich nicht mehr wie Schafe zur Schlachtbank führen zu lassen. Im Frühjahr 1942 erfährt Mascha Rolnikaite, dass sich die Widerstandsgruppen zu einer Vereinigten Partisanen-Organisation (FPO) zusammengeschlossen haben. „Doch darüber darf nicht gesprochen werden. Mama hat mir sogar verboten, es aufzuschreiben.“ Von einer geheimen Bewaffnung ist die Rede und davon, dass immer mehr Mitglieder der Untergrundorganisation sich den sowjetischen Partisanen in den Wäldern anschließen. Nach der Kriegswende von Stalingrad 1942/43 wächst der Widerstand. Die Ghettoinsassen, heißt es, seien „keine gehorsamen, eingeschüchterten, passiven Opfer mehr“: „Jetzt wehren sich alle, so gut sie können.“

Am 23. September 1943 wird das Wilnaer Ghetto aufgelöst. Für Mascha Rolnikaite wird dieser Tag zum Trauma. Denn er bedeutet die gewaltsame Trennung von ihrer Mutter und ihren beiden jüngeren Geschwistern. Eine herzzerreißende Szene: „,Mama!‘, schreie ich, so laut ich kann. ,Komm du zu mir!‘ Sie schüttelt nur den Kopf und ruft mit einer seltsam heiseren Stimme: ,Lebe, mein Kind! Wenigstens du sollst leben! Nimm Rache für die Kleinen!‘ … Man hat sie beiseitegedrängt. Ich sehe sie nicht mehr.“ Sie wird sie nicht wiedersehen.

Zusammen mit 1700 Überlebenden des Ghettos wird Mascha ins Lager Kaiserwald nach Lettland transportiert, von dort aus kommt sie ins Lager Strasdendorf in einem Vorort von Riga. Hier muss die Sechzehnjährige in einem Steinbruch schwerste körperliche Arbeit verrichten – und das bei völlig unzureichender Ernährung, dürftiger Bekleidung, Bestrafungen aus nichtigstem Anlass und, das Schlimmste, stundenlangem Appellstehen: „Wie Schaufensterpuppen müssen wir in eisiger Kälte ausharren, ohne uns zu rühren.“ Im Ersinnen immer neuer Schikanen und Torturen erweisen sich SS-Männer und SS-Frauen als außerordentlich erfinderisch, und immer wieder stellt Mascha Rolnikaite die Frage, die bis heute einer Antwort harrt: „Woher dieser wilde Hass auf uns?“

Im Sommer 1944, als die Front näher rückt, wird das Lager Strasdendorf evakuiert. Die letzte Station ist das KZ Stutthof bei Danzig. Hier erlebt Mascha Rolnikaite im Winter 1944/45 eine wahre Hölle. Es gibt kein Wasser mehr, kaum noch Verpflegung; schließlich bricht eine Typhusepidemie aus; täglich sterben hunderte von Häftlingen; vor dem Krematorium türmen sich die Leichen. Mascha überlebt auch diesen Schrecken, doch ist sie so geschwächt, dass ihre Füße sie kaum mehr tragen, als Stutthof im Januar 1945 geräumt wird. Mit dem Bericht über den Todesmarsch endet dasTagebuch. Auf beklemmende Weise wird deutlich, wie das mörderische SS-System selbst noch im Chaos des sich auflösenden „Dritten Reiches“ funktionierte. Erbarmungslos treiben die Begleitmannschaften die total entkräfteten Häftlinge voran. Wer nicht mehr laufen kann, wird erschossen. Endlich, Anfang März 1945, befreit eine Vorhut der Roten Armee die Überlebenden.

„Darum muss alles, was hier geschieht, im Tagebuch festgehalten werden“, notierte die gerade Vierzehnjährige wenige Wochen nach dem deutschen Einmarsch, als das Morden bereits in vollem Gange war. „Wenn ich am Leben bleibe, werde ich selber erzählen, wenn nicht – werden andere es lesen. Aber erfahren sollen sie es! Unbedingt!“ Mascha Rolnikaite blieb am Leben, und so konnte sie beides – als Zeitzeugin (bis heute) erzählen und uns zugleich ein Buch hinterlassen, das sie zur Chronistin einer großen Katastrophe werden ließ: der Vernichtung des „litauischen Jerusalems“.

Mascha Rolnikaite: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945
Aus dem Jiddischen von Dorothea Greve. Mit einem Vorwort von Marianne Butenschön
Kindler Verlag, Berlin 2002
288 S.; 19,90 Euro

 
  • Serie rezension
  • Quelle © DIE ZEIT 41/2002
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