Gesundheitsfonds Bewusst unterfinanziert
Wenn die Krankenkassen demnächst Zusatzbeiträge erheben müssen, ist das nicht ihre Schuld. Die Politik hat es so gewollt. Gerecht ist das System nicht. Ein Kommentar
Vorneweg eines: Die Zusatzbeiträge, die den gesetzlich Krankenversicherten im nächsten Jahr drohen, sind kein Unglücksfall. Sie waren politisch gewollt. Union und SPD haben sich in großer Koalition bewusst dafür entschieden, die Arbeitgeber bei den Gesundheitskosten weiter zu entlasten. Und sie wollten den Krankenkassen bei aller Gleichmacherei im Gesundheitsfonds mit dem Konstrukt wenigstens etwas Wettbewerb aufzwingen. Nach dem darwinistischen Motto: Wer Zusatzbeiträge verlangen muss, wirtschaftet schlechter als die anderen – und hat es verdient, dass ihm seine Versicherten den Rücken kehren.
Der Fonds wurde also bewusst unterfinanziert, die von den Arbeitnehmern allein zu stemmenden Aufschläge waren Programm. Es hat Gutes bewirkt, wie die plötzlich einsetzende Spar- und Fusionswilligkeit der Kassen. Doch im entscheidenden Punkt haben sich die Reformer vertan: Als wettbewerbsfördernd werden sich die Zusatzbeiträge kaum erweisen. Damit keiner einen Nachteil erleidet, haben die Kassen diesen Schritt bis jetzt gemeinsam hinausgezögert (und dafür manch sinnvolle Investition unterlassen). Gemeinsam werden sie im Jahr 2010 auch damit herauskommen.
Mehr Wettbewerb? Nicht mal in der Höhe der Aufschläge werden sich die Kassen groß unterscheiden. Sechs bis acht Euro im Monat sind zu erwarten – weniger lohnt sich nicht, mehr wäre wegen der dann fälligen Einkommensprüfungen nur Riesenaufwand. Von der Versicherten-Freiheit, sich eine günstigere Kasse suchen zu können, keine Spur. Fände man tatsächlich eine, käme der Zusatzbeitrag dort vielleicht einen Monat später. Und Alte, Kranke oder Pflegebedürftige denken sowieso nicht an Kassenwechsel.
Was die Zusatzbeiträge auszeichnet, ist also vor allem Ungerechtigkeit. Bis zum Schwellenwert von 96 Euro im Jahr bekommt jeder – ob Arm oder Reich – den gleichen Aufschlag verpasst. Und Kassen, die mehr wollen, müssen davon nur die ausnehmen, denen der Zusatzbeitrag dann über ein Prozent ihres Haushaltseinkommens wegfrisst. Da ist die Idee, die prozentualen Beiträge durch Pauschalen zu ersetzen, noch fairer – denn hier ist wenigstens ein umfassender Sozialausgleich vorgesehen.
Gut möglich, dass die Versicherten die einseitige Zumutung einfach so hinnehmen. Von echter Parität hat sich das Gesundheitssystem ja schon seit längerem verabschiedet. Aber wenn den Politikern die Idee mit den Zusatzbeiträgen um die Ohren fliegt, dann geht eines nicht: mit dem Finger auf die bösen Krankenkassen zu zeigen. Es waren sie schon selber.
- Datum 07.12.2009 - 12:11 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Es heisst Gesundheitsmarkt, nicht Gesundheitssystem.
Es heißt "heißt"...
Es heißt "heißt"...
Ein Pharmakritiker hat festgestellt, dass nach Ablauf von
Ein Pharmakritiker hat festgestellt, dass Pharmafirmen nach Ablauf des Patentschutzes geringfügige molekulare Veränderungen vornehmen und das Medikament dann unter neuem Patentschutz wieder verkaufen. Ärzte, die an einer Erprobungsmaßnahme teilnehmen, erhalten pro Patienten, dem sie es verschreiben, 50 €. Preis des Medikamentes alter Zusammensetzung z. B. von Ratiopharm: 20 €, Preis des "neuen" Medikamentes: 200 €. Wirksamkeitsunterschiede
sind nicht bekannt.
Wenn die Kassen keine Möglichkeit haben, dieses Medikament abzulehnen, dann dürfen wir uns über die Beitragshöhe nicht wundern. Warum gehen sie nicht an die Öffentlichkeit? Warum unternehmen sie nichts gegen ihre Ärzte? Was verdienen die Ärzte durch solcherlei Zubrote? Wo bleibt die Moral?
Es heißt "heißt"...
Ich kann "chali" nur Recht geben.
Denn auch die Gesundheit ist dem Streben nach immer mehr Profit verfallen. Die Pharmainsutrie forscht nur in Bereichen, für die sich die Entwicklung eines neuen Medikamentes lohnt! Dies einseitig zu verurteilen erachte ich Falsch, da die Entwicklung mit all ihren Prozessen Unsummen verschlingt. Jedoch muss der Profitgier doch mal eine Ende gesetzt werden. Die Gesellschaft zerstört sich selbst...
...
Im ersten Halbjahr 2009 wurden Medikamente im Wert von 15,8 Milliarden Euro in Deutschland durch niedergelassene Ärzte verordnet. (Dies sind rund eine Milliarde Euro beziehungsweise knapp sieben Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum!)
Wenn man sich die in der ZDF-Sendung (Maybrit Illner v. 22.10.2009) aufgezeigten Zahlen „Ausgaben der Pharmakonzerne“ vor Augen führt, dann wird vieles deutlich: Lt. dieser Zahlenlage werden in den Pharmakonzernen bis zu 24 % Profit realisiert und die unglaublich anmutende Zahl von 40 % des Umsatzes fließt allein in das Marketing (übrigens nur 1 % in die Herstellung und 10 % in die Forschung!), alles das wird von den Beitragszahlern der Krankenkassen über die Medikamentenpreise mit bezahlt!
Eine Festlegung von Preisobergrenzen für verschreibungspflichtige Medikamente, die sich am europäischen Preisniveau orientieren könnte - und die exorbitanten Marketingaufwendungen und Profiterwartungen auf ein Normalmaß zurückführt - würde die Beitragszahler um 3 bis 6 Milliarden Euro kurzfristig entlasten!
Davon ausgehend, dass durch das Zulassungsverfahren Medikamente auf die Therapie bestimmter Krankheiten beschränkt werden könnten, obwohl sie auch für die Therapie anderer Krankheiten geeignet wären - nur um bestehende hochpreisige Medikamente zu schützen - wären weitere Entlastungen für die Solidargemeinschaft der Beitragszahler denkbar, wenn z.B. Zwangszulassungen in Deutschland eingeführt würden!
Warum ergreift die Politik nicht die Initiative?
...bekannt. Da nutzt es nun nicht zu klagen. Die Medien hätten Transparenz und Wettbewerb einfordern könne, bevor die Reform zugezwungen wurde. Die Transparenz wurde aber nie erzwungen.
@7, die Politik versteht sich nun mal Exekutiv- und Marketingabteilung der großen Konzerne. Punkt.
@8, die Medien verstehen sich als Marketingabteilungen sowohl der großen Konzerne als auch - logischerweise - der Mainstreampolitik. Punkt. Aber das wissen Sie ja.
Eine kapitalistische Wirtschaftsverfassung ist per Definition unsolidarisch, asozial im eigentlichem Sinn.
@7, die Politik versteht sich nun mal Exekutiv- und Marketingabteilung der großen Konzerne. Punkt.
@8, die Medien verstehen sich als Marketingabteilungen sowohl der großen Konzerne als auch - logischerweise - der Mainstreampolitik. Punkt. Aber das wissen Sie ja.
Eine kapitalistische Wirtschaftsverfassung ist per Definition unsolidarisch, asozial im eigentlichem Sinn.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren