Wegen eines Produktionsfehlers infizierte das Impfserum 40.000 Kinder mit dem Virus
Danach führte man sogar einen Impfstoff ein, der lebende Viren enthält. Hillary Koprowski und Albert Sabin hatten abgeschwächte ("attenuierte") Polioviren gezüchtet, die im Gegensatz zum "Wildvirus" das Nervensystem nicht befallen können. Ihre Vakzine bewirkte einen fast lebenslangen Immunschutz und konnte geschluckt statt gespritzt werden – damit war die Kinderlähmung endlich auch in den Entwicklungsländern zu bekämpfen.
Heute gilt die Kinderlähmung als beinahe ausgerottet, nur vier Länder (Afghanistan, Indien, Nigeria, Pakistan) melden regelmäßig noch neue Infektionen. Doch obwohl deren Zahl seit 1988 von 350.000 auf unter 2000 pro Jahr gesenkt werden konnte, will das Virus einfach nicht ganz verschwinden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verschob den Termin für die vollständige "Polio-Eradikation" zuerst von 2000 auf 2005, inzwischen wagt sie in dieser Frage überhaupt keine Prognose mehr.
Paradoxerweise ist der so erfolgreiche Lebendimpfstoff ein Teil des Problems: Durch genetische Veränderung entstehen aus den attenuierten Impfviren von Zeit zu Zeit wieder voll aktive Viren, die eine Kinderlähmung auslösen können. Wenn nur ein Teil der Bevölkerung geimpft ist, können sie sich weiter ausbreiten.
In Nigeria zum Beispiel verursachen vom Impfstoff abstammende Polioviren derzeit fast die Hälfte der Erkrankungen. Durch Reisende werden sie von dort in alle Welt getragen: Auch in Europa und anderen "poliofreien" Erdregionen finden sich in Abwasserproben immer wieder von Impfviren abstammende Polio-Mutanten.
Dass die von Infizierten mit dem Stuhl ausgeschiedenen Viren hier keinen Schaden anrichten, ist nur der gründlichen Polio-Impfung in den Industrieländern zu verdanken. Auch in Deutschland muss deshalb wohl noch sehr lange gegen eine Krankheit geimpft werden, die eigentlich so gut wie ausgestorben ist.
- Datum 28.10.2009 - 15:24 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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