Welternährungstag Nie war der Hunger größer

1,2 Milliarden Menschen hungern – so viele Menschen waren noch nie von Lebensmittelknappheit betroffen. Schuld an dem Anstieg haben Dürren und die Wirtschaftskrise.

Mehr als 1,2 Milliarden Menschen leiden an Hunger. Lebensmittellieferungen wie hier in einem Lager im Kongo sind für Flüchtlinge und Vertriebene oft die einzige Nahrungsmittelquelle. (Archivbild)

Mehr als 1,2 Milliarden Menschen leiden an Hunger. Lebensmittellieferungen wie hier in einem Lager im Kongo sind für Flüchtlinge und Vertriebene oft die einzige Nahrungsmittelquelle. (Archivbild)

So viele Hungernde gab es noch nie: Jeder sechste Mensch verfügt nicht über genügend Lebensmittel, rund 1,2 Milliarden Menschen hungern. Schuld an dieser Entwicklung sind drei globale Krisen: Zunächst führte die Nahrungskrise in den Jahren 2007 und 2008 zu einer verschlechterten Ernährungssituation. Sie wurde durch extrem hohe Nahrungsmittelpreise verursacht, welche die Zahl der Hungernden von 800 Millionen auf 900 Millionen anstiegen ließen. Und auf den Preisanstieg folgte die Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Welternährungslage weiter verschärfte. Die dritte Krise, der Klimawandel, brachte gleichzeitig Dürren und Missernten in vielen Teilen der Welt.

Auf diese dramatische Lage soll der diesjährige Welternährungstag Ende dieser Woche aufmerksam machen, denn die Nahrungsmittelkrise ist nicht zu Ende, auch wenn dies aufgrund der kurzen Entspannung und der Überlagerung durch die Wirtschaftskrise vielleicht so erschien. Sie ist vielmehr in vollem Gang und wird es ohne wirksame Gegenmaßnahmen auch bleiben.

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Vor 2006 waren viele Jahre lang die Nahrungspreise niedrig. Das nützte in Entwicklungsländern zwar den Städtern, schadete aber den Bauern. Ab 2006 stiegen die Nahrungsmittelpreise dann plötzlich sprunghaft an und erreichten Rekordhöhen. Die damals hohen Erdölpreise verursachten einen Anstieg der Produktionskosten, vor allem bei Diesel und Düngemitteln. Und zahlreiche Förderprogramme für Biodiesel in vielen Industriestaaten führten zu einem weiteren Preisanstieg von Nahrungsmitteln. Ernteausfälle in Australien verursachten zudem einen starken Rückgang der Weltgetreidevorräte. Es wurden Angstkäufe getätigt und einige Regierungen erschwerten den Export von Lebensmitteln, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Dies wiederum begünstigte Spekulationen auf den Finanzmärkten und führte zu weiteren Preissteigerungen.

Zunächst sah es danach aus, dass die Nahrungskrise auch einen guten Effekt hatte: Es kam die Hoffnung auf, dass sich Investitionen in die Landwirtschaft wieder lohnen und die Arbeit der Bauern rentabel werden könnte. Bevor solche Effekte jedoch eintreten konnten, wurde die Welt von der Finanz- und Wirtschaftskrise erfasst. Die Rohstoffpreise fielen und auch die Getreidepreise gingen zurück. Dies bedeutete zwar eine kurzfristige Entspannung der Ernährungslage, führte aber dazu, dass die Investitionsanreize für den landwirtschaftlichen Sektor verpufften. Zurückgehende Direktinvestitionen, ausbleibende Rücküberweisungen und fallende Staatseinnahmen führten zu stark sinkenden Haushaltseinkommen – besonders in den armen Entwicklungsländern. Für die Bauern schlägt sich außerdem die steigende Unsicherheit in teureren Krediten nieder.

Investitionen in landwirtschaftliche Entwicklung sind trotz der Rückschläge nach wie vor der einzige Weg, um das Nahrungsmittelangebot zu steigern und um besonders in den armen Ländern mehr Unabhängigkeit von internationalen Getreidepreisen zu erreichen. Landwirtschaftliche Systeme müssen gegenüber stark schwankenden Wetterereignissen als Folge des Klimawandels sicherer gemacht werden.

Wichtig ist vor allem, dass die Industrieländer ihre finanziellen Zusagen an das Welternährungsprogramm einhalten. Und der Internationale Weltwährungsfonds muss die Folgen der Wirtschaftskrise für die Entwicklungsländer effektiver abfedern. Es ist jedoch auch ein stärkeres Engagement der Entwicklungsländer erforderlich: Eine grüne Revolution in Afrika könnte die Defizite der Vergangenheit ausgleichen und eine Landwirtschaft auf den Weg bringen, die Wasser konservierende und Bodenfruchtbarkeit steigernde Maßnahmen in den Mittelpunkt stellt und die diese Strategien klug mit nachhaltigen Saatzuchtprogrammen und Bewässerungstechnologien kombiniert, um die lokale Pufferkapazität gegen Dürren zu steigern.

Regionale Führungsmächte wie China und Indien sollten zudem an Krisenplänen zur Erhöhung der internationalen Pufferkapazitäten, beispielsweise der Weltgetreidevorräte, mitwirken. Es müssen Strategien entwickelt werden, wie die immer mehr auf Fleisch basierende Ernährung der Wohlhabenden in dieser Welt eingedämmt werden kann. Für die Schlachtviehzucht werden große Mengen Getreide, viel Land und Wasser aufgewendet – das können wir uns nicht mehr leisten.

Susanne Neubert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Sie beschäftigt sich mit Umweltpolitik und Ressourcenmanagement.

 
Leser-Kommentare
  1. "Dürren und Wirtschaftskrise", da kann man nur entschieden widersprechen. Oberflächlich ist es zwar so, dass diese Phänomene den Anstieg verursachen, hintergründig geht es aber wie immer um die Verteilung. Trotz immer grösserem Gefälle zwischen arm und reich ist es nicht modisch sich mit hungernden Afrikanern auseinanderzusetzen, diese werden lieber als Wirtschaftsflüchtlinge dargestellt, die ins volle Boot Europa wollen: "Draussen bleiben ihr Sozialschmarotzer, bringt eure Gesellschaften mal auf Vordermann!" und "Terroristen!" hört man.
    http://www.zeit.de/politi...

    Ausserdem wird vor der Gefahr gewarnt, Afrikaner könnten Klimakiller produzieren. "Schreck lass nach, diesem Treiben muss ein Ende gesetzt werden!"
    http://www.zeit.de/wissen...

    Es ist einfach nicht modern sich mit Loosern abzugeben, diese werden lieber als globle Gefahr dargestellt. Die Arroganz der Länder die grundsätzlich die Macht hätten was zu ändern ist heute grösser. Das ist der Grund, weshalb heute mehr Menschen verhungern.

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    Wollen Sie den Kolonialismus wieder einführen?
    Oder die armen Looser alle nach Europa kommen lassen?

    Wollen Sie den Kolonialismus wieder einführen?
    Oder die armen Looser alle nach Europa kommen lassen?

    • lef
    • 12.10.2009 um 20:13 Uhr

    bloß natürlich nie die Betroffenen selbst.

    Ob niedrige Lebensmittelpreise oder hohe Preise - immer sind es die Reicheren, die natürlich immer schuld sind.
    Ob es regnet (immer zu viel) oder nicht (immer zu wenig) , ob es wärmer wird oder kälter - immer sind es die Industriestaaten, deren wohlfeiles Schuldbewusstsein schnell gefunden und befriedigt ist.

    Die Bevölkerung gerade in armen Gebieten der Welt verdoppelt sich alle 10 Jahre,
    zu dumm, dass da immer noch kein Weg gefunden ist, auch dafür die Bewohner von Industriestaaten verantwortlich zu machen,
    aber auch da findet sich demnächst sicher ein Argument.

    Ohne die Technik aus Industriestaaten würden ALLE Armen der Welt längst verhungert sein,
    genau so, wie im 17. - 19. Jhdt. in Europa sehr oft Hungersnöte herrschten,
    AUCH wegen Bevölkerungsexplosion und Klima.
    Wir (unsere Urgroßeltern in Europa und anderswo) haben daraus gelernt und UNSERE Verhältnisse geändert - nicht gejammert und Andere dafür verantwortlich gemacht.
    Die in dieser Zeit entwickelten und in letzter Zeit perfektionierten Agrarmaschinen, die hochentwickelten frachter und Vieles mehr sorgen jetzt dafür, dass immer mehr Menschen weltweit ernährt werden können - auch in Gebieten, die wegen der Bevölkerungsvervielfachung längst nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu ernähren.

    Aber angesichts weiter explodierender Bevölkerung reicht auch das nicht mehr überall.

    • Kaato
    • 12.10.2009 um 20:33 Uhr

    auf diesem kleinen Planeten! Die im Artikel angesprochenen Probleme, sind nur die Symtome.
    Solange der Mensch nicht selber für Einhalt sorgt, regelt die Natur das auf eine Weise, die nie und nimmer im Interesse der (wir haben uns alle lieb)Fraktion sein kann. Hunger, Verteilungskämpfe und Seuchen sind die Instrumente der Natur um Naturgesetzen Geltung zu verschaffen.
    Am Ende dieses Prozesses werden dann aber (wenn überhaupt noch welche übrig bleiben)viel mehr Opfer zu beklagen sein, als wenn der Mensch (wie auch immer) für einen Stop der Bevölkerungsexplosion sorgen würde!

    Klingt hart? Ist aber so!
    Globalisierung ist eine tolle Sache, muss man schon sagen. Probleme lokaler Natur werden globalisiert, damit alle was abbekommen.

  2. Wollen Sie den Kolonialismus wieder einführen?
    Oder die armen Looser alle nach Europa kommen lassen?

    Antwort auf ""Dürren und"
  3. ´Regionale Führungsmächte wie China und Indien sollten zudem an Krisenplänen zur Erhöhung der internationalen Pufferkapazitäten, beispielsweise der Weltgetreidevorräte, mitwirken.´

    Es ist die Aufgabe eines JEDEN Staates, für Notzeiten vorzusorgen. Alle diese Hungerstaaten tun das nicht, oder nicht ausreichend. Wozu auch, es gibt ja das Welternährungsprogramm und Brot für die Welt und Misereor und und und all die vielen tollen und z.T dubiosen NGOs, die wie Geier über den Ländern Afrikas kreisen, ihre ganz eigene Agenda verfolgen und darauf angewiesen sind, aus jeder Kleinigkeit eine humanitäre Katastrophe biblischen Ausmaßes zu machen, sonst bekämen sie nämlich weniger Geld und müßten ihre Leute entlassen. Allerdings würden sie dann die lokale Landwirtschaft nicht sabotieren.

    Die Hungerstaaten freuen sich und investieren das frei gewordene Geld fleißig in Schießprügel und Munition, oder direkt in das Wohlleben ihrer lokalen politischen Verbrecherkaste.

    Die Hungerleider freuen sich, weil sie etwas zu essen bekommen, ohne dafür erst mal arbeiten zu müssen und werden, ohne daß sie es merken, auf Dauer zu würdelosen Bettlern.

  4. Nach vielen Reisen in Drittewelt- und Schwellenländer frage ich mich, 1. ob diese ganzen Ernährungshilfen und die Armutsbekämpfung nicht in Wahrheit neue Formen eines - quasi umarmenden - Kolonialismus durch die Hintertüre sind.
    2. ob die Vorstellung, in diese Ländern aktiv hinein gehen zu müssen, um ihnen bei der Entwicklung zu helfen (Technologie, Staatsorganisation, Ressourcenmanagement u.s.w., eben fast alles), nicht unterstellt, daß die es eh nicht selber ´auf die Reihe kriegen´, mithin Symptome eines latenten Rassismus sind.
    3. ob all die gutmeinenden Helfer nicht einfach zu feige sind, die eigentlichen Probleme dieser Hungerländer zum Thema zu machen: Bevölkerungswachstum, Mißwirtschaft, Korruption, Desorganisation, Stammesdenken. Denn dabei können sie nicht helfen. Das sind Probleme, die nicht wir für die lösen müssen, sondern die für sich.
    4. ob das eigentliche Problem all dieser Helfer nicht gerade darin besteht, daß sie in Wahrheit gar nicht helfen können.

    ´Es müssen Strategien entwickelt werden, wie die immer mehr auf Fleisch basierende Ernährung der Wohlhabenden in dieser Welt eingedämmt werden kann. Für die Schlachtviehzucht werden große Mengen Getreide, viel Land und Wasser aufgewendet – das können wir uns nicht mehr leisten.´

    Oh Gott, so schlimm ist es schon? Auf den Schock hin habe ich erst mal ein saftiges Kotelett gegessen.

    Ceterum censeo: Es lebe die wissenschaftliche Scharlatanerie!

    • lef
    • 13.10.2009 um 0:26 Uhr

    Möchtegern-Linke einsaehen müssen, dass der Kapitalismus nicht Ursache, sondern Lösung war und ist.
    Hungerprobleme gab es im 19.Jhdt. reichlich - legendär ist die Kartoffelkatastrophe in Irland.
    Die Lösung für Viele (nicht nur in Irland) war: auswandern.
    Nach Amerika, wo viel Raum vorhanden und nur wenige Ureinwohner störten.
    Immerhin, abgesehen vom Genozid an den Ureinwohnern: Die Auswanderer waren bereit, nicht nur hart zu arbeiten, sondern auch das Risiko zu übernehmen (So mancher Farmer ist dort auch verhungert).
    Ein solches Gebiet gibt es nicht mehr und es drängt sich eher der Eindruck auf, dass viele Migranten heutzutage eher die Bereitschaft der reicheren Staaten anlockt, sie auch dann zu versorgen, wenn ihre Arbeitskraft nicht gebraucht wird.

    Wie auch immer,
    der Rest, der nicht auswanderte, schuf die "Industrialisierung", suchte also neue Wege.
    Auch wenn der Kapitalismus zu Beginn durchaus Leid in anderer Form auch produzierte (, z.B. das Ende handwerklicher Betriebe, wie die Webereien - heute Strukturwandel genannt),
    insgesamt war die Versorgung größerer Volksmassen mit neuen Maschinen, neuen Techniken usw. sehr effektiv. Bis hin zu früher undenkbarem Nahrungsmittelüberschuss.

    Gebiete, in denen heute Hungersnöte herrschen, sind sehr unterschiedlich zu bewerten:

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    Als Beweis für die Überlegenheit des Kapitalismus in der Bekämpfung des Hungers wären die wirtschaftlichen Reformen in China oder Vietnam die besseren Beispiele gewesen.
    Im Gegensatz dazu wurde die oben erwähnte Irische-Kartoffelkrise nämlich gerade durch den Kapitalismus und Großgrundbesitz ausgelöst. Irland war während der gesamten Hungerkatastrophe Netto-Exporteur von Lebensmitteln (interessanter Weise Fleisch) für den englischen Markt. Für die Großgrundbesitzer die überwiegend in England lebten war die Fleischproduktion lukrativer als das Verpachten von Land an die landlose und verarmte irische Bevölkerung. Durch die damit verringerte Anbaufläche blieb der Bevölkerung gar nichts anderes übrig als Kartoffeln anzubauen die einzige Fedlfrucht die zumindest theoretisch die gesamte Bevölkerung hätte Ernähren können.
    Ein besseres BSp. um ihre Theorie zu stützen wäre Vietnam gewesen wo der einsetzende Kapitalismus das Land vom Hunger befreit und es zu den größten Reisexporteuren der Welt gemacht hat.
    Allerdings habe ich durchaus Zweifel an ihrer Theorie. Gerade wenn man denn Ankauf großer Landflächen in Afrika betrachtet. Gerade Arabische und Ostasiatischen Ländern entziehen so Afrikanischen Ländern Agrarflächen und dann sind wir wieder bei der Kartoffelkatastrophe von Irland. -alles nach dem Gesetz des Marktes

    Als Beweis für die Überlegenheit des Kapitalismus in der Bekämpfung des Hungers wären die wirtschaftlichen Reformen in China oder Vietnam die besseren Beispiele gewesen.
    Im Gegensatz dazu wurde die oben erwähnte Irische-Kartoffelkrise nämlich gerade durch den Kapitalismus und Großgrundbesitz ausgelöst. Irland war während der gesamten Hungerkatastrophe Netto-Exporteur von Lebensmitteln (interessanter Weise Fleisch) für den englischen Markt. Für die Großgrundbesitzer die überwiegend in England lebten war die Fleischproduktion lukrativer als das Verpachten von Land an die landlose und verarmte irische Bevölkerung. Durch die damit verringerte Anbaufläche blieb der Bevölkerung gar nichts anderes übrig als Kartoffeln anzubauen die einzige Fedlfrucht die zumindest theoretisch die gesamte Bevölkerung hätte Ernähren können.
    Ein besseres BSp. um ihre Theorie zu stützen wäre Vietnam gewesen wo der einsetzende Kapitalismus das Land vom Hunger befreit und es zu den größten Reisexporteuren der Welt gemacht hat.
    Allerdings habe ich durchaus Zweifel an ihrer Theorie. Gerade wenn man denn Ankauf großer Landflächen in Afrika betrachtet. Gerade Arabische und Ostasiatischen Ländern entziehen so Afrikanischen Ländern Agrarflächen und dann sind wir wieder bei der Kartoffelkatastrophe von Irland. -alles nach dem Gesetz des Marktes

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