Polio Fluch und Segen einer Impfung
Die Polio-Impfung hat schon Hunderttausende Kinder vor einer Lähmung bewahrt. Ausgerottet ist die Krankheit allerdings noch lange nicht. Ein Kommentar von Alexander Kekulé
© Paula Bronstein/Getty Images

Der 11-jährige Fawad kann dank seiner Krücken Fußball spielen. Mit zwei Jahren bekam er Polio – eine Krankheit die wegen fehlender Impfmaßnahmen in Afghanistan noch immer viele Kinder trifft
Während die Welt über Nutzen und Risiken der Schweinegrippe-Impfung streitet, lehnt sich am heutigen 28. Oktober so mancher Virologe zurück und träumt leise von der guten, alten Zeit. Es ist Welt-Poliotag, der alljährlich begangen wird zum Geburtstag von Jonas Salk, Nobelpreisträger und Erfinder des ersten Impfstoffs gegen Kinderlähmung.
In den fünfziger Jahren, als die Salk-Vakzine herauskam, waren Virologen noch echte Helden und wurden auch als solche gefeiert. In den USA erkrankten jedes Jahr zehntausende Kinder an der Nervenlähmung. Einzige Hoffnung für schwere Fälle war die "eiserne Lunge", eine monströse Maschine, in dem die Kinder wochenlang künstlich beatmet wurden. Viele starben trotzdem, sie erstickten vor den Augen ihrer Eltern und Ärzte.
Doch dann kam Salk. Der Virologe von der Universität Pittsburgh war besessen von der Idee, das Virus abzutöten und in einen Impfstoff zu verwandeln. Bis 1954 hatte er seinen Impfstoff an 1000 Kindern erfolgreich getestet, doch das reichte den Behörden nicht. Sie wollten mindestens zehnmal so viele Untersuchungen, bevor eine landesweite Zulassungsstudie genehmigt würde.
Also ließ der damals 39-Jährige Rhesus- und Java-Affen aus Indien und von den Philippinen importieren, 5000 Tiere pro Monat. Er entnahm den Affen die Nieren, verarbeitete sie zu einzelnen Zellen und züchtete darauf Polioviren. Die abgetöteten und gereinigten Viren spritzte er tausenden Schulkindern aus Pittsburgh – rund 90 Prozent der Eltern hatten dem Experiment zugestimmt.
Am 12. April 1955 war es dann endlich so weit: Die US-Behörden erklärten den Impfstoff als "sicher und wirksam", fünf Pharmafirmen bekamen Lizenzen für die Herstellung. Schon zwei Wochen später kam es jedoch zur Katastrophe: Durch einen Produktionsfehler waren lebende Viren in einen Teil der Ampullen geraten. Als man das bemerkte, waren davon bereits 120.000 Dosen verimpft. Etwa 40.000 Kinder bekamen Polio, 164 blieben teilweise gelähmt, zehn starben. Es war eine der größten Pharmakatastrophen der Geschichte.
Die Impfbereitschaft der US-Bevölkerung hat darunter allerdings kaum gelitten. Nachdem die verunreinigte Charge vom Markt genommen war, wurden bis 1962 rund 400 Millionen Kinder mit der Salk-Vakzine geimpft.
- Datum 28.10.2009 - 15:24 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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